„Schön ruhig und friedlich hier“

Deutsch-russische Schülergruppe besucht ehemaliges STALAG IX B an der Wegscheide bei Bad Orb

3. November 2016 Bjarne Diers

Die von den Schülern gefertigte Gedenkschale (Foto: Bjarne Diers)

Die Schülergruppe und die Bildungsreferentin Judith Sucher bei der Projektarbeit (Foto: Bjarne Diers)

Eine Schülerin während der Gedenkzeremonie (Foto: Bjarne Diers)

Im Rahmen eines erstmals stattfindenden deutsch-russischen Schüleraustausches der Johann-Philip-Reis Schule in Friedberg, besuchte die Gruppe von 22 Schülern die Wegscheide bei Bad Orb.

Die Schülergruppe, bzw. die Organisatoren, wählten diesen Ort ganz bewusst als Ziel dieses Projekttages aus. Die Lehrer, welche den Austausch begleiten, baten den Landesverband Hessen des Volksbunds um Unterstützung bei der Vermittlung dieses besonderen regionalgeschichtlichen Aspekts.

Nach erfolgreicher und ausführlicher Planung konnte der Projekttag am 02.11.2016 am historischen Ort, dem Gelände der Wegscheide, durchgeführt werden. Die Wegscheide, welches nach seiner Gründung als Schullandheim 1920, in den Zeiten des Nationalsozialismus als Kriegsgefangenenlager “STALAG IX B“ und ab 1945 für einige Jahre als Flüchtlingsunterkunft diente, hat heute wieder seine ursprüngliche Funktion – die eines Schullandheimes – inne. In dem “STALAG IX B“ waren, neben alliierten Kriegsgefangenen, auch sowjetische Kriegsgefangene unter grausamen Bedingungen interniert.
Die 22 Schülerinnen und Schüler wurden in 5 Arbeitsgruppen aufgeteilt, welche anhand von historischen Originaldokumenten unterschiedliche Themenbereiche bearbeiteten.

Thematisiert wurde unter anderem auch der Umgang der Schulen in Deutschland und in Russland, mit der die “Operation Barbarossa“ und alle mit ihr einhergegangenen Folgen behandelt werden. Die Schüler kamen zu dem Schluss, dass dieses Thema, mit all seiner Komplexität, nicht ausreichend in der Schule bearbeitet wird.

Besonders wurde es als ein russischer Schüler vom Schicksal eines in deutscher Kriegsgefangenschaft verstorbenen Angehörigen erzählte. Daran wurde erneut deutlich, wie lebendig die Geschichte des Zweiten Weltkrieges noch immer ist und wie wichtig eine Sensibilisierung von Schülern und Jugendlichen mit diesem Thema ist. Auch konnten Erfahrungen weitergegeben werden, insbesondere von der Bildungsreferentin des Volksbundes an die russischen Pädagogen, welche sich sehr angetan von dem Projekttag und den Lernmethoden zeigten und sagten, dass sie versuchen werden diese teilweise auch in Russland anzuwenden.
Ergänzt wurde die inhaltliche Arbeit von einer kleinen Führung über das Gelände, insbesondere durch den Wald, in welchem damals sowjetische Kriegsgefangene vermutlich unter unvorstellbaren Bedingungen leben mussten.

Obwohl die Architektur die Schüler stutzig machte, da sie sich an Gebäude aus Konzentrationslagern erinnert fühlten, beschrieben die Schülerinnen und Schüler den Ort rein objektiv als „schön ruhig und friedlich“. Dieser Eindruck relativierte sich allerdings recht schnell und wich allgemeiner Bestürzung, als die Gruppe welche sich mit der Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener auseinandergesetzt hatte, den restlichen Schülern die genaueren Umstände der Gefangenschaft der sowjetischen Kriegsgefangenen mitteilte. Hierbei waren die regnerischen und kühlen Wetterbedingungen durchaus von Vorteil.

Anschließend folgte eine kleine Wanderung zu der in der Nähe gelegenen Kriegsgräberstätte, auf der die verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen in einem großen Massengrab bestattet wurden. Dort folgte ein wesentlicher Programmpunkt zum Abschluss des Projekttages: die Schülerinnen und Schüler hatten eine kleine Gedenkzeremonie vorbereitet, um dem Schicksal der Opfer des “STALAG IX B“ zu gedenken. Hierfür hatten sie eine Schale mit dem Wort ‘Friede‘ in kyrillischer Schrift versehen. Diese Schale, in der zwei Kerzen entzündet wurden, wurde vor die Gedenktafel gestellt und anschließend legten die Schüler in kleineren Gruppen jeweils eine Blume neben die Gedenkschüssel. Die Zeremonie war sehr andächtig und wurde von den Schülern sehr ernst genommen.

Der Projekttag war ein voller Erfolg und ein kleiner Schritt in die Richtung der Völkerverständigung. Gerade in Zeiten wie diesen, ist dies unerlässlich, dass Jugendliche aus verschiedenen Ländern Kontakte knüpfen und ihre gemeinsame Geschichte behandeln und sich mit ihr auseinandersetzen.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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