„Es ist uns ans Mark gegangen“

Buchpräsentation: Im Rücken der Geschichte – Wolfskinder

27. Oktober 2017 Diane Tempel/Judith Sucher

Der Geschichts-Leistungskurs des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Frankfurt-Höchst stellte gestern ein neues Zeitzeugenbuch vor: „Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern“. (Foto: Diane Tempel)

„Können wir nicht Buch sagen – Büchlein klingt so ….naja“ sagt Tobias Goy, 18, einer der Autoren. Egal wie man es nennt – das schmale Buch: „Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern“ ist spannend, eindrücklich auch bedrückend. Es ist das Ergebnis eines Abiturprojektes des Leistungskurses Geschichte des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Frankfurt/Höchst und entstand in Kooperation mit dem Volksbund.

Im Herbst 2016 hatte der Frankfurter Geschichtslehrer Dr. Björn Schaal 18 Jugendliche dafür begeistern können, sich trotz Abistress auf Spurensuche zu begeben – auf die Spuren der sogenannten „Wolfskinder“. Intensiv haben sich die jungen Leute mit den historischen Hintergründen und mit den Geschichten einzelner Personen auseinandergesetzt. Um Zeitzeugen zu finden, unterstützte der Volksbund mit einen Aufruf – mit großer Resonanz: In kürzester Zeit erhielt die Projektgruppe über 250 Zuschriften aus der ganzen Welt. Darunter auch viel Dank und Lob dafür, dass sie sich dem Thema angenommen hatten.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Wolfskinder“? Man denkt zunächst an Mogli, der von Dschungeltieren aufgezogen wird, oder an Kaspar Hauser. Viele Menschen, die das Schicksal erlitten haben, lehnen den Begriff ab – sie hätten doch Eltern gehabt, sagen sie, die wären nur nicht dagewesen. Der Begriff „Wolfskinder“ wird seit etwa 25 Jahren genutzt. Er bezeichnet jene Mädchen und Jungen aus dem nördlichen Ostpreußen, die in der Nachkriegszeit ohne erwachsene Begleitung vor dem Hungertod nach Litauen flüchteten. Dabei waren sie auf sich alleine gestellt, mussten betteln, stehlen, hart arbeiten. Einige wurden in litauische Familien aufgenommen und versorgt, andere wurden Opfer von Hunger, Gewalt und Übergriffen. Lange Zeit blieb ihr Schicksal unbeachtet: „Ein dreiviertel Jahrhundert lang war die Geschichte der Wolfskinder unerforscht und unsichtbar“, so der Historiker Dr. Christopher Spatz, dessen Promotion sich mit den Erlebnissen der Wolfskinder befasst und der das Projekt fachlich begleitete. „Wer diese Geschichte erforschen will, muss Ausdauer mitbringen“ sagt er. Das merkten auch die Abiturienten. Abschrecken ließen sie sich davon jedoch nicht. Im Gegenteil: Insbesondere die Zeitzeugengespräche und die Erfahrung, dass es sich nicht um „tote Geschichte“ handle, so Paul Prager, habe sie motiviert immer tiefer zu graben. Was sie dabei erfuhren, ließ sie keineswegs unberührt:  „Es ist uns ans Mark gegangen“, fasst Max Ilg die Eindrücke der Gespräche zusammen, die die jungen Leute noch sehr lange begleiten werden.

Wie sehr es beeinflussen kann, solche Geschichten aus erster Hand zu hören, bestätigt auch Dr. Spatz: „Hätte man den Menschen, die als Kinder flüchten müssen, schon früher zugehört, erfahren, was sie erlitten haben, dann würde heute vielleicht weniger über Integration gestritten werden, sondern man würde eher wissen, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren.“

Das Buch wurde zunächst in einer Auflage von 4.000 Stück gedruckt und war in kürzester Zeit vergriffen. Nun wird es noch einmal aufgelegt. Bei Interesse können Sie es hier bestellen.

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