Internationale Jugendbegegnung Ulm

Jugendliche aus 13 Nationen pflegen Kriegsgräber und arbeiten in friedenspädagogischen Workshops

30. August 2017

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27 Jugendliche aus 13 Nationen waren vom 11. bis 25. August zu Gast bei der internationalen Jugendbegegnung des Landesverbandes Baden-Württemberg in der Region Ulm.

Teilnehmende aus Bulgarien, Italien, Ungarn, Deutschland, Rumänien, Frankreich, Polen, Syrien, Belarus, der Ukraine, Russland, Mazedonien und der Türkei waren zu Gast in Baden-Württemberg. Ziel  dieser jährlich stattfindenden Internationalen Jugendbegegnung ist es, den Austausch zwischen den Ländern Europas zu fördern, Vorurteile abzubauen, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu schaffen und Interesse an den jeweiligen Ländern und Kulturen zu wecken.

Während der zwei Wochen arbeiteten die Jugendlichen an den Gräbern der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft auf dem Ulmer Hauptfriedhof und leisteten so einen persönlichen Beitrag gegen das Vergessen. Sie reinigten die Steinkreuze, zeichneten Grabinschriften nach und pflegten die Grünanlagen. Eng mit der Arbeit am Kriegsgrab verbunden ist das Thema der historisch-politischen Bildung. In Seminaren, bei Zeitzeugengesprächen und beim Besuch der Gedenkstätte Oberer Kuhberg und der DenkStätte „Weiße Rose“ erfuhren die jungen Menschen nicht nur von dem leidvollen Schicksal von Menschen im Krieg, sondern lernten auch zu verstehen, wie totalitäre Systeme entstehen und funktionieren. Das Thema „Menschenrechte“ als diesjähriges Jahresthema der Bildungsarbeit des Volksbundes wurde dabei aufgegriffen und schaffte Bezüge zu der aktuellen Situation in Europa. Bei der Abschlussveranstaltung trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Gedanken zum Thema Menschenrechte vor: „All die Arbeit mit Herz, Hand und Kopf hat uns gezeigt, dass wir auch in Zukunft einen persönlichen Beitrag dafür leisten wollen, dass die Menschenrechte geachtet und eingehalten werden. Dies ist die Grundvoraussetzung für ein Zusammenleben aller Völker in Frieden.“

Das internationale Projekt stand auch im Zeichen der Begegnung. Im Rahmen von „Nationenabenden“ stellten die Teilnehmer ihre Länder und ihre Kultur aus ihrer ganz persönlichen Perspektive vor. Es wurden Tänze vorgeführt, nationale Gerichte gereicht, Zungenbrecher gelernt und vieles mehr. Es standen Sightseeing in Ulm, Augsburg, Stuttgart und Tübingen auf dem Programm, sowie eine Fahrt an den Bodensee. In der Gruppenunterkunft in Schelklingen konnten die Jugendlichen die Freizeit genießen. Die Betreuung der Gruppe übernahm ein ehrenamtliches Leitungsteam. Die Bundeswehr, stellte für die gesamte Dauer der Begegnung einen Bus mit Fahrer und einen Koch zur Verfügung.

Zum Abschluss der Internationalen Jugendbegegnung fand eine offizielle Gedenkveranstaltung auf dem Ulmer Hauptfriedhof statt. Der Oberbürgermeister der Stadt Ulm, Herr Gunter Czisch, sprach Grußworte und Johannes Schmalzl, Landesvorsitzender des Volksbundes in Baden-Württemberg, hielt die Ansprache. Dabei wandte er sich auch ganz persönlich an die Teilnehmenden:

“Das Motto unserer Jugendarbeit “Arbeit für den Frieden” ist nirgends sichtbarer als in den internationalen Projekten…. Es sind nicht Nationalität, Sprache, Religion oder die geographischen Grenzen, die uns trennen. Es sind Angst, Vorurteile und die Grenzen in unseren Köpfen, die uns davon abhalten, in Frieden zu leben.“

Heike Baumgärtner

 

Die Südwestpresse (Autorin: Miriam Baitinger) schreibt in ihrer Ausgabe vom 25.8.2017 Folgendes:

Arbeit im Zeichen des Friedens

Geschichte Zum Abschluss einer internationalen Jugendbegegnung zur Kriegsgräberfürsorge fand eine Gedenkfeier auf dem Ulmer Hauptfriedhof statt. Von Miriam Baitinger

 

Anstatt in den Ferien die Beine hochzulegen, schuftete eine Gruppe von Jugendlichen in den vergangenen zwei Wochen gemeinsam auf dem Ulmer Friedhof. Sie pflegten dort Kriegsgräber aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. 27 junge Leute aus insgesamt 13 verschiedenen Nationen  waren im Rahmen des internationalen Jugendcamps des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge zu Gast in der Region Ulm.

Das Projekt steht jedes Jahr unter dem Motto „Arbeit für den Frieden – Versöhnung über den Gräbern“. Auf den Ulmer Kriegsgräbern reinigten sie die Kreuze und Grabsteine, zeichneten Namens-Inschriften nach, schnitten die Hecken und mähten den Rasen. Neben den Arbeiten auf dem Friedhof erkundeten die Jugendlichen in den vergangenen Wochen Süddeutschland. Sie machten Ausflüge nach Augsburg, Stuttgart und Tübingen.

In Ulm besuchte die Jugendgruppe die KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg und lernte die leidvolle Geschichte von Hans- und Sophie Scholl in der Denkstätte Weiße Rose kennen.  In mehreren Workshops setzten sich die Teilnehmer mit dem Thema „Menschenrechte“ auseinander, die die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben sind.

Zum Abschluss des Jugendcamps, fand nun am Mittwoch eine offizielle Gedenkfeier auf dem Ulmer Hauptfriedhof statt. Oberbürgermeister Gunter Czisch und Johannes Schmalzl als Landesvorsitzender des Volksbundes bedankten sich für das Engagement der Jugendlichen. „Die Arbeit der jungen Menschen stellt eine ganz besondere Wertschätzung dar und ist eine tolle Botschaft für Europa“, betonte Czisch. Für Schmalzl ist der Einsatz der Jugendlichen mitten in der Ferienzeit alles andere als selbstverständlich. „Es ist besonders bemerkenswert, da Deutschland mitverantwortlich für den Ersten und allein verantwortlich für den Zweiten Weltkrieg ist“, sagte Schmalzl. Durch die Arbeit des internationalen Jugendcamps werde ein Zeichen der Versöhnung gesetzt und ein Beitrag gegen das Vergessen geleistet. Denn es liege an uns, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, betonte Schmalzl. „Wir wollen nie wieder Krieg in Europa!“

Der zweite Teil der Feier wurde von den Jugendlichen selbst gestaltet. Gemeinsamen sangen sie ein Stück von Alicia Keys „We are here“, das von Keyboard und Gitarre begleitet wurde. In der abschließenden Ansprache ließen die Jugendlichen die vergangenen 14 Tage Revue passieren:  Ihre Arbeit sei von Anfang an eine Arbeit „mit Hand, Herz und Kopf“ gewesen.

Die jungen Erwachsenen schufteten zuerst mit ihren Händen, um die Kreuze und Grabsteine von Moos und Schmutz zu befreien. Dadurch fingen sie an, über die Menschen, die dort begraben sind, nachzudenken. „Die Gedanken berührten unsere Herzen und die eintönige Arbeit machte plötzlich Sinn“, sagt Florin Baday aus Bukarest.

Vor der Feier seien sie noch einmal gemeinsam über den Friedhof gegangen. „Es war ein großer Unterschied“, sagt Florin stolz. Auch Uwe Reinisch, Leiter des Jugendcamps, ist immer wieder erstaunt, wie viel in den zwei Wochen geschafft wird.

Am Ende eine Schweigeminute

Besonders am Herzen liegt es Reinisch, dass sich während der Zeit im Sommercamp Vorurteile zwischen den Teilnehmern verschiedener Länder abbauen und Freundschaften entstehen. Zum Schluss der Feier forderte Reinisch zu einer Schweigeminute auf, um an Opfer von Krieg und Terror, wie jüngst in Spanien, zu gedenken.

Der Volksbund Kriegsgräberfürsorge ist für die deutschen Kriegsgräber im Ausland zuständig und arbeitet auf insgesamt 800 Kriegsgräberstätten in 500 Nationen. Seit 1953 bietet der Volksbund jährlich die Workcamps für Jugendliche an. Beim Projekt in Ulm hat auch die Bundeswehr mitgewirkt, die einen Bus und zwei Köche für die gesamte Zeit zur Verfügung stellte. Auch die Friedhofsverwaltung hat die Jugendlichen in ihrer Arbeit unterstützt.

 

Im Gespräch mit den Jugendlichen

Elvire Benoit aus Lothringen wollte mal etwas Besonderes machen in den Ferien. Ihre Deutschlehrerin war einst selbst Teilnehmerin des Camps und hat die 17-Jährige auf die Idee gebracht. Am besten hat Elvire das Zusammenleben mit Teilnehmern aus zwölf anderen Nationen gefallen. „Wir haben viel von der Kultur, der Sprache und den alltäglichen Bräuchen der anderen Länder kennengelernt, das fand ich sehr bereichernd“, erzählt sie.

Caroline Rak ist 19 Jahre alt und war von Minsk in Weißrussland angereist, dort studiert sie Wirtschaft. Caroline ist selbst überrascht, wie interessant sie die Arbeit auf dem Friedhof fand. „Es war spannend, während des Nachzeichnens der Namensschriften über die Geschichte der Opfer nachzudenken.“

Florin Baday (22) aus Bukarest in Rumänien ist seit seinem ersten Camp-Aufenthalt in München vor sechs Jahren jeden Sommer dabei gewesen. Auch er ist durch die Arbeit an den Kriegsgräbern den Geschichten der Opfer näher gekommen: „Für uns Europäer ist es schwer vorstellbar, dass man mit 16 oder 20 Jahren im Krieg sterben musste und muss, denn wir haben das Glück, im Frieden aufzuwachsen“. Dass man im Sommercamp Jugendliche aus ganz Europa treffen kann und dabei noch seine Sprachkenntnisse aufbessert, gefällt ihm besonders. „Am Anfang ist es immer schwierig, man kennt niemanden. Aber in den zwei Wochen sind wir zu einer Gruppe zusammengewachsen und Freunde geworden“, erzählt Florin. Nächstes Jahr wird er bestimmt wieder dabei sein.

 

Erschienen in: SÜDWEST PRESSE, Ausgabe Ulm/ Neu-Ulm, vom Freitag, 25. August 2017