„Ermordet und vergessen?!“

Opfer des nationalsozialistischen „Euthanasieprogrammes“ auf dem Frankfurter Hauptfriedhof

20. September 2016 Judith Sucher

Das Gräberfeld für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (Foto: Landesverband Hessen)

Friedhöfe sind Orte der Begegnung, der Stille und der Trauer. Vor allem aber sind sie Orte der Erinnerung. Dies gilt insbesondere für Kriegsgräberstätten. Nur noch an wenigen Kriegsgräbern finden sich Zeichen des individuellen Gedenkens. Vielmehr sind sie Orte der kollektiven Erinnerung und Mahnmale des Friedens. So auch drei Gräberfelder auf dem Frankfurter Hauptfriedhof: 1.652 gefallene Soldaten des Ersten Weltkrieges sowie 3.100 Tote des Zweiten Weltkrieges und Opfer des Nationalsozialismus haben hier ihre letzte Ruhestätte.

Bei seiner alljährlichen Führung anlässlich des „Tags des Friedhofs“ widmete sich der Landesverband Hessen erneut explizit einer Opfergruppe. Unter den Gräbern der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft finden sich auch 335 Urnen mit der Asche von Menschen, die im Rahmen der „Vernichtung unwerten Lebens“ ermordet wurden.

Insgesamt 30 Personen folgten am vergangenen Sonntag dem Vortrag der Bildungsreferentin des Landesverbandes, der direkt am Gräberfeld der Opfer stattfand. Zunächst ging es darum, die Hintergründe der Patientenmorde zu erläutern. Unter dem Decknamen „Aktion T4“, abgeleitet von der Adresse der Organisationszentrale in der Berliner Tiergartenstr. 4, begann im Oktober 1939 die systematische Erfassung und Ermordung von arbeitsunfähigen, pflegeaufwendigen und vermeintlich „erbkranken“ Anstaltspatienten. Zeitversetzt und nach Regionen gestaffelt versandte das Reichsministerium des Innern Meldebögen an alle öffentlichen, karitativen und privaten Heil- und Pflegeanstalten und Heime. Diese Bögen enthielten Fragen zur Diagnose und Prognose der Kranken, zu ihrer Arbeitsfähigkeit und familiären Kontakten. Allein aufgrund der zurückgesandten Informationen entschieden je drei von 40 medizinischen Gutachtern über das Schicksal der Patienten - ein rotes Plus bedeutete den Tod, ein blaues Minus das Überleben.

Für die Durchführung der „Aktion T4“ ließ man fünf psychiatrische Einrichtungen, u.a. in Hadamar im Landkreis Limburg-Weilburg, sowie ein ehemaliges Zuchthaus zu Tötungsanstalten umbauen, die nach außen als Landesheil- und Pflegeanstalten firmierten. Nachdem die Patienten mit den berüchtigten grauen Bussen der GEKRAT (Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft) in den Anstalten eintrafen, wurden sie zumeist noch am selben Tag in den Gaskammern ermordet und ihre Leichen eingeäschert. Die Familien der Opfer erfuhren jedoch erst Tage, mitunter Wochen, später vom Tod ihrer Angehörigen. Den „Trostbriefen“, die den Tod als „Erlösung vom Leiden“ erscheinen lassen sollten, lagen zwei Sterbeurkunden der anstaltseigenen Standesämter bei, die falsche Angaben über Ursache, Ort und Datum des Todes enthielten.

Diese systematische Verschleierung der Verbrechen besteht bis heute fort. Die meisten der in Frankfurt bestatteten Opfer kamen in der Tötungsanstalt Hadamar ums Leben. Die Sterbedaten auf ihren Grabsteinen sind den Friedhofsbüchern entnommen, die sich auf die von der Anstalt übersandten Sterbeurkunden beziehen. Die Grabinschriften enthalten somit falsche Angaben. Dieser Umstand und vor allem die Tatsache, dass es darauf keinen Hinweis am Gräberfeld der Opfer gibt wurden im Rahmen der Führung kritisch diskutiert.

Bezeichnend für die Gräber dieser Opfergruppe ist zudem der Umstand, dass es sich nicht um die sterblichen Überreste der auf den Grabsteinen angegebenen Namen handelt, da die Familien erst Wochen nach dem Tod Ihrer Angehörigen die Möglichkeit hatten, die Asche anzufordern. Die Tötungsanstalten jedoch machten sich nicht die Mühe der Aschetrennung. Unter den Teilnehmenden herrschte großer Konsens, dass auch dieser besondere Umstand erläutert werden müsse, damit das Gräberfeld zu einer würdigen Gedenkstätte für die Opfer der „Aktion T4“ wird. Dies wurde auch in einem anschließenden Vortrag des Arbeitskreises "Euthanasie und Zwangsterilisation in Frankfurt", dem viele der Anwesenden beiwohnten, erörtert. Dieser hat sich der Geschichte und dem Zustand des Gräberfeldes angenommen. Der Vortragende des Arbeitskreises, Christoph Schneider, hob neben den Fakten auch den Umstand hervor, dass dieses Gräberfeld der einzige Frankfurter Gedenkort an die Opfer der Patientenmorde sei. Umso wichtiger sei es, dass man die Todesumstände, die Verbrechen und die Tatsache der Verschleierung sichtbar macht.

Ebenso einig war man sich darüber, dass hinsichtlich der Erforschung einzelner Schicksale noch viel getan werden müsse. Einige Teilnehmende haben sich im Rahmen der Führung erstmals näher mit dem Thema befasst und zeigten sich nun sensibilisiert auch im eigenen Heimat- oder gar Familienumfeld nachzuforschen.

Tatsächlich sind die Opfer der „NS-Euthanasie“ in der Vergangenheit vergleichsweise wenig beachtet worden. Trotz der hohen Opferzahlen sind erst wenige Tausend Namen öffentlich zugänglich, noch weniger der persönlichen Geschichten sind bekannt. Dies gilt auch für die 335 Namen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof: Welche Geschichten hinter ihnen stehen, warum die Menschen nach Hadamar kamen und an welchen Krankheiten sie litten – all das muss noch recherchiert werden. Der Landesverband Hessen hofft, einige der Schicksale im Rahmen seines Forschungsprojektes zur historischen Aufarbeitung ausgewählter Kriegsgräberstätten nachzeichnen zu können.

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