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Um des lieben Friedens willen
Einbettung von 1343 Kriegstoten in Neumark
19. April 2018

Eine junge Frau mit blonden Haaren beugt sich über die Särge. Ein letztes Mal überprüft sie eine der Einbettungsnummern, die darauf verzeichnet sind. Dann steigt sie in eine etwa 1,20 Meter tiefe Grube, richtet den Sarg an den genauestens abgemessenen Markierungen aus und legt schließlich einen grünen Tannenzweig darauf. Anschließend wird dieser Ablauf an zwei weiteren großen Grabflächen noch über tausend Mal wiederholt: Es handelt sich um eine Einbettung auf der deutschem Kriegsgräberstätte Neumark (Stare Czarnowo) in Polen. Dort betten die Kolleginnen und Kollegen der Firma Pomost im Auftrag des Volksbundes am 18. April insgesamt 1343 Kriegstote ein.

Bei den in Neumark eingebetteten Toten handelt es sich hauptsächlich um durch den Volksbund exhumierte Soldaten sowie 141 zivile Opfer. Sie waren zumeist Flüchtlinge aus dem früheren Hinterpommern, dem Lebuser Land und der Provinz Posen. Unter den Toten sind auch 651 Kriegsgefangene aus Landsberg an der Warthe (Gorzow Wielkopolski). An den besagten Fundstellen häufen sich zudem die Hinweise auf weitere unentdeckte Kriegsgräber. „Doch einige der Besitzer sperrten sich zunächst gegen diese Ausbettungen“, sagt Tomasz Czabanski (Pomost): „Nun steht aber fest, dass dort ein neues Baugebiet entsteht – und wir dann vorher unsere Arbeit abschließen können. Endlich.“

Die letzte Ruhestätte, an der auch diese Kriegstoten dann würdig bestattet werden, ist ein ganz besonderer Ort: Stare Czarnowo bei Glinna oder auch Neumark ­– dieser Friedhof existiert erst seit dem Jahr 2003. Dennoch blickt er bereits auf eine bewegte Geschichte zurück: Geplant als Sammelfriedhof hauptsächlich für gefallene Wehrmachtsangehörige entwickelte sich Neumark über die Jahre auch zu einem Erinnerungsort an verstorbene Kriegsgefangene. Nach dem von großem Medieninteresse begleitetem Fund tausender ziviler Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft bei Marienburg (Malbork) im Oktober 2008 entwickelte er sich zudem zu einer Kriegsgräberstätte für Ziviltote und Internierte. Viele dieser Menschen wurden in Zusammenarbeit mit dem Pomost-Team um Thomas Czabanski geborgen.

Geschichte eines Erinnerungsortes

Zugleich war dieser besondere Gedächtnisort vor einigen Jahren Schauplatz anti-deutscher Demonstrationen polnischer Nationalisten, die sich gegen ein vermeintliches Nazi-Gedenken wendeten. Auf der anderen Seite haben hier schon zahlreiche deutsch-polnische Arbeitseinsätze mit Soldatinnen und Soldaten aus den ehemals verfeindeten und heute befreundeten Ländern stattgefunden, die ebenso wie die Jugendbegegnungen des Volksbundes einen überaus positiven Eindruck hinterlassen haben. Hier in Neumark etablierte sich von Anfang an ein Gefühl der Gemeinschaft und Freundschaft über vergangene Grenzen hinweg.

Neumark ist also beides: Ein Erinnerungsort der Konfrontation mit den schrecklichen Taten der Vergangenheit – und ein Ort, der Platz für Versöhnung und Begegnung, schlicht für Gemeinsames bereitet.

Bis heute kommen zahlreiche Besucher und Angehörige der Toten an diesen wohl einmaligen Ort. Dort treffen sie dann auf Piotr Nietzsch. Er ist der Friedhofverwalter von Stare Czarnwo, Neumark. Von Anfang an. Der polnische Staatsangehörige mit deutschen Vorfahren ist häufig der erste Ansprechpartner, ein menschlicher Wegweiser, Ratgeber und nicht selten auch Tröster für die Menschen, die diesen Friedhof besuchen. Inzwischen ist die Lage in Polen aber komplizierter geworden – und  das liegt hauptsächlich an einem neuen Gesetz der polnischen PiS-Regierung. Es besagt, dass man nicht mehr von „polnischen Konzentrationslagern“ sprechen darf und auch grundsätzlich eine polnische Beteiligung am Holocaust nicht behauptet werden darf. Dies ist unter Historikern wie auch in der internationalen Staatengemeinschaft überaus strittig. Diese gesetzlich verordneten Sichtweisen auf historische Ereignisse sind aber leider auch nicht einmalig auf der Welt. In der Russischen Föderation gibt es beispielsweise ein ähnliches Gesetz, das unter Strafe verbietet, von „deutschen Opfern“ des Zweiten Weltkrieges zu sprechen.

Hand in Hand

Diese Einbettung in Stare Czarnowo bietet ohnehin ein ganz anderes, ein positives Bild: Hier arbeiten jeweils zwölf Soldaten und Soldatinnen vom multinationalen Korps in Stettin unter Führung von Oberleutnant Steven Schmenger und die polnische 12. mechanisierte Brigade kameradschaftlich Hand in Hand. Das ist auch nötig. Tatsächlich ist auf der inzwischen 15 Jahre alten Kriegsgräberstätte ein beachtlicher Renovierungsbedarf entstanden: Die Inschriften auf den Stelen sind teilweise nur noch schwer zu entziffern, der Schutzzaun, der vor allem Wildschweine abhalten soll, ist baufällig und auch Bänke und Wege bedürfen der Pflege durch die freiwilligen Helfer in Uniform.

Das Ergebnis ihrer gemeinsamen Arbeit kann man dann bei der abschließenden Gedenkfeier am 18. April begutachten, zu der gut hundert Menschen anreisen. Neben den Soldaten und den Mitgliedern der deutschen Minderheit, die für die musikalische Begleitung sorgen, kommen auch einige Schüler und Konfirmanden aus Penkun um Pastor Bernhard Riedel, vier neue Volksbund-Mitglieder aus Dänemark sowie polnische Gäste. Gedenkredner dieser beeindruckenden Einbettungsveranstaltung ist der Parlamentarische Staatssekretär für Vorpommern, Patrick Dahlemann.

Sie alle sind gekommen, um den 1343 Kriegstoten, die heute hier bestattet werden, einen würdigen Abschied zu bereiten. Doch eine Kriegsgräberstätte ist weit mehr als nur ein Ort der persönlichen Trauer. Es geht weit darüber hinaus: Neumark ist ein Fanal an alle Lebenden. Fast ist es wie eine Warnung, die zeigt, was passieren kann, wenn sich die Menschen nicht mehr in Frieden begegnen können.

Pastor Riedel bringt diese Botschaft auch in seiner Predigt an den drei offenen Grabfeldern mit einem Bibelzitat zum Ausdruck: „Sie aber sagen: „Friede! Friede! – Und es ist doch kein Friede. Dieses Wort trifft uns heute hart, die wir nicht imstande sind, Frieden zu halten. Wir reden und denken schlecht über andere, in der großen Politik wie im privaten Bereich, verurteilen unsere Nachbarn und grenzen uns ab. Beim Aufbau einer europäischen Wertegemeinschaft wurden Teile Europas ausgegrenzt, bei Militärbündnissen blieben die alten Feinde die neuen. Ernüchtert müssen wir feststellen: es hat sich scheinbar nichts geändert. Der Weltfriede ist nicht stabiler geworden. Auch in Zukunft wird man wieder auf Kriegsgräberstätten stehen und schöne Reden halten – so wie wir heute hier“.

Für Frieden und Dialog

Damit sprechen Pastor Riedel ebenso wie Gedenkredner Patrick Dahlemann vor allem die weltweit zunehmenden Krisenherde an – und setzen sie in Beziehung zu den Lehren, die unter anderem von den inzwischen etwa 27.000 Gräbern Neumarks ausgehen: „Ich glaube, der Wunsch nach Versöhnung ist heute wieder besonders aktuell, denn leider sind Krieg und Gewaltherrschaft in vielen Ländern längst nicht überwunden“, sagt Patrick Dahlemann: „Daher ist es unsere Pflicht – auch durch Veranstaltungen wie der heutigen – die Erinnerung an vergangene Schrecken wach zu halten und für Frieden und Dialog einzutreten.“

Die gute Saat

So sieht es auch Pastor Riedel, der diesen Gedanken in seine Worte kleidet und damit allen Gästen in Neumark zum Abschluss der Einbettungsveranstaltung in Neumark eine große Hoffnung mit auf dem Weg gibt: „Ich hoffe und wünsche, dass am Ende doch die gute Saat, die ja auch ausgesät wurde, tief aus der Erde emporkeimt, dem Licht entgegenwächst und noch gute Früchte trägt. Schon heute geschieht es dort, wo alte Feinde sich versöhnen oder wenigstens miteinander im Gespräch bleiben. Es geschieht da, wo wir die Größe haben, einstecken zu können oder Verzicht zu üben, um des lieben Friedens willen, wo wir den Perspektivwechsel üben, aufeinander zugehen und Gnade vor Recht ergehen lassen. Nur so kann der Friede in der Welt wieder neu wachsen und uns als große Vision beflügeln im Tun des Guten.“

Maurice Bonkat