2974 Gräber

Volksbund bestattet Kriegstote in Polen

17. Juli 2017

Ein beeindruckendes Bild: Fast 3000 Kriegstote bettete der Volksbund am 15. Juli 2017 auf der deutschen Kriegsgräberstätte im polnischen Bartossen ein. (Fotos: Maurice Bonkat)

Es war die Nachricht des letzten Jahres: Beim Bau eines neuen Wohnviertels in der polnischen Stadt Thorn (Torun) wurden die sterblichen Überreste von 2974 Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges gefunden. Sie starben in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager, zu dem auch ein großes Lazarett gehörte. Über 70 Jahre waren sie unwürdig bestattet. Nun hat sie der Volksbund auf der Kriegsgräberstätte in Bartossen bei Lyck (Elk/Polen) eingebettet. Es war ein langer Weg.

Dunkle, schwarze Särge wohin man schaut. Auf ihnen steht fast 3000 Mal der Name „Torun“, dem Todesort der ehemaligen Kriegsgefangenen und Zivilisten, darunter auch einige Frauen und Kinder. Dazu kommt jeweils eine individuelle Umbettungsnummer, um die Gebeine auch später noch einer bestimmten Person zuordnen zu können. „Da den meisten Kriegsgefangenen ihre Erkennungsmarken abgenommen wurden, haben wir bisher erst wenige Kriegstote identifiziert. Aber wir arbeiten weiter daran, ihnen ihre Namen zurückzugeben“, sagt Thomas Schock, der Chef des Volksbund-Umbettungsdienstes. Schon seit Tagen ist er mit seinen Umbettern vor Ort, hier im Gebiet der 1000 Seen, der masurischen Seenplatte. Mit viel Sorgfalt haben sie die knapp 3000 Särge in die vorbereitete Grube gelegt. Alles folgt einem vorgegebenen Raster, das es auch in Zukunft ermöglichen wird, die neue Grablage eines bestimmten Toten exakt wiederfinden zu können.

Aus der Vergessenheit gehoben

Bisher wurden 50 Namen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Dienststelle in Berlin aus der Vergessenheit gehoben. Die vor der Beisetzung vorgenommene Untersuchung der geborgenen Gebeine ergab keine Anzeichen auf physische Gewaltanwendung. Viele dieser Opfer starben wohl an Hunger und Krankheiten. Jetzt stehen zumindest die bekannten Namen und Geburtsdaten in feiner Handschrift auf kleinen Holzkreuzen, die mit einem blaugelben Vergissmeinnicht geschmückt sind. Am Ende der Einbettungszeremonie auf der deutschen Kriegsgräberstätte in Bartossen (Bartosze/Polen) stecken die Gäste ihre selbst ausgewählten Holzkreuze als individuelles Zeichen der Erinnerung in die frisch aufgeworfene Erde. Daneben stehen Soldatinnen und Soldaten vom Logistikbataillon 172 aus Beelitz, die später an gleicher Stelle die Kränze der Teilnehmenden zum Gedenken an all die Toten niederlegen werden.

 

Geste des Gedenkens

Auch der deutsche Militärattaché Oberst i. G. Andreas Meister beteiligt sich an dieser Geste des Gedenkens und bedankt sich zugleich für die Arbeit des Volksbundes: „Diese Einbettung hier in Bartossen war wirklich sehr würdevoll und weist zugleich darauf hin, dass es noch immer sehr viele Kriegstote gibt, die in unwürdigen Gräbern liegen. Daher möchte ich dem Volksbund meinen Dank für seine wichtige Arbeit hier in Polen und in vielen anderen Ländern aussprechen!“ Zugleich betonte der deutsche Militärattaché, dass die Kriegsgräberstätte ein wichtiger internationaler Gedenkort sei und zugleich ein Ort der ganz persönlichen Trauer.

 

So sehen es auch die Gäste auf der Kriegsgräberstätte, unter denen viele ältere Menschen sind, die im Zweiten Weltkrieg liebe Angehörige verloren haben. So wie Sabina Kozlowska, die als Angehörige der deutschen Minderheit in Polen ebenfalls Teil des gemeinsamen deutsch-polnischen Gedenkens ist. Während der von Stefanie Nebel moderierten Gedenkzeremonie hält sie ein kleines Holzkreuz mit dem symbolischen Vergissmeinnicht in ihren Händen.

Gemeinsame Kranzniederlegung

Zuvor hatten eine Reisegruppe um den sächsischen Volksbund-Landesgeschäftsführer Dr. Dirk Reitz und dem Bundesvorstandsmitglied Tore May gemeinsam mit polnischen Vertretern der Gemeinden Torun und Bartossen sowie der Woiwodschaft Olsztyn, des Polnischen Roten Kreuzes, der Feuerwehr Elk und weiteren Gästen polnische und deutsche Gräber auf einer Kriegsgräberstätte des Ersten Weltkrieges besucht. Auch dort erfolgten gemeinsame Kranzniederlegungen in Gedenken an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

 

Solche Opfer finden sich auch auf der Kriegsgräberstätte Bartossen. Etwa 17 000 Gebeine sind hier bereits eingebettet. Nun kommen knapp 3000 weitere hinzu. Welche Schicksale allerdings hinter den Kriegstoten stehen, wird dadurch kaum sichtbar. So verliest Volksbund-Vorstandsmitglied Tore May den Brief eines Zeitzeugen, der ebenso wie die knapp 3000 Toten einst ein Insasse des Kriegsgefangenenlagers von Thorn war.

In diesem Brief schildert der heute 95-Jährige die schrecklichen Umstände in dem Lager: „An der Weichsel gerieten wir in russische Kriegsgefangenschaft. Nach einem Drei-Tage-Marsch ohne Wasser und Speise erreichten wir Thorn. Unterwegs schlürften viele Kameraden aus den dreckig-blutigen Pfützen der vereisten Straße das Wasser. (...) Später sah ich, wie die Kameraden die vielen Toten auf Tafelwagen legten und sie dann ohne Zugpferde aus dem Lager schoben und schließlich in eine große Grube werfen mussten.“

Dieser Brief ist ein Zeitdokument des Schreckens, doch er endet mit einem großen Dank an den Volksbund: „Erst 1949 kam ich nach Hause und hatte nicht mehr daran geglaubt, noch jemals etwas von Thorn und den dort ums Leben gekommenen Kameraden zu hören. Doch durch die wunderbare Tätigkeit des Volksbundes ist dies nun ganz anders. Ich bin sehr glücklich darüber und danke allen beteiligten Helfern ganz herzlich!“

 

So ging es vielen Teilnehmenden der eindrucksvollen Einbettungszeremonie für die 2974 Toten von Thorn. Die Gruppe der deutschen Minderheit in Elk, dem ehemaligen Lyck, lud dann sogar noch zu einem kleinen Festessen samt Umtrunk, Tanz und Musik. Es war ein passender Ausgang für eine würdige Bestattung von 2974 Toten. Tatsächlich waren es sogar 2998 Kriegstote, da der Volksbund am selben Tag auch noch 24 Kriegstote des Ersten Weltkrieges einbettete. Sie wurden über 100 Jahre nach ihrem Kriegstod geborgen. In Bartossen sind sie nun alle vereint – in einer würdigen Ruhestätte mitten im Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen.

Maurice Bonkat