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In was für einem Europa wollen wir leben?
Pariser Dialog – Erinnerungskulturen im Gespräch
05. Juni 2018

„Dem Ersten Weltkrieg wurde während der vergangenen vier Jahre auf so vielen Veranstaltungen an so vielen Orten gedacht, nun, im letzten Gedenkjahr ist es Zeit, dieses Phänomen einmal selbst zu reflektieren“ fasste Botschafter Meyer-Landrut die Volksbund-Veranstaltungsreihe „Erinnerungskulturen im Gespräch“ zusammen.

Von wem und warum werden historische Ereignisse erinnert und wie wirken sie sich – selbst hundert Jahre später – spürbar auf unsere Gegenwart aus? Gedenken Europas Staaten noch immer oder wieder entlang nationaler Grenzen? Umgekehrt: Zeigen sich transnationale Gemeinsamkeiten, vielleicht aber auch Unterschiede zwischen Regionen bis zur einzelnen Familienerinnerung?

Gerade der Erste Weltkrieg als weltumfassende Zäsur bietet sich für eine vergleichende Zusammenschau der Erinnerungen im Dialog an. Verlief dieses Weltereignis doch vor Ort ganz unterschiedlich und wirkt bis heute in kriegerischen Konflikten in und um Europa fort. Darum lädt der Volksbund noch bis November zusammen mit Botschaften zu Historikergesprächen, Seminaren für Schülerinnen und Schüler und Lesungen ein – von Paris über Brüssel bis Moskau und von Tallin über Berlin bis Belgrad.

Deutschland und Frankreich – eine aufregende Beziehungsgeschichte

Paris war der bewusst ausgewählte Ort für eine Auftaktveranstaltung am 4. Juni in der Residenz des Deutschen Botschafters. Denn „die wandlungsreiche Beziehungsgeschichte der erbitterten Erbfeinde zum deutsch-französischen Tandem in einem vereinten Europa ist oft beschrieben, vielleicht einmal zu oft beschworen worden“, wie Wolfgang Schneiderhan (Foto unten) angesichts der Debatte um eine vertiefte EU betonte. „Gerade heute ist dieser friedliche Wandel keineswegs selbstverständlich, ist das Verhältnis unserer Länder weder frei von historischen Wunden noch von gegenwärtigen Spannungen.“ Umso wichtiger ist für den Präsidenten des Volksbundes, „genau auf die Geschichte zu schauen, um dann die richtigen Schlüsse für unsere Gegenwart zu ziehen: In was für einer Gesellschaft, in was für einem Europa wollen wir leben?“

Im Norden wird an den Ersten, im Westen an den Zweiten Weltkrieg erinnert

Auf diese Frage fanden Elise Julien und Valentin Schneider viele historische Einsichten – doch die wohl stärkste Antwort liegt in ihrer transnationalen Forschungsvita. Bewusst hatte der Botschafter jüngere Historiker zum Dialog eingeladen, die zwischen beiden Ländern und in beiden Sprachen forschen. Schneider lebt in der Normandie und brachte eine spannende Regionalperspektive ein: So war die Atlantikgegend vor hundert Jahren wichtiger Rüstungsstandort, beherbergte viele Lazarette und diente der belgischen Exilregierung als Rückzugsort. Doch dominieren im öffentlichen Erinnern die früheren Kampfschauplätze, weswegen in Nordfrankreich der Erste, an der Westküste hingegen der Zweite Weltkrieg erinnert wird; selbst dies erst seit den 1990er Jahren. Widersprach die Landung mit vereinten Kräften der Alliierten doch General de Gaulles Fokus auf ein Frankreich, das sich in beiden Weltkriegen selbst vom deutschen Angreifer befreite.

In dieser Kontinuitätserzählung der vereinten Selbstverteidigung der Republik sieht Elise Julien den großen Unterschied zur wesentlich gebrocheneren Erfahrung westlich des Rheins. Laut der in Lille lehrende Historikerin überging das französische Einheitsnarrativ zwar marginalisierte Gruppen, wirkte aber gesellschaftlich integrierend, gab dem unermesslichen Verlust einen ‚Sinn‘ und erlaubte aus einer Position der Stärke sogar schneller wieder Raum für die Bereitschaft zu internationaler Kooperation und pazifistische Strömungen.

Auf die Kriegerdenkmäler des Ersten Weltkrieges kam einfach eine neue Plakette

In Deutschland hingegen musste jeweils ein neues geschwächtes Staatswesen sich zum verlorenen Krieg und seinen Toten verhalten – und das Land wieder aufbauen. Zudem drohte die Instrumentalisierung durch nationalistische Kräfte. Trotz gesamtgesellschaftlicher Kooperation wie im Volksbund war das Totengedenken in der Zwischenkriegszeit politisch auch immer umstritten. Der Nationalsozialismus vereinnahmte es komplett. „Auf Kriegerdenkmäler des Ersten Weltkriegs kam einfach eine neue Plakette für die Gefallenen des Zweiten und manchmal sogar eine weitere für noch kommende Kriege“, erklärte Valentin Schneider.

Nach 1945 und damit nach Vernichtungskrieg und Schoah war das Totengedenken noch ambivalenter aufgeladen. Hier ließ der Staat Kirchen und Vereinen mehr erinnerungskulturellem Raum – die ihn in den ersten Jahrzehnten mit der universellen Formel an die Opfer der Kriege auszufüllen versuchten.

Alltagsgeschichten erweiterten das Verständnis für das Leid der Anderen

Obwohl das Weltkriegsgedenken in beiden Ländern immer schon lokal geprägt war, traten Alltagsgeschichten einzelner Soldaten, aber auch von Frauen oder Kindern erst seit den 1980er Jahren langsam in den Vordergrund. Sie erweiterten im Zuge von deutscher Westintegration und Tourismus auch das wechselseitige Verständnis für die Leiden der anderen Seite.

Die Schreckenserfahrung des industrialisierten Krieges, die Trauer um den persönlichen Verlust endete zwar mitunter in Revanchegefühlen, mit der Zeit und über die oftmals gemeinsame Grabpflege wandelte sich diese Spannung jedoch oftmals in ein Interesse an den ähnlichen Schicksalen der anderen Seite, die auf Angehörigenreisen nach Frankreich oder Belgien, später dann auch in Mittelosteuropa ein persönliches Gesicht bekam.

Für die Moderatorin und Deutschlandkennerin Hélène Miard-Delacroix war es jedenfalls kein Zufall, dass der Ort für das erste wirklich gemeinsame Gedenken zwischen Präsident Mitterand und Bundeskanzler Kohl – bis hin zur bildmächtigen Geste des Hand in Hand – auf einem Friedhof stattfand.

Matteo Schürenberg