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Die Zukunft vereint uns
Krzemiński-Rede zum deutsch-polnischen Verhältnis
04. Mai 2018

Deutsche und Polen verbindet eine oftmals unheilvolle gemeinsame Geschichte. Vor allem zu Zeiten der beiden Weltkriege wurden der polnische Staat und seine Menschen mit unfassbaren Leiden und millionenfachem Tod überzogen. Doch es gibt auch Hoffnung. Spätestens mit der friedlichen Revolution von 1989 fand eine politisch-gesellschaftliche Zäsur statt – gerade im historisch so bedeutsamen Verhältnis zum östlichen Nachbarn. Darüber referierte der polnische Publizist und Journalist Adam Krzemiński anlässlich des 3. Volksbund-Jahresempfangs in Berlin. Hier lesen Sie die Rede im Wortlaut:

"Meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zum heutigen Empfang des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Es ist eine schöne Geste von Ihnen, ausgerechnet einen Polen um einen Rückblick auf das Jahr 1918 und um einige Gedanken zum vergangenen Jahrhundert aus der Perspektive des Jahres 2018 zu bitten. Polen trug nämlich am Ausbruch des „großen Krieges der weißen Männer“ keinesfalls eine Mitschuld, weil die Nachbarmächte es Ende des 18. Jahrhunderts als Staat liquidiert hatten. Allerdings kämpften unter den 70 Millionen Soldaten des Ersten Weltkrieges dennoch 2,9 Millionen Polen: in deutschen, österreichischen und – auf der gegnerischen Seite – russischen Uniformen. Etwa eine halbe Million von ihnen fielen, in Verdun, an der Piave, bei Tannenberg, sogar im türkischen Trapezunt.

Die Westfront hat ihre literarische Legende – die „Erziehung von Verdun“. Der Erste Weltkrieg „im wilden Osten“ hat dagegen keine eigene europäische Erzählung – nicht einmal Tannenberg, trotz des Hindenburg-Mythos bei den Deutschen und Solschenizyns „August 1914“. Dabei fanden die blutigsten Schlachten in Polen statt. Und nicht in Ypern, sondern am 31. Januar 1915 beim polnischen Bolimów wurde zum ersten Mal Kampfgas eingesetzt.

Polen und seine Bürger trugen keine Mitschuld am Ersten Weltkrieg, aber sie waren und sind seine Nutznießer. Mit der Machtübernahme durch die Bolschewiki in Russland im Oktober 1917 und dem Kollaps der Mittelmächte im November 1918 wurde auch das Gebet des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz aus dem Jahre 1848, „Herr, um einen allgemeinen Krieg der Völker bitten wir Dich“ erhört. Inmitten der Kriegstrümmer öffnete sich ein Zeitfenster für die Gründung neuer Staaten, vom Baltikum bis zur Adria.

Es waren keine friedlichen Staatsgründungen. In Polen sorgten ethnische Grenzkriege und revolutionäre Wirren bis hin zum siegreichen polnisch-russischen Krieg 1919-20 für militärische Gründungsmythen. Im gedemütigten Deutschland schürten die sogenannte „Dolchstoßlegende“ und der, wie es hieß, von den Siegern diktierte „Schandfrieden“ einen Drang zur „nationalen Erweckung“ und Vergeltung an den verachteten neuen Nachbarn im Osten. Der Hitler-Stalin-Pakt und ihr gemeinsamer Überfall auf Polen als Auftakt eines Eroberungskrieges waren die Folge.

Ob im September 1939 in Europa der Zweite Weltkrieg einsetzte oder „nur“ der zweite Dreißigjährige Krieg 1914-1945 fortgesetzt wurde, bleibe dahingestellt. Mit dem Überfall auf Polen begannen beide totalitären Mächte – das III. Reich und die UdSSR –, ihre Zukunftsprojekte durch die Vertreibung der Polen aus den ans Reich angeschlossenen Gebieten, über die Gettoisierung der Juden im Generalgouvernement, bis zu Massendeportationen in den sowjetisch besetzten Ostpolen und den von beiden Aggressoren abgesprochenen Dezimierungen der polnischen Führungsschicht zu verwirklichen.

Mit dem deutschen Überfall auf die UdSSR 1941 sah dann der Generalplan Ost die Räumung weiter Teile Vorkriegspolens und der Sowjetunion für die Ansiedlung von fünf Millionen Deutschen vor. Millionen slawische und jüdische Bewohner sollten versklavt, vertrieben oder ermordet werden.

Stalingrad brachte die Wende, doch der Krieg in Europa dauerte noch zwei Jahre an – mit der „Endlösung der Judenfrage“, dem alliierten Bombenkrieg, der minutiösen Zerstörung Warschaus durch die Deutschen bei voller Passivität der Roten Armee, mit der Terrorwelle im Reich nach dem am 20. Juli 1944 gescheiterten Attentat auf Hitler, mit der Massenflucht der Deutschen vor sowjetischen Panzern und Massenvergewaltigungen.

Die „Großen Drei“ zeichneten in Teheran, Jalta und Potsdam eine neue Karte Europas und einigten sich auf Massenumsiedlungen der deutschen Bevölkerung, doch eine Völkerwanderung war ohnehin im Gange: Millionen Zwangsarbeiter wurden im Krieg hin und her getrieben, viele blieben im Westen hängen, weil sie nicht im Kommunismus leben wollten, wo zugleich ein „Bevölkerungsaustausch“ entlang der neuen Grenzen massiv betrieben wurde. Die Liste der Kriegstoten verlängerte sich nach und nach um die Liste der Opfer des „Kalten Krieges“ und der nachfolgenden „Stellvertreterkriege“ in der „Dritten Welt“ immer weiter.

In den vergangenen 5559 Jahren bis 1939 soll es 14.513 Kriege gegeben haben. Die Zahl der Toten ist unüberschaubar, allein in den letzten 2500 Jahren war es fast eine halbe Milliarde. Das 20. Jahrhundert gilt mit 22 Millionen Toten im Ersten und über 70 Millionen im Zweiten Weltkrieg als das blutigste in der Menschheitsgeschichte, zumal es noch die unzähligen Opfer der Terrorregime inklusive des Maoismus sowie der ethnischen Säuberungen, bis hin zu den heutigen Religions- und Bürgerkriegen gab.

Und dennoch wird auch die These vertreten, etwa von Steven Pinker, dass die Gattung Mensch doch immer friedlicher wird. Selbst in diesem schrecklichen Jahrhundert mit seinen – laut Zbigniew Brzezinski - 187 Millionen Kriegstoten sollen, gemessen an der explosiv steigenden Bevölkerungszahl, prozentual weniger Menschen umgebracht worden sein, als in allen vorangegangenen. Danach bestünde also die Hoffnung, dass die Menschen friedfertiger und imstande sein werden, ihre Konflikte kooperativ und nicht konfrontativ zu lösen. Voraussetzung hierfür ist eine globale „Entfeindung“, wie Willy Brandt es ausdrückte.

„Entfeindung“ erfordert aber eine Gedenk- und Erinnerungskultur, die sich nicht in einer rein rückwärtsgewandten Trauer der nächsten Verwandten „bis zum siebten Glied“ und auch nicht in einer gemeinschaftlichen Heldenverehrung erfüllt. Auch die archaische Würdigung des niedergestreckten Gegners muss kein Zeichen einer „Entfeindung“ sein. Die rührselige Auslieferung der Leiche Hektors an Priamos durch Achilleus und die anschließende Waffenruhe während der Begräbnisfeier verhinderten keineswegs die spätere Vernichtung Trojas und seiner Bewohner.

Voraussetzung für eine „Entfeindung“ von „Erb-“ oder sonstigen „Nationalfeinden“ ist weniger ein nur offiziöses Versöhnungsritual, sondern gelebte Begegnung und Verständigung über den Soldatengräbern. Auch wenn es für Politiker verlockend sein mag, weil es sie vor einem geschichtsschweren Hintergrund telegen im Rampenlicht erscheinen lässt. Politiker können Akzente setzen und sich dem tradierten Chauvinismus, von dem subkutan kein Volk frei ist, hingeben oder entgegenstemmen. Doch entscheidend ist die Erziehung zur Empathie, die Fähigkeit, sich in die Traumata, Komplexe und Verunsicherungen der Nachbarn, der „Anderen“ hineinzudenken.

Der erste empathische Rückblick gilt aber meist den „eigenen“ Opfern. Ich muss wohl 12 Jahre alt gewesen sein, als ich meine ersten gezielten Wanderungen durch Warschau auf den Spuren der deutschen Besatzungszeit machte. Entsetzt las ich die Gedenktafeln, die an die öffentlich Erschossenen erinnerten. Im ehemaligen Gestapokeller empfand ich mich auch eingekerkert. Im Militärmuseum trat ich verstohlen auf eine Hakenkreuz-Standarte, woraufhin mich eine Saalwärterin anherrschte, dies sei ein Exponat, und ich hätte mich anständig zu benehmen, nicht so wie die damals…

Ich war 14, als ich zum 20. Jahrestag des 1. September 1939 am Grab des Unbekannten Soldaten ergriffen den metallischen Worten des damaligen Ministerpräsidenten über den deutschen Überfall und die Kriegsverbrechen Hitlerdeutschlands, über die Bonner Verweigerung, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, und über die polnisch-sowjetische Waffenbrüderschaft zuhörte. Damals wusste ich noch nicht, dass im Stadtteil Wola, wo die Besatzer während des Warschauer Aufstandes 1944 zigtausende Zivilisten massakriert hatten, kurz nach dem Krieg Leichen deutscher Soldaten ungerührt unter einem Bürgersteig verscharrt worden waren. Jahre später wurden sie klammheimlich auf einen Friedhof umgebettet.

Es heißt, die Zeit heile alle Wunden. Die „Entfeindung“ darf man allerdings nicht der heilenden Wirkung der Zeit überlassen. Denn man kann auch die Verfeindung konservieren. In jeder Hauptstadt zeugen davon die Siegessäulen, Zeichen einer quasi-religiösen Verklärung der eigenen Nation, ihrer Glorie, ihrer Einzigartigkeit und geradezu messianischen „Mission“, die – umrahmt von der Kultivierung der „Erbfeindschaft“ – zur identitätsstiftenden säkulären Religion erhoben wurden.

Der Zweite Weltkrieg verstärkte die alten Feindbilder durch neue Brandwunden und der nachfolgende Kalte Krieg perpetuierte sie. Zugleich aber erzwang das Gebot einer Vereinigung des gespaltenen und bevormundeten Kontinents eine Öffnung zu den Nachbarn hin und die Wahrnehmung seiner Wunden.

So modellhaft die deutsch-französische Versöhnung Adenauers und de Gaulles für die Handhabung anderer schwieriger Nachbarschaften im Nachkriegseuropa auch war, als wirklich revolutionär muss man den Wandel in der asymmetrischen deutsch-polnischen Nachbarschaft würdigen. Sie war nicht nur durch Hitlers genozidalen Eroberungskrieg belastet, sondern auch wegen der Folgen der „Westverschiebung Polens“ durch die Alliierten.

Hier reichte ein „Friedenszeichen“ der Regierungschefs alleine für eine „Entfeindung“ nicht aus. Umstritten waren ja auch sowohl die bahnbrechende Worte der polnischen Bischöfe „wir vergeben und bitten um Vergebung“, als auch der Kniefall des deutschen Bundeskanzlers. Und dennoch waren sie Meilensteine auf dem Weg, den im vergangenen halben Jahrhundert diese Nachbarn miteinander zurückgelegt haben.

Zunächst war es nicht die Zukunft, die uns verband. Erst in den 70er Jahren kam mit der Ostpolitik die Hoffnung auf die Aufweichung des „Eisernen Vorhanges“ hinzu. In den 80ern wiederum kündigte die Solidaritätswelle mit den durch den Kriegszustand bedrängten Polen eine mögliche deutsch-polnische „Interessengemeinschaft“ an, die dann 1989 tatsächlich zum Vorschein kam – europäisch eingebettete Freiheit für Polen und die Einheit für Deutschland.

Die Vergangenheit trennte, aber sie verband zugleich. Die Kriegsgeneration wusste, wovon sie sich absetzen wollte. Der deutsche Heimattourismus vergegenwärtigte vielen Polen nicht nur die Nostalgie, sondern oft auch die traumatischen Erfahrungen der deutschen Vertriebenen. Die sich wiederum oft erst jetzt die Schicksale ihrer polnischen Nachfolger bewusst machten.

Die Verbrüderung von Politikern auf Soldatenfriedhöfen hat zuweilen etwas künstlich Theatralisches an sich, manchmal wirkt sie penetrant – wie in Bitburg – oder halbherzig, wie Putins Geste im April 2010, als er in Katyn, wo 1940 auf Stalins Befehl Tausende polnischer Offiziere erschossen wurden, in Gegenwart des polnischen Regierungschefs halb kniend eine Kerze anzündete, den Hitler-Stalin-Pakt aber vor Polen als moralisch verwerflich, vor Russen dagegen als eine diplomatische Glanzleistung zu bezeichnen beliebte …

Die sterblichen Überreste der Wehrmachtssoldaten sind in Polen seit den 80er Jahren auf militärische Friedhöfe umgebettet worden. Ob es zu einer „Versöhnung über den Gräbern“ nicht der Politiker, sondern der Veteranen kommt, ist eine andere Frage. Es gibt unzählige Beispiele dafür – zwischen Amerikanern, Japanern, Deutschen, Briten, Sowjets, auch Polen. Flieger, U-Boot-Fahrer, Panzer-Soldaten. Aber es gab auch offene Verweigerungen. So etwas lässt sich nicht verordnen. Wolf Biermann machte es sich doch zu einfach, als er in der DDR sang: „Soldaten sehn sich alle gleich, Lebendig und als Leich.“ Als Tote sehen sie vielleicht gleich aus, aber sie sind es nicht…

Der Volksbund ist sich natürlich des Unterschiedes zwischen Angreifer und Verteidiger, zwischen dem „ungerechten“ und dem „gerechten Krieger“ völlig bewusst. Es wäre auch zu einfach, in der Käthe-Kollwitz-Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ allgemein „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ erkennen zu wollen. Die Hinterbliebenen der in Stalingrad Erfrorenen denken wenig über den Weg ihrer Söhne, Brüder, Väter bzw. Urgroßväter an die Wolga nach. Für sie sind sie Opfer des Krieges, selbst wenn sie unterwegs auch zu Tätern geworden waren. Und ich weiß nicht, wer dort in der Neuen Wache zugleich an die Kriegsopfer in gegnerischen Uniformen denkt. Dennoch sind wir es uns wohl selbst schuldig, in gefallenen Soldaten nurmehr die toten Kinder ihrer Eltern zu sehen.

Die Kombattanten werden selten auf denselben Friedhöfen begraben, obwohl sie wohl alle der Jesaja-Spruch eint: „ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“. In Rossoschka bei Stalingrad trennt eine Straße deutsche und russische Soldatengräber. Auf Kreta liegen Deutsche und Briten weit voneinander entfernt, genauso wie Polen und Deutsche in Monte Cassino, auch wenn man polnische Namen gleich am Eingang des deutschen und deutsche Namen auf dem polnischen Friedhof findet. Die einen gelangten dorthin zuerst als Verbündete Mussolinis und dann als Besatzer, die anderen als Befreier, die nach 1939 von den Sowjets nach Kasachstan oder Sibirien vertrieben worden waren und dann mit einer polnischen Armee über den Iran, Palästina und Nordafrika in Italien kämpften, ohne Polen wieder befreien zu können…

Der Punkt ist aber, dass nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern auch heute weitaus mehr Kriegsopfer keine Uniformen trugen, weil die Kriege unserer Zeit viel mehr Opfer unter den Zivilisten als unter den Kombattanten verursachen. Und da gibt es tatsächlich keine relevanten Unterschiede, ob eine polnische, deutsche oder syrische Mutter auf der Flucht vor dem Krieg ihr getötetes Kind beklagt – unabhängig davon, auf welcher Seite der Frontlinie sie sich befand, oder von wem sie vertrieben wurde…

Das heutige Polen – vielleicht auch Deutschland – begeht demnächst zwei fundamentale Wendepunkte der europäischen Geschichte. Die Jahre 1918-1919 und das Jahr 1989. Das erste Datum mag Deutsche und Polen trennen, deutsche Niederlage und Novemberrevolution mit ihren verhängnisvollen Folgen, und die polnische Wiedergeburt mit der Maßarbeit der Vereinigung der drei Teilungsgebiete.

Das Jahr der ostmitteleuropäischen Revolution 1989 dagegen vereint uns – ohne militärischen Heldenkult. Unsere freiheitliche Demokratie muss zwar wehrhaft sein, aber gelingen kann sie nur wenn die Nachgeborenen in Europa nicht nur an die eigenen Toten denken, sondern auch den Schmerz der Enkel einstiger Gegner sehen."