Ein Brückenschlag gegen das Vergessen

21. April 2016 Judith Sucher

Lotte Wöllenstein, Schülerin der Offenen Schule Waldau, beim Verlesen der Einzelbiographien, Foto: Maurice Bonkat

Schülerinnen der OSW und der GAZ bei der symbolischen Einbringung der Einzelstelen gemeinsam mit den Paten Daniela Schily (Generalsekretärin des Volksbundes) und Karl Starzacher (Landesvorsitzender Hessen), Foto: Maurice Bonkat

„Ich wünsche uns allen, dass der Gedanke hinter diesem Projekt noch viele weitere Standorte findet und viele Menschen erreicht“. Mit diesem Worten begrüßte der Oberbürgermeister der Stadt Kassel, Bertram Hilgen, die Gäste der Feierstunde des Landesverbandes Hessen zur Einbringung der Einzelschicksalstafeln auf dem Hauptfriedhof der Stadt. Das Projekt von dem er sprach, ist das Forschungsprojekt zur historischen Aufarbeitung ausgewählter Kriegsgräberstätten in Hessen. Der Gedanke hinter diesem Projekt ist, das Gedenken an die Toten der zwei Weltkriege und die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufrecht zu erhalten.

Besonders in dieser Zeit, da die Kommunikation über die Erinnerung, die Erfahrung und das Leid aus der direkten Perspektive derer, die die Zeit erlebten, immer weniger wird, müssen Mittel und Wege gefunden werden, wie „aus dem kommunikativen Gedächtnis ein kulturelles Gedächtnis werden kann“, so Hilgen.

Auch der Vorsitzende des Landesverbandes Hessen, Karl Starzacher, verwies gleich zu Beginn seiner Rede auf diese zentrale Herausforderung für unsere Gesellschaft: „Wie können und werden wir uns an den Zweiten Weltkrieg und die Schrecken des Holocausts ohne Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erinnern?“

Der Landesverband Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. stellt sich dieser Herausforderung mit seinem Forschungsprojekt. Seit vielen Jahren gehen wir der Frage nach, wie Kriegsgräberstätten zu Lernorten für nachfolgende Generationen werden können und was getan werden kann, damit die Schicksale der dort bestatteten Kriegstoten dauerhaft in das persönliche und das kollektive Bewusstsein gerückt werden. Ausgewählte Kriegsgräberstätten in Hessen sollen systematisch erforscht und insbesondere für junge Menschen versteh- und erfahrbar gemacht werden.

Zu diesen gehört auch der Hauptfriedhof Kassel mit seinen drei Gräberfeldern. Die Kriegsgräber in Kassel und insbesondere die Gräberfelder des Hauptfriedhofs waren bereits vor zehn Jahren Forschungsgegenstand. Die Ergebnisse der damaligen Recherche wurden auf einer Informationstafel dokumentiert und sind den Besucherinnen und Besuchern des Friedhofs seit 2006 zugänglich.

In einem weiteren Schritt wurden nun 12 exemplarische Einzelbiographien – u.a. von deutschen und ausländischen Soldaten, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, Zivilisten und politischen Häftlingen -  rekonstruiert. Hinweise und Informationen fanden sich nicht nur in Archiven. Auch Angehörige trugen durch ihre Bereitschaft, aus ihrer Familiengeschichte zu erzählen und uns Fotos und Dokumente zur Verfügung zu stellen, zum Ergebnis bei.  

Acht der 12 erarbeiteten Texte wurden im Rahmen der Feierstunde von Schülerinnen und Schülern der Georg-August-Zinn-Europaschule und der Offenen Schule Waldau vorgetragen. „Mit Hilfe dieser Biographien können kleine Mosaiksteine der Geschichte vor dem Vergessen bewahrt werden“, so die jungen Leute in ihrem Beitrag. Die Recherchearbeit des Landesverbandes zeigte aber auch, dass viele noch unbekannte oder bereits vergessene Mosaiksteine erst durch das Projekt zusammengetragen werden konnten.

So wurden die Angehörigen von Hildtrud Koch, die dem schlimmsten Bombenangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 zum Opfer fiel, auf das Projekt aufmerksam. Die Unterstützung der Nichte Hildtrud Kochs ermöglichte, dass der Liste der Biographien das Schicksal eines Bombenopfers hinzugefügt werden konnte. Im Gegenzug konnte der Familie die genaue Grablage ihrer Angehörigen mitgeteilt werden, die ihnen bislang nicht bekannt war.

Auch die Recherche zu dem Schicksal zweier, im Zuchthaus Wehlheiden verstorbener Häftlinge förderte bislang Unbekanntes zutage: Ihre Gräber sowie die von 19 weiteren verstorbenen Häftlingen wurden im Jahre 1965 mit dem Vermerk, dass es sich „nicht um Kriegstote, sondern um Kriminelle“ handele, aufgelöst. Sie stehen so auch stellvertretend für den Umgang mit bestimmten Opfergruppen des Nationalsozialismus in der damaligen Bundesrepublik. Dank der erarbeiteten Biographien kann die Erinnerung an sie und das Unrecht, das ihnen damals wiederfahren ist, auch ohne bestehendes Grab wach gehalten werden.

Denn darum geht es in dem Projekt: „Die Namen der Menschen und mit ihren Namen ihr Leiden und ihre Geschichte soll und darf nicht vergessen werden.“, so Dekanin Barbara Heinrich in ihrer abschließenden Ansprache. Durch das Gedenken und Erinnern solle den Verstorbenen auch ein Stück ihrer Identität zurückgegeben werden. Einen ganz besonderen Dank richtete Frau Heinrich an die anwesenden Schülerinnen und Schüler: „Durch Eure Auseinandersetzung mit der Geschichte geschieht ein Brückenschlag der Vergangenheit in die Gegenwart. Ein Brückenschlag gegen das Vergessen.“

Die Ergebnisse der Recherche des vergangenen Jahres werden die Grundlage der historisch-politischen Bildung des Landesverbandes in Kassel bilden. „Durch den Zugang über diese Einzelbiographien und eine Vertiefung mit weiterem Quellenmaterial soll Vergangenheit für junge Menschen greifbar gemacht werden. Zugleich soll ihnen der Raum gegeben werden negative gesellschaftliche Entwicklungen und Diskussionen zu reflektieren und auf ihr eigenes Verhalten und Handeln zu beziehen.“, so Karl Starzacher. Neben Schul- und Jugendgruppen aus Kassel und Umgebung werden sich auch die Teilnehmenden der diesjährigen internationalen Jugendbegegnung in Hessen, die im August in Kassel stattfinden wird, den Schicksalen der Kriegstoten des Hauptfriedhofes über eine angeleitete Spurensuche nähern.

Nach den Kriegsgräberstätten Ludwigstein und Bad Emstal ist der Hauptfriedhof Kassel der dritte Standort mit Einzelschicksalstafeln. Und dem Wunsch von Oberbürgermeister Hilgen folgend versprach der Landesvorsitzende: „Weitere Tafeln und Standorte werden folgen“.

Die Texte aller 12 Tafeln können hier nachgelesen werden.

Auch die HNA berichtete mit einer Sonderseite über das Projekt und die Gendenkveranstaltung. Der Artikel findet sich hier.

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