Schicksale – Gräber von Kindersoldaten
auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes

Auf den vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erbauten und gepflegten Soldatenfriedhöfen und Kriegsgräberstätten liegen weltweit über 43 500 junge Soldaten, die bei ihrem Tode noch keine 18 Jahre alt waren. Nachstehend wollen wir, stellvertretend für alle, einige Schicksale vorstellen. Sie wurden nicht nur um ihre Jugend betrogen, sondern ihr Leben war vorbei, bevor es richtig begonnen hatte.

 

Hitlerjunge Ewald Freyler

Ewald Freyler, geboren am 12.6.1929 in Contwig in der Pfalz, stammte aus einer Maurerfamilie. Er war auf der Baufachschule um Maurermeister zu werden und wurde mit der Hitlerjugend bei Schanzarbeiten im Saarland eingesetzt. Gestorben ist er am 21.3.1945 in Domfessel im amerikanischen Feldlazarett.

 

Edgar und Gerda, Geschwister von Ewald Freyler schreiben über ihren Bruder: „Unser Bruder war 15 Jahre alt. Er war allerseits sehr beliebt. Ein lieber Kerl und intelligent. Er spielte Trompete und Akkordeon. Er war handwerklich sehr begabt. Unser Vater war Soldat und Ewald war für uns mit unserem Opa die Bezugsperson. Wir erinnern uns, dass er Skier aus Silberpappelholz fabriziert hatte. Er hatte auch im Steinbruch einen 10–12 Meter tiefen Stollen mit dem ,Zweispitz‘ ausgehauen. Dicke Baumstämme und Sand vor dem Eingang sollten uns vor den Bomben und Granatsplittern schützen. Als die Amerikaner im Dorf ankamen, mussten wir aus unserem Versteck raus. Wir wurden mit anderen Dorfbewohnern gezwungen, im Gänsemarsch Richtung Westwall zu marschieren. Wir gingen rechts und die Amis kamen uns entgegen. Die deutsche Artillerie beschoss die amerikanische Kolonne. Waren wir da zum Schutz der Amis? Es gelang jedenfalls den Amerikanern den Deutschen zu funken, dass sie ihre eigenen Leute bombardierten. Da hörte auch die Beschießung auf. Aber es war zu spät. Ewald war schon getroffen worden. Ein Splitter war in seinen Rücken eingedrungen und die Spitze ragte aus dem Bauch raus. Er wurde in ein Haus getragen. Seine Stiefel waren schon voll Blut. Er hatte Durst und verlangte nach Wasser. Auf der Trage bat er: ,Liebe Mutter Gottes, hilf mir.‘ Am Abend mussten wir wegen der Ausgangssperre das Haus verlassen. Ewald blieb alleine. Am anderen Morgen, als unsere Mutter zu ihm gehen wollte, war er weg. Lange Jahre, bis 1968, waren unsere Eltern und wir im Ungewissen über sein Schicksal. Unsere Mutter war nervlich angeschlagen und erwartete immer seine Rückkehr. Als wir erfuhren, dass der Friedhof Niederbronn gebaut wurde, fragten wir nach. Da erfuhren wir, dass Ewald im amerikanischen Feldlazarett nach zwei Tagen gestorben war.“ Soldatenfriedhof Niederbronn/Elsass Block 20, Reihe 7, Grab 174

Nico und Kurt

Zwei junge Männer – ein Deutscher und ein Italiener – sind am 19. Dezember 1927 geboren; Kurt Richter in Leipzig, Domenico Tasca in Nove (Norditalien). Beim Rückzug der deutschen Truppen 1945 werden dort beide schwer verwundet und ins Krankenhaus des Ortes Marostica gebracht. Dort entdeckt die Mutter Domenico Tascas, dass neben dem Bett ihres Sohnes ein deutscher Junge, geboren am selben Tag wie ihr Nico, ebenfalls auf den Tod darniederliegt. Die Frau kann wenig mehr tun, als beiden Jungen liebevolle Worte zuzuflüstern, „als ob sie Brüder wären“, und ihnen in der gleichen Nacht am 29. April 1945 die Augen zu schließen.

Kurt Richter ruht auf dem Soldaten-
friedhof Costermano in Block 2, Grab 634. Nico Tasca ist auf dem Friedhof in Nove begraben. Ein Gedenkstein am Ufer der Brenta erinnert an das Schicksal der beiden jungen Leute. Sie sind keine 18 Jahre alt geworden.

 

Kriegsende in Bayern 1945

Im Frühjahr 1945 rücken amerikanische und französische Truppen in Bayern vor. Eilig führt man auf deutscher Seite Truppen zu, um eine Verteidigungslinie aufzubauen. In den letzten Wochen des Krieges sollen erfahrene Soldaten und junge Rekruten der Jahrgänge 1925 und 1926, aber auch Hitlerjungen des Jahrgangs 1928 und Arbeitsdienstmänner, die zum Teil kaum bewaffnet und ohne Ausbildung sind, den Feind aufhalten. Vergeblich.

In der zweiten Aprilhälfte 1945 rücken amerikanische und französische Truppen die Iller aufwärts, ein planmäßiger Widerstand der deutschen Truppen erlahmt mehr und mehr. Meist kleine Trupps hoffnungsloser Soldaten verschiedenster Einheiten ziehen in den letzten Apriltagen durch Sonthofen. Nur wenige haben die Hoffnung auf die Alpenfestung und wollen sich dorthin zurückziehen. Einer von ihnen ist der 16-jährige Arbeitsmann Erwin Volk. Am 25. April um 9.15 Uhr früh greifen Tiefflieger den kleinen Bahnhof in Günzach an. Unter den zahlreichen Opfern ist auch Erwin Volk. Kriegsgräberstätte Sonthofen, Reihe 21, Grab 33.


Beim Übergang der Amerikaner über die Donau bei Ulm kommt es zu schweren, verlustreichen Kämpfen. Hitlerjungen des Jahrgangs 1928 leisten erbitterten Widerstand. Unter ihnen die beiden 17-jährigen Emil Wilholm und Franz Treutler. Sie haben nebeneinander auf der Kriegsgräberstätte Reutti bei Neu-Ulm in Reihe 18, Grab 479 und 480 gemeinsam mit einem unbekannten Soldaten ihre letzte Ruhe gefunden (siehe Bild oben).

(Quellen: Volksbundarchive Kassel und München)

 

 

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