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Wer war Gerhard Stiefel?
Gedanken an ein ungelebtes Leben
24. April 2018

Gerhard Stiefel ist für Vorübergehende ein Name auf einem Stolperstein. Doch wer sich mit dem Namen beschäftigt, entdeckt den Menschen und seine Geschichte dahinter. Das haben Mitglieder des Vereins Stolpersteine und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbundes getan.

Heute wäre Gerhard Stiefel 80 Jahre alt geworden. Doch er wurde als Dreijähriger mit seiner Familie wie die allermeisten jüdischen Kasselerinnen und Kasseler von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert. Sein genaues Todesdatum wissen wir nicht, aber wir wissen, dass er drei Jahre alt war, als er deportiert wurde.

Sein 80. Geburtstag war Anlass für eine kleine Gedenkfeier an den Stolpersteinen am früheren Grünen Weg 5. Dort hat er vor vielen Jahren gelebt. Heute steht dort die Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes.

Margrit Stiefel, Jürgen Strube und Joachim Boczkowski vom Verein Stolpersteine sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Volksbundes gedachten Gerhard Stiefel und an seim ungelebten Leben. „Was muss in einem dreijährigen Jungen vorgehen, der sein Zuhause verliert und in ein Ghetto verschleppt wird?“ fragte Wolfgang Wieland, Vizepräsident des Volksbundes in seiner Gedenkansprache. 70 Stunden fuhr der Zug von Kassel nach Riga. Dort wurde die fünfköpfige Familie dann getrennt und später ermordet.

Wolfgang Wieland (auf dem Foto zweiter von links) beließ es nicht bei einem Blick in die Vergangenheit. „Wenn mir jemand in den Siebziger Jahren gesagt hätte, dass es wieder offenen Antisemitismus in unserem Land gibt, dass jüdische Kindergärten und Schulen Polizeischutz brauchen, hätte ich das nicht geglaubt.“ Er forderte auf, Stellung zu beziehen und sich gegen Angriffe auf unsere Gedenkkultur zu wehren, ebenso wie gegen einen importierten Antisemitismus. Hier müsse Solidarität gezeigt werden. Der Volksbund habe die Aufgabe, sich für Frieden und gegen Rassismus und Gewalt einzusetzen.

Zwei Musiker aus Göttingen und Kassel begleiteten die Gedenkveranstaltung. Sie spielten und sangen ein Stück von Theodor Kramer von 1938: „And're die das Land so sehr nicht liebten“ und von Hirsch Glick, 1943: Sog nischt kejnmol… Das erste Lied handelt vom Schmerz, die geliebte Heimat verlassen zu müssen und das zweite vom Kampf gegen Unterdrückung und Verfolgung. Wolfgang Wieland legte Blumen an den Stolpersteinen nieder und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter legten als zeichen des Gedenkens Holzdavidsterne und -kreuze mit Verigssmeinnicht dazu.

Diane Tempel-Bornett