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Alte Gräber wurden wieder entdeckt
Exhumierung direkt neben Kriegsgräberstätte Tallinn
24. Mai 2018

So etwas gibt es selten: Direkt neben der seit 1943 existierenden und im Jahr 1990 durch den Volksbund wiederhergestellten Kriegsgräberstätte Tallinn-Maarjamäe (früher: Reval-Marienberg) sind neue Kriegsgräber entdeckt worden. Es handelt sich um insgesamt über 80 Kriegstote. Die meisten von ihnen waren Angehörige der deutschen Marine, die während des Zweiten Weltkrieges nach verlustreichen Seegefechten an den Küsten Estlands angespült wurden. Aufgrund der schwierigen Bodenbeschaffenheit wird eine vollständige Identifizierung der Kriegstoten wohl leider nicht möglich sein.

Der deutsche Soldatenfriedhof Reval-Marienberg, so der ursprüngliche Name dieses Wehrmachts- und Marine-Friedhofes, liegt etwa 9 Kilometer östlich der estnischen Hauptstadt. An dieses Gelände grenzt auch ein sowjetisches Ehrenmal aus der Nachkriegszeit sowie die Baustelle für ein neues estnisches Memorial in Gedenken an die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft. Dort wurden bei ersten Vorarbeiten im Februar des Jahres die alten Wehrmachtsgräber neu entdeckt.

Einbettung erfolgt am 8. Juni

Inzwischen hat der Volksbund-Umbettungsdienst vor Ort seine Arbeit aufgenommen und die durch estnische Archäologen geborgenen Gebeine übernommen. Die bisher namenlos ruhenden Kriegstoten werden nun am 8. Juni im Rahmen einer kleinen Gedenkzeremonie an der Seite ihrer ehemaligen Kameraden zur letzten Ruhe gebettet.

Ihr neuer, unweit gelegener Bestattungsort weist dabei eine Geschichte auf, die für viele Wehrmachtsfriedhöfe in Osteuropa leider keine Ausnahme darstellt: So wurde der bereits ab September 1943 geschaffene Friedhof in Tallinn-Maarjamäe in der Nachkriegszeit nahezu komplett zerstört, beziehungsweise eingeebnet und die Kriegsgräber unkenntlich gemacht. Anlässlich der Olympischen Spiele von 1980 wurde der Gottesacker dann auch noch teilweise durch ein sowjetisches Ehrenmal überbaut. So geriet die deutsche Friedhofsanlage über die Jahre allmählich in Vergessenheit.

Aus der Vergessenheit gehoben

Erst als der Volksbund kurz nach dem Mauerfall seine Arbeit in Estland aufgenommen hatte, wurde der Friedhof wiederentdeckt und sodann aufwändig wiederhergestellt. Insgesamt wurden dort schon in der Kriegszeit etwa 8000 gefallene Wehrmachts- und Marine-Angehörige bestattet. Von ihnen sind viele leider nicht namentlich zuzuordnen. Anhand der zeitgenössischen Verlustlisten wurden aber viele Namen der Verstorbenen aus der Vergessenheit gehoben und vor Ort auf großen Granitstelen verewigt. Dennoch ruhen dort auch sehr viele Soldaten als Unbekannte in ihren Gräbern.

Neben dem über fünf Meter hohen Hochkreuz aus Stein befinden sich heute insgesamt 24 liegende Namentafeln. Dort sind in alphabetischer Reihenfolge sämtliche bekannte Namen, Geburts- und Sterbedaten der hier bestatteten deutschen Soldaten verzeichnet. Ihre Gräberfelder sind mit symbolischen Kreuzgruppen aus Naturstein kenntlich gemacht.

Dass nun weitere namentlich beschriftete Gräber in Tallinn-Maarjamäe dazukommen könnten, ist allerdings eher unwahrscheinlich, meint der für Estland zuständige Volksbund-Länderbeauftragte Anton Pärn. Die Gründe hierfür sind die damalige Einebnung der Kriegsgräberstätte durch die Sowjetunion sowie die ungünstige Bodenbeschaffenheit des Geländes. Es soll dennoch alles versucht werden, zumindest einige der bestatteten Matrosen anhand der stark korrodierten und zerfallenen Erkennungsmarken zu identifizieren. Auch dafür gibt es beim Volksbund bereits seit Jahren erprobte Verfahren. „Mit Blick auf die Hoffnungen der Angehörigen, die bis heute unter dem ungeklärten Schicksal ihrer Familienmitglieder zu leiden haben, werden wir alles versuchen, dass möglichst viele Identifizierungen doch noch möglich sind. Wir wollen den Toten ihre Namen zurückgeben“, sagt Thomas Schock, Leiter des Volksbund-Umbettungsdienstes.

Maurice Bonkat