Video "Inmitten der Trümmerwüste" - Hörbuch zum 3. Advent

Weihnachtsgeschichten aus schwerer Zeit

Eine wahre Weihnachtsgeschichte

Weihnachten 1945... wir waren froh, den Bombenangriffen und dem Kelleralltag entronnen zu sein. Das Ausmaß der Zerstörung war groß, aber das Haus, in dem ich mit meinen Eltern wohnte, war weitgehendst unzerstört und wies nur kleine Einschüsse auf. Für mich – ich war damals neun Jahre alt – änderte sich nicht viel in meiner kleinen Welt. Bevor mein Vater Schwerbeschädigter zum Volkssturm eingezogen wurde sagte er: „Verlasst dieses Haus nicht, es wird stehen bleiben“. Und so war es.

Die Versorgung war außerordentlich knapp. Wir hatten das große Glück, dass mein Vater vor den Weihnachtsfeiertagen aus der Gefangenschaft gesund entlassen wurde. Unsere kleine Wohnung beherbergte außer uns die Großeltern sowie die Schwester meines Vaters mit Mann und Kind, die alle aus Memel geflüchtet waren. Somit war die Familie väterlichseits vereint, wenn auch unfreiwillig. Wir saßen eng aufeinander. Für mich als Kind hatte das keine Bedeutung, im Gegenteil, ich liebte alle und fühlte mich gut aufgehoben. Meine Mutter sah das bestimmt etwas anders.

Zur Weihnachtszeit, wie auch sonst im Elternhaus, wurde viel gesungen. Mein Vater hatte ein wunderbare Stimme und spielte Harmonika. Als der Heilige Abend heran kam, war ich sehr enttäuscht, dass nur ein ganz kleines Bäumchen auf dem Tisch stand. Der Baum war immer das wichtigste für mich, doch was half´s. An Leckereien war nicht zu denken, außer selbstgemachten Bonbons aus Rübenzucker, die in der Pfanne zubereitet wurden und steinhart waren. Die Bescherung wurde sehr klein geschrieben, lediglich meine Puppe erhielt ein neues Kleid aus Stoffresten hübsch genäht. Ich war glücklich. Was meine Mutter für alle an Essen auf den Tisch brachte, weiß ich nicht mehr. Nach dem Essen verließ mein Vater still das Haus. Abends, nach seiner Rückkehr, stand er in der Tür mit einem Rucksack auf dem Rücken, den er auf dem Tisch entleerte. Heraus fielen viele kleine Tüten und eingewickelte Dinge, die sich als Plätzchen aller Art offenbarten. Woher kamen die plötzlichen Herrlichkeiten? Mein lieber Vater ging mit einem Freund und seiner Harmonika auf di Höfe Berlins Weihnachtslieder vortragen. Die Menschen waren berührt inmitten der Trümmerwüsten die schönen Weisen zu hören und kamen herbei, jeder mit einer Kleinigkeit, die er gern hergab.

Es ist heute – nach so vielen Jahren – nicht einfach zu vermitteln, unter welchen Schwierigkeiten aber auch mit Tapferkeit die Menschen das Weihnachtsfest 1945 erlebten.

Meinem Vater bin ich noch heute dankbar für das, was er getan hat.
Regina Umlauf-Kerwinski

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