Video "Erinnerungen an eine Weihnachtsfeier für Kriegshalbwaisen" - Hörbuch zu Heiligabend

Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit

Im Sommer ‘43 fiel mein Vater am Kuban. Ich war vier Jahre alt. Im Dezember ‘43 veranstaltete die Wehrmacht, das heißt die in den hiesigen Kasernen stationierten Soldaten, eine Weihnachtsfeier für Kriegshalbwaisen: lauter Kinder, deren Väter gefallen waren, in Begleitung ihrer wohl vor Schmerz versteinerten Mütter. Der Festsaal war wundervoll geschmückt, überall mit Tannengrün. Und viele, viele Spielsachen und Geschenke warteten dort auf uns. Was ich alles sah, kann ich nicht detailliert schildern, aber den Eindruck, den ich hatte, werde ich nie vergessen. Ich ging an der Hand meiner Mutter, die mir nur als schweigend, wie ein Schatten, in Erinnerung ist. Junge Soldaten beugten sich zu uns Kindern, nahmen uns auf den Arm. Ich habe vergessen, was meiner sagte oder tat, aber ich weiß, wie jung er aussah. Sicher wollte er mir etwas geben, war mir ganz nah, und Goldenes und Silbernes glitzerte überall. Ein Schlitten fällt mir ein, eine mich staunen machende Fülle. Ich glaube, ich wollte von all dem nichts annehmen. Ob ich Dinge berührte, prüfte? Ich schaute schweigend. Ich sah, als ob ich durch alles hindurchsähe – so erscheint es mir heute. Doch ich weiß, was ich spürte: eine unbeschreiblich liebevolle Zuwendung und Fürsorglichkeit all dieser Soldaten mit all den Dingen im festlichen hohen Raum. Sie wollten uns etwas geben, was unsere Väter zu geben gewünscht hätten. Ich spürte eine so große mitleidsvolle Liebe von allem ausgehend. Sicher hatten die Soldaten sehr vieles von diesen Christgeschenken selbst gearbeitet. Ich spürte so viel, ich fühlte nur Gefühle, keine äußeren Berührungen, und erfasse heute, wie still ich dies ertragen habe. Vielleicht führte ich meine Mutter, nicht sie mich.
Vielleicht hat einer dieser wissenden Soldaten doch erreicht, dass ich wenigstens einen blauschwarzen Samthund an mich drückte – ich weiß nicht mehr, woher ich den „Rolf“ hatte. Er stammte aus jener Zeit. Doch diese tiefe, tragende Wehrmachtsweihnacht für die Kinder ohne Vater wäre eine mögliche Erklärung, wieso mir der kleine Stoffhund so unsagbar viel bedeutete.

Monica Hittenkofer

Diese und weitere Geschichten aus schwerer Zeit finden Sie in unserem Buch Band 11 "Unter den Sternen".

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