„Die Epoche der Weltkriege“

Tagung: Geschichte und Geschichtsbilder

5. November 2015 Judith Sucher

v.li.n.re: Prof. Kruse, Prof. Traba, Dr. Lutz (TdT), Dr. Korb; Foto: Viola Krause

Im Zuge des doppelten Gedenkjahres anlässlich des 100. Jahrestags des Beginns des Ersten Weltkriegens und des 70. Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkriegs veranstaltete der Landesverband Hessen am vergangenen Wochenende gemeinsam mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Topographie des Terrors eine Tagung zum Thema „Geschichte und Geschichtsbilder. Der Erste und Zweite Weltkrieg im internationalen Vergleich“.

Anders als im Jahre 2014, in dem die meisten Veranstaltungen den Ersten Weltkrieg eher singulär betrachteten, hatte die Tagung den Ansatz, die beiden Weltkriege in Bezug zu setzen. Hierbei sollte nicht Ziel der Tagung sein, Zahlen von Gefallenen und Opfern gegeneinander aufzurechnen und die beiden Kriege in Größe, Grausamkeit und Folgen zu vergleichen. Vielmehr wurde anhand von drei ausgewählten Ländern – Deutschland, Groß-Britannien und Polen –die Bedeutung der historischen Ereignisse der beiden Weltkriege für das jeweilige nationale Geschichtsbild untersucht.

Bereits dieses zwischen Prof Wolfgang Kruse (Fernuniversität Hagen), Prof. Robert Traba (poln. Akademie der Wissenschaften, Universität Warschau) und Dr. Alexander Korb (University of Leicester) geführte Podiumsgespräch am ersten Tagungstag ließ erkennen, dass die Narrative bereits im europäischen Vergleich stark auseinander gehen. Wurde beispielsweise der Erste Weltkrieg, wie von Prof. Kruse ausgeführt, in Deutschland damals als „Einbruch des Bösen in eine heile Welt“ betrachtet und prägt auch heute noch primär durch seinen Ausgang das nationale Geschichtsbild, so ist er in der polnischen Geschichtsschreibung seit jeher ein – an den Folgen gemessen – positives Ereignis, bedeutete das Kriegsende 1918 für das Land doch die Freiheit und die Unabhängigkeit.

In dieser lebhaften und auch seitens des Publikums mit geführten Diskussion zeigte sich auch, dass die zwei Kriege in der Erinnerung nur schwer voneinander losgelöst zu betrachten sind. Vor allem unter dem Aspekt, dass der Zweite Weltkrieg ohne den Ersten überhaupt nicht denkbar gewesen wäre, sprach sich Prof Wolfgang Kruse dafür aus, vielmehr eine ganze Epoche zu erinnern. Eine „Epoche der Weltkriege“.

Der zweite Tag der Tagung stand ganz im Zeichen der pädagogischen Praxis. Anhand verschiedener Themenfelder – „Antisemitismus und andere Feindbilder“, „Zwangsarbeit und Kriegsgefangenschaft abseits der allgemein bekannten Bilder“, „Der Erste Weltkrieg und die ‚Heimat‘front“, „Frauen als Opfer und Akteure von Gewaltherrschaft“- wurde in Workshops diskutiert, wie Aspekte des Ersten und Zweiten Weltkriegs in der schulischen und außerschulischen Bildung vermittelt werden können. Im Rahmen eines Exkursions-Workshops zum Thema „Erinnerungskultur – ein Prozess in Bewegung“ wurde zudem mit der Kriegsgräberstäte Kloster Arnsburg ein ausgewählter Lernort in der Region erkundet. Hierbei wurden verschiedene thematische sowie methodische Zugänge und Arbeitsmöglichkeiten erprobt bzw. aufgezeigt.

Der letzte Tag der Tagung schließlich wird sich mit dem außereuropäischen Kontext der beiden Weltkriege beschäftigen. Bereits im Ersten Weltkrieg wurden auf Seiten der Alliierten und der Deutschen Kolonialsoldaten eingesetzt – meist nicht freiwillig. Hunderttausende verloren auf europäischem Boden ihr Leben, für Kriege, die sie nicht verstanden und mit denen sie nichts zu tun hatten. Karl Rössel, der sich vor allem durch die Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ einen Namen machte, nannte die für einen Großteil der Teilnehmer überraschenden Zahlen, dass auf französischer Seite lediglich etwa 2.500 Franzosen für die Befreiung gekämpft hätten – gemeinsam mit 180.000 Soldaten aus den Kolonien und Übersee Departements. Wie stellt sich das Bild der beiden Weltkriege in der Erinnerung an diese fast „vergessenen“ Soldaten in ihren Heimatländern in Afrika oder Asien dar? Wie wird das Thema in der politischen Debatte der betreffenden Ländern, Frankreich und den USA, heute behandelt? Die beiden Referierenden, Karl Rössel und Dr. Barbara Laubenthal (Universität Konstanz), zeigten nicht nur eine neue Perspektive auf die Weltkriege auf, sondern verdeutlichten dass hinsichtlich dieser Fragen noch viel Handlungs- und Klärungsbedarf besteht.

Die tagungsübergreifende Frage, ob – und wenn ja, wie – eine transnationale oder gar internationale Erinnerung an die Weltkriege möglich ist, konnte abschließend jedoch nicht beantwortet werden. Es stellt sich aber auch die Frage, ob eine solche Erinnerungskultur auch tatsächlich notwendig ist? Ist das verbindende Element der Lehre, die universell aus der Geschichte gezogen wird, nicht ausreichend und sogar wichtiger, als eine allgemein gültige Erinnerungskultur?

Die Veranstaltung wurde gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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