"Ich hatte Mühe, die Bilder zu ertragen."

Erlebnisbericht von Leonie Mayr, ehemalige Freiwillige des Landesverbandes Hessen im Zyklus 2014/2015, zum Jugendseminar "Krieg und Menschenrechte"

16. November 2016

Osama Almradni hielt die Gedenkrede im Rahmen der Veranstaltung in Berlin-Plötzensee. (Foto: Uwe Zucchi)

Tag 1: Anreise und Einstieg

Voller Vorfreude und mit ungewissen Erwartungen reiste ich am Freitag nach Berlin. Nach dem Abendessen in der Jugendherberge begann der inhaltliche Teil des Seminars und mir wurde klar, dass dies ein spannendes, aber auch thematisch sehr komplexes Wochenende werden würde. Bereits der Einstiegsvortrag zum Thema „Krieg für die Menschenrechte?“ bestätigte meinen Eindruck.

Gibt es einen gerechten Krieg? Gibt es einen Krieg für die Menschenrechte? Kann ein Krieg illegal, aber legitim sein? Wie war das 1999 in Jugoslawien?

Der Einstiegsvortrag unseres Jugendseminars warf diese Fragen auf und beleuchtete sie aus verschiedenen Perspektiven - juristischen sowie philosophischen. Beantwortet wurden diese Fragen nicht, aber sie stießen uns dazu an, nachzudenken und führten zu spannenden Diskussionen über die Beteiligung der Bundeswehr an Kriegseinsätzen.

 

Tag 2: Gedenkstätte Plötzensee

Der zweite Tag stand im Zeichen der Gedenkstunde auf der Gedenkstätte Berlin-Plötzensee. Die Justizvollzugsanstalt Plötzensee war während der NS-Zeit die zentrale Hinrichtungsstätte der vom „Volksgerichtshof“ verhängten Todesurteile. Zwischen 1933 und 1945 wurden dort 2.891 Todesurteile vollstreckt, darunter auch die Urteile gegen bekannte Widerstandskämpfer, wie beispielsweise die Mitglieder der Roten Kapelle oder des Kreisauer Kreises.

Die Gedenkstunde in Berlin-Plötzensee war eine der eindrucksvollsten Gedenkstunden, die ich bis jetzt miterlebt habe. Osama Almradni, ein syrischer Geflüchteter, hielt die Gedenkrede. Er machte darauf aufmerksam, dass vor 75 Jahren die weltpolitische Lage eine ganz andere war. In Europa herrschte Krieg und die Zivilbevölkerung sehnte sich nach Frieden. Heute herrscht in Syrien Krieg und die Zivilbevölkerung sehnt sich nach Frieden. Und trotzdem werden die, die fliehen, in einem friedlichen Europa, nicht mit offenen Armen, sondern mit Vorurteilen und Ablehnung empfangen. Osama Almradni sagte, dass er das nicht verstehen könne, wir seien doch alle Bürger der gleichen Erde.

Mit den Eindrücken aus Plötzensee im Kopf, ging es am Nachmittag weiter mit einem Vortrag über die Organisation „Human Rights Watch“. Wir sahen einen Videobeitrag eines Mitarbeiters der Menschenrechtsorganisation, der von der aktuellen Lage in den syrischen Kriegsgebieten berichtete. Ich hatte Mühe, die Bilder zu ertragen, ohne wegzusehen. Wir sahen verletzte Frauen und Männer, weinende Kinder, die soeben ihre Eltern verloren hatten und unzählige Leichen. Dies alles war mit den Worten Osama Almradnis im Ohr noch schwerer zu begreifen.

Am Abend war geplant, in einer Diskussionsrunde über den Umgang der Staaten mit der Genfer Flüchtlingskonvention zu sprechen. Daraus entwickelte sich schnell eine sehr kontroverse Diskussion über den Umgang mit Asyl in Deutschland im Allgemeinen. Man merkte, dass das Thema uns sehr beschäftigte, so dass in kleinen Gruppen auch nach dem offiziellen Programm noch sehr lebhaft weiter diskutiert wurde.

 

Tag 3: Der Bundestag

Am Sonntag nahmen wir zum Abschluss unseres Seminars an der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag teil. Wir hörten die Rede des dänischen Ministerpräsidenten Rasmussen, der mahnte, die europäischen Werte von Freiheit und Gleichheit nicht zu vergessen und uns nicht von den scheinbar einfachen Lösungen von Populismus und Nationalismus verführen zu lassen. Anschließend las die Zeitzeugin Doris Festersen gemeinsam mit der Autorin Freya Klier aus deren Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens“. Sie erinnerten unter Tränen an das Leid der Zivilbevölkerung in Königsberg und forderten uns Jugendliche auf, zu erkennen, dass Krieg nie einfache Lösungen biete und wir dazu beitragen müssten, dass das Erlebte sich nicht wiederhole.

Dieses Wochenende in Berlin hat mir eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, sich zu erinnern. Denn nur mit der Erinnerung an vergangenes Leid lassen sich die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen und so weiteres Leid vermeiden.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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