Ausstellung zur NS-Vergangenheit des HSV

Die Raute unter dem Hakenkreuz

Es ist eine dieser Geschichten, die auf dem Dachboden beginnen: Der heilige Gral, gefunden am Rothenbaum. Zumindest für die Anhänger des Hamburger Sportvereins (HSV) gilt der bisher verschollen geglaubte Silberpokal als sportliche Reliquie. Er ist die erste Auszeichnung in der überaus erfolgreichen Vereinsgeschichte und heute ein wichtiger Bestandteil des vereinseigenen Museums. Doch in der Vergangenheit des Clubs gibt es neben glänzenden Erfolgen auch dunkle Kapitel. Diese Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird schonungslos dargestellt – ein moralischer Befreiungsschlag.

Pokalvitrine: Der HSV blickt auf zahlreiche nationale und internationale Erfolge zurück.

„Wir sind der erste deutsche Profiverein, der seine Vergangenheit in dieser Weise aufarbeitet,“ sagt Museums-Direktor Dirk Mansen nicht ohne Stolz. Er selbst stöberte vor dem Umzug in die neue Fußball-Arena in Archiven und Dachkammern nach verborgenen Schätzen: ein Volltreffer. „Was da zusammen kam, hat mich fast umgehauen. So reifte die Idee, diese seltenen Stücke auch den Fans zu zeigen,“ erinnert sich Mansen. Und heute feiert das Museum im Herzen des neuen Stadions sein fünfjähriges Jubiläum.

Der ausgeklügelte Rundgang zwischen Ost- und Nordtribüne ist mit über 230 000 Besuchern längst zu einer Pilgerstätte für HSV-Fans geworden. Auf 700 Quadratmetern sieht man in acht Räumen funkelnde Pokale, historische Fotos, Original-Trikots und Wimpel, zahllose Textdokumente sowie viele Andenken aus der beeindruckenden Vereinsgeschichte.

Ein zentraler Teil dieser Ausstellung befasst sich unter dem Titel – Die Raute unter dem Hakenkreuz – kritisch mit der Rolle des Vereins während und nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Dabei werden beinah unglaubliche Lebenswege aufgedeckt. Da gibt es zum Beispiel die beiden Erfolgsspieler und Publikumslieblinge der späten 20er Jahre: Harder und Halvorsen. Mit ihrem schnellen Direktspiel begeistern die beiden Freunde ihre Zuschauer und schießen den HSV so an die Spitze des deutschen Fußballs. Dann kommen die Nazis. Der gemeinsame Weg des Duos trennt sich auf dramatische Weise.

Die Meistermannschaft von 1928: In der Mitte steht „Tull“ Harder direkt hinter seinem Freund Asborn Halvorsen.

Otto Fritz Harder tritt 1932 der NSDAP und wenig später sogar der SS bei. 1939 meldet sich Harder, der schon im Ersten Weltkrieg zweimal mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde, freiwillig an die Front. Aufgrund seines Alters von inzwischen knapp 50 Jahren wird er jedoch als Wachmann ins Konzentrationslager Neuengamme eingezogen. Am Ende des Krieges ist er Lagerführer in Hannover-Ahlem, wird verhaftet und zu einer zehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Harder, das ehemalige Fußball-Idol mit zahllosen Titeln und wahrscheinlich mehr als 1 000 Toren, steht nun im gesellschaftlichen Abseits.  

Der Norweger Asborn Halvorsen erleidet dagegen ein ganz anderes Schicksal. Noch 1928 erringt er gemeinsam mit seinem Freund Otto Harder für den HSV den deutschen Meistertitel. Doch mit der Machtergreifung Hitlers wird der Abwehrspezialist als Ausländer auch politisch in die Defensive gedrängt. Der erfolgreiche Spieler und selbstständige Schiffsmakler verlässt Deutschland fluchtartig. In seiner Heimat wird er bald Nationaltrainer. Dabei versucht er, sich auch als Sportler von den Nazis zu distanzieren und Widerstand zu leisten. So verwehrt er 1940 bei einem Pokalendspiel dem Reichskommissar Josef Terboven und seinem Gefolge den Zutritt zur Ehrenloge. Im August 1942 wird er schließlich von der Gestapo verhaftet und in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert.

„In Hamburg kursiert seither das Gerücht, dass Harder in dieser Zeit zum Bewacher von Halvorsen wurde. Aber das stimmt nicht. Anhand der Dokumente aus der Ausstellung können wir nun beweisen, dass die beiden sich niemals zeitgleich in einem Lager befanden. Harder und Halvorsen waren Freunde – aber nicht Aufseher und Häftling,“ stellt Mansen klar.
 
Ein anderes Kapitel der HSV-Geschichte beleuchtet den Umgang mit den jüdischen Mitgliedern. Denn das Viertel , in dem der Club 1888 gegründet wird, ist gut bürgerlich, mit einem hohen Anteil jüdischer Kaufleute. Die engagieren sich häufig in verantwortlicher Position oder als Sponsor. Sie sind ein wichtiger Bestandteil des Vereinslebens, der zwölfte Mann. 

Die Idee eines Fanfriedhofes findet immer mehr Anhänger. In Hamburg liegt die im Stil eines Sportplatzes gestaltete Gemeinschaftsgrabanlage direkt gegenüber der HSV-Arena.

Das ändert sich nach 1933 radikal. Juden werden aus vielen deutschen Vereinen ausgeschlossen. Dieser NS-Erlass betrifft auch den HSV. „Allerdings gibt es Menschen, die Widerstand leisten. Angehörige der HSV-Handballsparte verstecken beispielsweise einen jüdischen Mitspieler über Monate in ihren Kellern. Andere helfen bei der Emigration. Da bietet eine Hafenstadt wie Hamburg natürlich viele Möglichkeiten,“ weiß der 44-jährige Museumsdirektor. Dennoch verlaufen sich zahlreiche Schicksale im Nirgendwo. Viele von ihnen werden den Holocaust nicht überlebt haben. Mit der Raute ins Grab Auch das Leben von Halvorsen und Harder reicht nur etwa ein Jahrzehnt über das Kriegsende hinaus. Halvorsen, inzwischen Generalsekretär des norwegischen Fußballverbandes, stirbt 1955 an den Spätfolgen seiner Inhaftierung. Harder stirbt 1956, nur fünf Jahre nach seiner Entlassung aus der Haftanstalt Werl. Hätte es das 2008 eingeweihte Gräberfeld des HSV schon damals gegeben, hätten sie wohl dort, einen Steinwurf von der Westtribüne ihre letzte Ruhestätte. Zumindest von Harder ist aber bekannt, dass auf seinem Sarg die blau-weiß-schwarze Raute mit ins Grab gesenkt wird. Auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes liegen ebenfalls einige ehemalige Mitglieder und Spieler des HSV sowie vieler anderer Vereine. Eine Liste mit knapp 100 bekannten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges erhält Mansen von der Volksbund-Mitarbeiterin Christina Kopplin. „Es wäre schön, wenn diese Namenliste bald ein Bestandteil dieser so wichtigen Ausstellung wird. Vielleicht lassen sich so noch weitere Schicksale klären,“ hofft die 27-Jährige. Mansen will sich dafür einsetzen. Schließlich ist das Museum so was wie sein Lebenswerk. Und dann erzählt er – sozusagen als geistigen Rückpass – doch noch, wie der HSV wieder in den Besitz seines allerersten Pokals gelangte: „Er wurde nach seiner Entdeckung auf dem Dachboden in einer Auktion versteigert. Leider hat uns ein unbekannter Konkurrent überboten. Ein paar Monate später gab es die große Überraschung. Einer unserer Sport-Abteilungsleiter war nämlich der unbekannte Bieter. Und so kam das Schmuckstück wieder ins Schatzkästchen. Aber das ist eine andere Geschichte.“ 

Volksbund-Mitarbeiterin Christina Kopplin besucht Museumsdirektor Dirk Mansen und seine Ausstellung zum Schicksal des Hamburger Sportvereins

Auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes liegen ebenfalls einige ehemalige Mitglieder und Spieler des HSV sowie vieler anderer Vereine. Eine Liste mit knapp 100 bekannten Gefallenen des Zweiten Weltkrieges erhält Mansen von der Volksbund-Mitarbeiterin Christina Kopplin. „Es wäre schön, wenn diese Namenliste bald ein Bestandteil dieser so wichtigen Ausstellung wird. Vielleicht lassen sich so noch weitere Schicksale klären,“ hofft die 27-Jährige.

Mansen will sich dafür einsetzen. Schließlich ist das Museum so was wie sein Lebenswerk. Und dann erzählt er – sozusagen als geistigen Rückpass – doch noch, wie der HSV wieder in den Besitz seines allerersten Pokals gelangte: „Er wurde nach seiner Entdeckung auf dem Dachboden in einer Auktion versteigert. Leider hat uns ein unbekannter Konkurrent überboten. Ein paar Monate später gab es die große Überraschung. Der unbekannte Bieter war nämlich einer unser Sport-Abteilungsleiter. So kam das Schmuckstück wieder ins Schatzkästchen, aber das ist eine andere Geschichte.“

Aus Stimme & Weg 2/2009  |  Maurice Bonkat

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