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Wer sind die Menschen in den Gräbern?
Schüler suchen Spuren in Frankreich - 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges
24. April 2018

Kassel, April 2018. Was verbindet siebzehnjährige Schülerinnen und Schüler mit toten Soldaten des Ersten Weltkrieges? Das Alter? Die Leidenschaft für Fußball? Die gemeinsame Schule?

Schülerinnen und Schüler des Friedrichsgymnasiums in Kassel, der Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen und junge Nachwuchs-Fußballspieler aus Southampton in Südengland gingen vom 20.- 22. April gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Vertretern der britischen Premier League auf Spurensuche an der Somme in Frankreich.

Friedliche Landschaft mit blutiger Geschichte

Die Landschaft wirkt friedlich, weite Ackerflächen wechseln sich mit idyllischen kleinen Dörfern ab, zwischendrin glitzern Seen in der Sonne, Kühe und Pferde grasen auf grünen Weiden. Doch die vielen Schilder, die auf die unzähligen Soldatenfriedhöfe hinweisen, lassen ahnen, dass es hier nicht immer so friedlich war. Vor über hundert Jahren verloren zwei Millionen junger Männer ihr Leben in einer monatelangen Schlacht. Jedes Jahr werden beim Pflügen der Felder noch Überreste von Munition und Ausrüstung der Soldaten und auch Gebeine Gefallener gefunden.

Die Jugendlichen, die hier auf Spurensuche gehen, haben sich gut vorbereitet. Sie wissen, was 1914 in Sarajewo passiert ist, aber sie haben auch Biografien einzelner Kriegstoter recherchiert. Damit werden ihnen die Soldaten, die hier vor über hundert Jahren starben, auf eigentümliche Weise vertraut.

Nach acht Stunden Fahrt erreicht der Bus aus Kassel den britischen Soldatenfriedhof Wimereux. Dort treffen die Schülerinnen und Schüler auf junge Fußballspieler aus Southhampton. Hier wird auch an den 100. Jahrestag der Gründung der Royal Air Force erinnert. Gemeinsam gedenken die Besucher dem britischen Flieger und Spieler des FC Southampton, Harry Hunter. Ingo Zergiebel, der für Hertha BSC dabei ist, überreicht dem Trainer von Southampton einen Wimpel und legt Blumen nieder – als Zeichen der grenzüberschreitenden Freundschaft zwischen Fußballspielern. Die britischen Fußballer tragen das Gedicht ‚In Flanders Fields‘ von John McCrae an dessen Grab vor. Abschließend erklingt das Lied vom ‚guten Kameraden‘ zum Gedenken an alle dort bestatteten deutschen und britischen Kriegstoten.

Auf einem Soldatenfriedhof kann man viel lernen, auch wenn man keinen direkten Bezug zu einem bestimmten Grab hat: Kreuze weisen auf die Soldaten christlichen Glaubens hin, die jüdischen und muslimischen Soldaten haben stattdessen Stelen auf ihren Gräbern. Die Jugendlichen legen Kreuze, Davidsterne und Halbmonde aus Holz mit einem Vergissmeinnicht an den Gräbern ab. Anschließend besuchen sie die britische Kriegsgräberstätte Arras und gedenken dort dem Tottenham-Spieler und erstem farbigem Offizier der britischen Armee, W. Tull. Im warmen Abendlicht lässt die klassizistisch anmutende Gedenkstätte an einen römischen Tempel denken. Doch die Tausenden Namen vermisster britischer Soldaten, die in Stein eingemeißelt sind, machen deutlich, dass hier nicht der Götter, sondern der Toten gedacht wird.

Ein wirklicher Hof des Friedens

Der nächste Morgen beginnt mit einer kreativen Aufwärmübung. Manchmal darf man auch mit Essen spielen: Die Jugendlichen aus Deutschland und England haben den Auftrag, Flugzeugmodelle aus Toastbrot zu basteln. Auch wenn sicher kein Modell flugtauglich ist – die Stimmung ist dafür bestens. Ein Soldat der RAF vergibt einen kleinen Preis für die beste Konstruktion. Und nun wird es richtig international: Im Stadion Henri Potez in Albert treffen die Jugendlichen auf die Nachwuchsmannschaft des örtlichen Fußballvereins. In vier gemischten Teams spielen Mädchen und Jungen Fußball. Die Trainingseinheit wird von einem Southampton-Trainer geleitet. Dabei geht es weniger um den Sieg als den Spaß. Nach dem Besuch des französischen Friedhofes Albert, wo mit Unterstützung der ONAC, der französischen Veteranenorganisation, dem jüngsten im Ersten Weltkrieg gefallenen französischen Nationalspielers Julien Verbrugghe  gedacht wird, führt der Nachmittag die Jugendlichen wieder auf einen Friedhof – diesmal auf den deutschen Friedhof in Fricourt. Dort wird anlässlich des 100. Todestages des deutschen Fliegers Manfred von Richthofen der Kriegstoten gedacht.

Der Großneffe des „Roten Barons“, wie er genannt wurde, dankt in seiner Rede dem Volksbund für die Gestaltung und Pflege des Friedhofes, der „wirklich ein Hof des Friedens“ ist. Nach dem Gedicht ‚In Flanders Fields‘, das zwei junge Southampton-Spieler vortragen, verlesen zwei Schülerinnen aus der deutschen Gruppe Feldpostbriefe – den eines deutschen und den eines französischen Soldaten, der wie Richthofen auch am 21.04.1918 fiel.

Warum feiern sie einen Kriegshelden?

Nach der Gedenkfeier auf dem Friedhof ziehen die Besucher – fast wie in einem Festumzug - hinter den Musikkapellen und einem rot gestrichenen Fokker Dreidecker – zum Gedenken an das berühmte Flugzeug des Roten Barons - ins Dorf. Dort werden Kränze zum Gedenken der Gefallenen von Fricourt abgelegt und dann wird fröhlich gefeiert – mit Sekt, Kuchen und Barbecue. Für Deutsche mag die Stimmung, die eher an ein Volksfest erinnert, erstaunlich sein. Darüber wundern sich auch die deutschen Schülerinnen und Schüler. So fragen sich Nils und Christoph, beide 17 Jahre: „Wieso feiern die Franzosen eigentlich Manfred von Richthofen? Einen deutschen Kriegshelden, der für den Tod von vielen Menschen verantwortlich ist? Christoph ergänzt: „Warum feiern man nicht jemanden, der versucht hat, den Krieg zu verhindern?“ Doch hier werden weniger Helden gefeiert – hier wird in Freundschaft gemeinsam der Toten gedacht. Und durch die wiederholten Friedhofsbesuche einer rheinland-pfälzischen Polizeidelegation entstand eine Partnerschaft zweier Kommunen, die heute feierlich besiegelt wird. Diese deutsch-französische Freundschaft ist spürbar und so sind die deutschen Schüler von der fröhlichen Atmosphäre der Gedenkfeier doch angenehm überrascht. „Hier fühlt man sich gar nicht als Tourist, sondern gehört fast zur Dorfgemeinschaft.“ Hilal, ebenfalls 17 Jahre sagt dazu: „Ich habe mir diese Gedenkfeier ganz anders vorgestellt. Förmlicher und trauriger. Diese Prozession, mit der wir vom Friedhof zum Gemeindesaal gelaufen sind, das war schon toll – das hab ich einfach nicht erwartet.“

Am Sonntag übernehmen die Jugendlichen die Gestaltung der Gedenkfeiern. Auf dem Friedhof Maissemy gedenken sie Oskar Grebe, der einst Schüler des Friedrichsgymnasiums in Kassel gewesen war, dem Hertha BSC-Fußballer Walter Schilling und dem Gelsenkirchener Theodor Möller. Sie lesen aus den Biografien der jungen Männer vor, legen an den Gräbern Blumen nieder und singen das Lied ‚Amazing Grace‘. Sie wünschen dazu auch das „Lied vom guten Kameraden“, das Arne Schrader vom Volksbund auf der Trompete spielt. Beim Abschlusskreis um den Gedenkstein der Stadt Gelsenkirchen hörten alle gemeinsam das Lied ‚Brothers in Arms‘ von Dire Straits und versprechen sich gegenseitig ein Wiedersehen.

Der Besuch des Historials in Peronne, ein trilinguales Museum über den Ersten Weltkrieg in der Region, bildet den offiziellen Abschluss der Reise. Am Nachmittag machen sich die Gruppen wieder auf den Heimweg.

Drei Tage fühlen sich an wie zwei Wochen

„Drei Tage – aber eigentlich fühlt es sich wie zwei Wochen an“. So beschreiben einige Schüler ihre Gefühle auf der Rückfahrt. Ein inhaltlich schweres Thema, trotzdem war die Stimmung meist fröhlich. Wie kann man so eine Reise in wenigen Worten beschreiben? Die siebzehnjährige Rebecca findet passende Worte. „Es war beeindruckend. Traurig beeindruckend. Ich hatte überhaupt nicht vor Augen, wie viele Leute im Ersten Weltkrieg gestorben sind, weil das bei uns gar nicht so präsent ist. Und an jedem Toten hängen noch mehr Menschen dran. Das wurde mir auf dem Friedhof klar, auf dem es Inschriften der Familienmitglieder auf den Grabsteinen gab, wie zum Beispiel: „Mein geliebter Bruder“. Dass es Menschen mit Familien sind - daran denkt man bei Soldatengräbern nicht gleich.

Der zweite Teil der Reise ist für den November geplant. Dann werden die Jugendspieler, die Schülerinnen und Schüler die Kriegsgräberstätten in Flandern besuchen und in der Gedenkstunde beim Volkstrauertag im Berliner Reichstag von ihren Eindrücken berichten.

Diane-Tempel-Bornett