"Flucht ist nichts Neues. Flucht gibt es seit... seit immer."

Zentrale Gedenkstunde des Landes Hessen zum Volkstrauertag

14. November 2016 Judith Sucher

Staatsminister Peter Beuth hielt die Gedenkrede. (Foto: Michael Brauer)

Oberbürgermeister Peter Feldmann und Landesvorsitzender Karl Starzacher mit Schülerinnen und Schülern der Emil-von-Behring-Schule. Ihr Beitrag griff den zentralen Gedanken der Veranstaltung auf. (Foto: Michael Brauer)

Sorgten für die musikalische Umrahmung der Gedenkstunde: Musikerinnen und Musiker des Projekts "bridges - Musik verbindet". (Foto: Michael Brauer)

„Flucht und Gewaltmigration – damals und heute“. Unter diesem inhaltlichen Schwerpunkt stand die diesjährige Gedenkstunde am 13. November in der Frankfurter Paulskirche. Jenem Ort, „der vor allem dafür steht, dass Menschen ohne Krieg den Weg aus Konflikten suchen können“, so Oberbürgermeister Peter Feldmann in seiner Begrüßung.

„Flucht und Vertreibung“ ist das Thema, das der Volksbund zu seinem diesjährigen Jahresthema bestimmt hat. Wie erinnern wir uns heute an die Millionen Kinder, Frauen und Männer, die fliehen mussten, die vertrieben wurden und dabei nicht selten ihr Leben verloren? Sie alle sind Kriegstote, womit ihnen nach dem Gräbergesetz ein dauerhaftes Ruherecht zukommt. Das Gesetz verpflichtet aber nicht nur zum Erhalt dieser Gräber, sondern auch dazu, die Erinnerung an die Opfer lebendig zu halten und das Geschehene auf aktuelle Entwicklungen zu beziehen. 

Im Mittelpunkt des Gedenkens zum Volkstrauertag stand daher auch nicht allein die Erinnerung an die Opfer vergangener Kriege, sondern auch die Schicksale der derzeit 65 Millionen Menschen, die aktuell auf der Flucht sind sowie all derer, die bei dem Versuch, eine sichere neue Heimat zu finden, ihr Leben verloren.

Auch Peter Feldmann appellierte daran, den Blick nicht nur auf die Vergangenheit zu richten, sondern das Gedenken an die Weltkriege als Mahnung zu begreifen und nicht jene Kriege und Konflikte aus den Augen zu verlieren, die „nur wenige Flugstunden von Europa entfernt stattfinden“. Friede sei nichts, was von einer „gnädigen Macht“ geschenkt würde, Friede sei etwas, was hart erarbeitet werden müsse. Er verwies hierbei auch auf die Rolle Europas als politische und gesellschaftliche Einheit. Denn auch Europa als „größtes und erfolgreichstes Friedensprojekt aller Zeiten“ sei nicht selbstverständlich, sondern müsse „jeden Tag neu erworben, neu verdient und neu gestaltet werden“. Und wenn es keinen anderen Grund als Frieden gäbe, dieses Projekt zu erhalten, so sei dem Kontinent doch „seit zwei Generationen die Anlage neuer Kriegerfriedhöfe erspart geblieben“.

Geschichte und Gegenwart verknüpfte auch die szenische Collage einer eigens zu diesem Anlass gegründeten Projektgruppe der Emil-von-Behring-Schule aus Marburg. Die Lehrerin und Autorin Susanne Fey, selbst Enkeltochter einer Vertriebenen aus Ungarn, ließ ihre eigene Familiengeschichte in das Stück „Treibholzkinder“ einfließen. Das Stück griff aber auch die Alltagserfahrung der Jugendlichen auf, die an ihrer Schule mit jungen Geflüchteten ihres Alters in Kontakt kommen und machte so deutlich: „Flucht ist nichts Neues. Flucht gibt es… seit immer.“ Zentrales Element waren aktuelle wie vergangene Fluchterfahrungen von Kindern, in deren Rollen die zehn Schülerinnen und Schüler schlüpften. So zitierte Sina das Gedicht eines dreizehnjährigen Mädchens, die im letzten Jahr aus Syrien floh, weil ihre Heimat nicht mehr sicher war. Ein weiteres Zitat von Anna verdeutlicht auf eindringliche Weise, dass das Gefühl der Verlorenheit unabhängig von Epoche, Herkunft, Religion und Geschlecht verbindend ist: „Ich fühle mich wie Treibholz, das irgendwo auf unbekannten Flüssen umherschwimmt. Ich strande nicht. Wo sind Mama und Papa? Wie lange bleibe ich noch an der Oberfläche?“

Staatsminister Peter Beuth griff den Gedanken seines Vorredners auf und betonte in seiner Gedenkrede, dass Europa sich seiner historischen Wurzeln erinnern und im Geiste der Gründungsväter handeln müsse: Friede und Freiheit seien keine Selbstverständlichkeit. Und dem Volkstrauertag und der damit verbundenen gemeinsamen Erinnerung, die Teil unserer Kultur und nationaler Identität sei, kommt die besondere Verantwortung zu, dies immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. „Erinnerung kennt keine Halbwertszeit“, so Beuth. „Sie währt ewig.“ Gleichzeitig müsse man aber auch für den Erhalt der Erinnerung kämpfen, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Kontinuität und Wandel befände.

Anders als in der Vergangenheit ist der Volkstrauertag heute ein Tag der Trauer und des Gedenkens, der alle Toten von Krieg und Gewalt einbezieht, einschließlich der aktuellen Opfer von Krieg, Terror und Gewalt. Dies wurde im Rahmen der Gedenkstunde nicht nur inhaltlich, sondern auch durch die Auswahl der Akteure deutlich:

Zwei Ensembles des Frankfurter Projekts „Bridges – Musik verbindet“ umrahmten die Gedenkstunde musikalisch. „Bridges" ist ein interkulturelles Projekt, das Künstlerinnen und Künstler, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, und Musikerinnen und Musiker, die in Deutschland geboren sind oder schon lange hier leben, zusammenbringt. Dabei wird die Musik als Brücke genutzt, um über mögliche kulturelle Grenzen hinweg etwas Neues zu schaffen.

Auch in diesem Jahr folgten zahlreiche Besucherinnen und Besucher dem Angebot sich vor sowie nach der Gedenkveranstaltung in der Wandelhalle über Projekte aus der Schul- und Bildungsarbeit des Landesverbandes zu informieren. Insbesondere die neuesten Ergebnisse des Forschungsprojektes Zur historischen Aufarbeitung ausgewählter Kriegsgräberstätten in Hessen sowie die aktuelle Ausstellung „geflohen, vertrieben – angekommen?" wurden mit großen Interesse besichtigt.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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