Gemeinsam mit den Teilnehmenden der internationalen Jugendbegegnung lässt Oberbürgermeister Peter Feldmann die Papierboote zu Wasser, Foto: Andrea Berninger
Foto: Judith Sucher
Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion stellen sich den Fragen der Jugendlichen, Foto: Konstantin Dittrich

"Das Boot ist nicht voll!"

In Zeiten, in denen sich die Lage an den EU-Außengrenzen immer mehr zuspitzt, die Schreckensnachrichten aus dem Mittelmeer nicht abreißen und in denen die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte rasant steigt, setzen 35 junge Menschen aus aller Welt ein buntes Zeichen für mehr Solidarität mit Geflüchteten.

Es war eine Gedenkstunde der etwas anderen Art, mit der die diesjährige internationale Jugendbegegnung des Landesverbandes Hessen im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. am vergangenen Samstag ihren Höhepunkt fand.

Zwei Wochen lang beschäftigten sich 35 Jugendlichen im Alter von 16 bis 24 Jahren aus der Ukraine, dem Kosovo, der Türkei, Rumänien, Bulgarien, Russland, Frankreich, Italien, Weißrussland, Polen, Tschechien, Eritrea und Deutschland aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema Flucht - damals und heute. Anhand konkreter Einzelschicksale setzten sie sich auf der Kriegsgräberstätte in Butzbach – Niederweisel vor dem Hintergrund von Flucht und Vertreibung intensiv mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auseinander. Über Workshops zum Thema Postkolonialismus und Diskriminierung wurde der Bogen zu aktuellen Flüchtlingsbewegungen gespannt. „Besonders interessierte uns dabei, welchen Problemstellungen und gesellschaftlichen Ressentiments sich Geflüchtete in Hessen bei Ihrer Ankunft und Ihrem Einleben hier stellen müssen und wie die Politik menschenrechtlichen Anforderungen sowie Unsicherheiten und Befremdung in der Bevölkerung begegnen will.“, erklärt Leonie Mayr, Freiwillige im Landesverband Hessen und Teamerin der Jugendbegegnung. Rahwa und Mehreab, zwei Teilnehmer der Jugendbegegnung, konnten zu diesem Aspekt aus eigener Erfahrung berichten. Vor zwei Jahren kamen die Geschwister aus Eritrea nach Deutschland, auf der Flucht vor dem Militärdienst in der Diktatur. Auf Einladung des Landesverbandes nahmen sie nun an der zweiwöchigen Begegnung teil und teilten ihre Geschichte mit den anderen Jugendlichen. Ein Prinzip, das Geschäftsführerin Viola Krause fortsetzen möchte, um auch in den kommenden Jahren mithilfe von Sponsoren jungen Geflüchteten eine Teilnahme an den Jugendbegegnungen des Verbandes zu ermöglichen.

Die Aktion „Remembering Refugees“, bildete den Abschluss dieser zwei erfolg- und inhaltsreichen Wochen. Initiiert wurde sie von Leonie Mayr, die das Thema Flucht und Asyl zum persönlichen Schwerpunkt ihres Freiwilligen Sozialen Jahres machte. Zahlreiche Organisationen, Institutionen und Privatpersonen folgten dem Aufruf des Landesverbandes aus buntem Papier Boote zu falten und beteiligten sich an der Aktion. Knapp 1000 bunte Papierboote erreichten den Landesverband, die am Mainufer als Symbol der Erinnerung an die verunglückten Geflüchteten, für die das Mittelmeer zum Grab wurde, ins Wasser gelassen wurden.

Dass ein Begegnungs- und Bildungsprogramm in Europa in diesen Tagen kein aktuelleres Thema als Flucht zum Schwerpunkt haben kann, betonte auch der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann, der den symbolischen Startschuss der Aktion gab und als erster ein Boot auf den Weg schickte. Er sprach den jungen Menschen, allen voran Leonie Mayr, ein Kompliment aus und begrüßte dieses Signal für einen humanitäre Flüchtlingspolitik und eine bessere Willkommenskultur in Deutschland, dass sie mit dieser Aktion setzten: „Diese Aktion zeigt, dass der Volksbund im Denken jung geblieben ist.“ Er sei stolz auf Frankfurt, dass nicht durch Ressentiments und Fremdenhass, sondern durch eine Welle der Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung auf sich aufmerksam macht. „Die Botschaft muss sein: Das Boot ist nicht voll! Wir können solidarisch zusammenrücken und Platz machen in unserer Mitte für die, die unsere Hilfe brauchen.“, so Feldmann.

Im Anschluss an die Bootsaktion trafen sich die Teilnehmenden zu einer Diskussionsveranstaltung im Römer, die in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung stattfand und bei der sie all die Fragen stellen konnten, die sie die letzten vierzehn Tage beschäftigten. Gemeinsam mit Melusine Reimer (Academic Experience Worldwide), Svenja Gertheis (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung) und Alexander Wicker (Vorstandsmitglied im Landesverband Hessen) diskutierten sie, welche Herausforderungen sich aus der aktuellen Flüchtlingssituation ergeben und was die Politik, aber auch der Einzelne tun sollte und tun kann. Auf die Frage von Agnès aus Frankreich, wie sich der Volksbund zu dem Thema und zur Flüchtlingspolitik positioniert hat Viola Krause, Landesgeschäftsführerin in Hessen, zumindest für den Landesverband eine klare Antwort: „Wir wären als Organisation in unserer konkreten ‚Arbeit für den Frieden‘ unglaubwürdig, würden wir dieses Motto nicht auch auf gegenwärtige negative Entwicklungen beziehen und mit dem Blick in die Vergangenheit die "Willkommenskultur(en)" heutiger Tage auf den Prüfstand stellen.“

Judith Sucher