An den Gräbern von Nazareth

Bedrückende und beeindruckende Israel-Reise

17. Oktober 2017

Israel ist ein besonders Land, das gleichermaßen beeindruckend aber auch bedrückend wirken kann. Auf dem Foto sieht man den Zugang zum Tempelberg an der Klagemauer mit tanzenden Menschen und bewaffneten Soldaten. (alle Fotos: Daniela Lehmann)

In 46 Ländern dieser Welt hegt und pflegt der Volksbund deutsche Kriegsgräberstätten. Eine davon trägt den Namen des christlichen Religionsstifters, Jesus von Nazareth. Wer die Gräber der dort bestatteten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg besucht, erlebt zugleich ein Land, das kaum beeindruckender – aber eben auch bedrückender sein könnte. Israel - ein besonderer Reisebericht der Baureferatsleiterin Daniela Lehmann:

„Seit inzwischen fünf Jahren leite ich das Baureferat des Volksbundes. Üblicherweise führen mich meine Dienstreisen in das europäische Ausland sowie in die Russische Föderation. Dabei lerne ich neben unseren Kriegsgräberstätten immer auch Land und Leute kennen. Die Vielfalt dieser Welt, vor allem die Freundlichkeit und Offenherzigkeit der Menschen, beeindrucken mich dabei immer wieder. Meine Dienstreise nach Israel ging sogar noch darüber hinaus. Dass diese Reise keine gewöhnliche war, wurde mir bereits vor Abflug auf dem Flughafen in Berlin-Schönefeld bewusst: ausführliche Befragungen über meine dortige Tätigkeit, mehrere Sicherheitskontrollen und ein gepanzertes Fahrzeug vor der El Al-Maschine führten mir dies deutlich vor Augen.

Es gibt wohl kaum ein Land dieser Welt, das so vielschichtig, vielfältig und beeindruckend ist wie der Staat Israel. Daher möchte ich Sie teilhaben lassen an dieser spannenden Aufgabe und meinen Erfahrungen während der Dienstreise zu den Gräbern von Nazareth. 

Sympathie für diesen Ort 

Alles beginnt mit einem Hilferuf. Er kommt von Dr. Norbert Schwake aus Israel. Der pensionierte Arzt und ehemalige katholische Priester lebt schon seit Jahrzehnten im heiligen Land, gründete dort eine Familie. Später besuchte er die Kriegsgräberstätte von Nazareth gemeinsam mit seinem damals 94-jährigen Vater – und erinnert sich heute: „Als ich diesen Friedhof einmal zusammen mit ihm besuchte und in sein bewegtes Gesicht sah, entstand meine Sympathie für diesen Ort. Vater hatte sich im Ersten Weltkrieg noch freiwillig gemeldet, um für Kaiser und Reich zu kämpfen. Jetzt begrüßte er seine alten Kameraden wie einer, der sich entschuldigte, dass er noch lebte.“ Dies war der Ausgangspunkt einer bis heute andauernden tiefen Beschäftigung mit dieser Kriegsgräberstätte sowie dem Schicksal der dort bestatteten Weltkriegssoldaten.

Die deutsche Kriegsgräberstätt in Nazareth ist ein beeindruckender und sehenswerter Ort.

Die Anlage in Nazareth wird geprägt von offenen, miteinander verbundenen Höfen, in denen die Grablagen angeordnet sind. Die bis ins Jahr 2012 größte Glocke in Israel, die sich im Glockenturm auf dem Friedhof befindet, läutet jeden Tag um 7.00, 12.00 und 18.00 Uhr - ein eindrucksvolles Erlebnis für jeden Besucher. 

Unterirdische Flüsse 

Vor einigen Wochen wurde das Eingangstor der Kriegsgräberstätte aus Bronze gestohlen. Dies war – neben weiteren Bauproblemen – einer der Gründe für meine Dienstreise. In der Zwischenzeit hatte Dr. Norbert Schwake eine schlichte provisorische Metalltür einbauen lassen, damit die sich im Inneren befindlichen Tore und kunstvollen Bauteile vor Vandalismus geschützt sind. Doch dies ist nur eines von vielen baulichen Problemen an diesem besonderen Gedenkort. Denn bereits seit dem Beginn der Bauarbeiten für die Kriegsgräberstätte Nazareth im Jahr 1934 hatte die Anlage zwei Erdbeben, Vandalismus und zahlreiche Diebstähle überstanden. Besonders schwerwiegend waren und sind die unterirdischen Flüsse, welche langsam aber stetig zu Geländebewegungen führen und so Schäden an der Anlage verursachen. Anhand der Risse in den Fugen der Bögen ist heute leider schon ersichtlich, dass die gesamte Anlage in Richtung des Glockenturmes driftet. Mit Unterstützung eines örtlichen Architekten muss nun geklärt werden, ob ein in den Mauern eingelassenes Stahlkorsett diesen Prozess stoppen kann. 

Bauschäden in Nazareth: Am Torbogen der Kriegsgräberstätte zeigt sich ein großer Riss.

Neben der Arbeit auf der deutschen Kriegsgräberstätte lohnt sich immer auch ein Blick auf die Friedhöfe anderer Nationen sowie auf die geistlichen Stätten. Einer dieser wirklich erhabenen Orte ist die katholische Verkündigungsbasilika in Nazareth, die 1969 geweiht worden ist. Sie befindet sich an der Stelle, an der nach alter Überlieferung Marias Wohnhaus gestanden haben soll. Im Kreuzgang der Verkündigungsgrotte sind aus vielen Ländern geschenkte Mosaike aufgehängt, die Maria in der jeweiligen kulturellen Vorstellung darstellen. So trägt Maria aus Deutschland blonde Haare, während sie in ihrer koreanischen Version schwarze Haare hat. Die „deutsche“ Maria unterscheidet sich ohnehin deutlich von allen anderen, denn sie ist mit zwei Kindern dargestellt. Zwei Kinder? Damals, als dieses Mosaik hergestellt wurde, existierte noch das geteilte Deutschland, beide Kinder sind durch Mauersteine getrennt. 

Vereint mit ehemaligen Feinden 

Vereint mit ihren ehemaligen Feinden sind dagegen die 29 deutschen Kriegstoten aus beiden Weltkriegen, die heute auf der britischen Kriegsgräberstätte Ramleh War Cemetery neben 3.300 britischen Soldaten des Ersten Weltkrieges sowie 1.168 Kriegstoten des Zweiten Weltkrieges ruhen. Ihre Gräber sind einheitlich mit hellen Natursteinen gekennzeichnet, vor denen unterschiedliche Blütenpflanzen wachsen. Es ist eine wohltuend grüne Oase, die sich hier umgeben von ausgetrockneten Flächen in einem Gewerbegebiet befindet. Die Gräber von Gefallenen anderer Nationen sind leicht an den spitzen Grabsteinoberseiten zu erkennen. Gräber der Gefallenen muslimischen Glaubens sind gen Mekka ausgerichtet.

Auch in Jerusalem, der größten Stadt Israels, gibt es deutsche Kriegsgräber. Sie sind Teil des von der Commonwealth War Grave Commission (CWGC) gepflegten Jerusalem War Cemetery sowie des Zionfriedhofes. Doch dort zeigt sich schnell ein anderer Eindruck als im ruhigen und beschaulichen Nazareth, denn nun wandelt sich das Bild: neben zahllosen Pilgern aus allen Nationen, die unaufhörlich den Bussen entsteigen, prägen vor allem Soldaten und Polizisten sowie ihre großen Fahrzeuge das Stadtbild. Für viele Touristen wirkt eine solche Szenerie verständlicher Weise bedrohlich – und doch ist es Teil des israelischen Lebensgefühls, normaler Alltag in einer Stadt, die wie ein lebendes Museum scheint und zugleich ein Brennpunkt ist. 


Blick auf die Jerusalemer Altstadt mit Al-Aqsa-Moschee (links) und Felsendom (rechts).

Ein mulmiges Gefühl 

Das zeigt auch der Besuch der berühmten Grabeskirche. Der Spiritualität dieses Ortes kann sich kaum jemand entziehen. Zu sehen, wie Angehörige Ihre kaum mehr mobilen Eltern zum Grab Jesu führen und dabei immer wieder das Mauerwerk küssen, rührt auch Nichtgläubige. Zugleich befindet sich vor der Kirche, wie auch vor der Klagemauer eine merkwürdige Metallkonstruktion, die wie ein riesiger Betonmischer ohne Füße aussieht und deren Sinn sich nicht sofort erschließt. Tatsächlich handelt es sich um eine Sicherheitsmaßnahme gegen Bombenattentate an diesem exponierten Ort. Wird ein verdächtiger Gegenstand gefunden, so kann er in diesem Behältnis deponiert und auch zur Detonation gebracht werden, ohne die beständig zu den Sehenswürdigkeiten drängenden Menschen zu gefährden. Bei vielen bleibt dennoch ein mulmiges Gefühl. Der Kontrast zwischen der Erhabenheit der religiösen Stätten und der latenten Terrorgefahr ist irritierend, an diesem Tag fast schon furchteinflößend – und wird in dieser so beeindruckenden Stadt nur mit einer hauchdünnen Schicht vom Alltag überdeckt.

So ist es auch an diesem Freitag, dem Tag des muslimischen Gemeinschaftsgebetes. Heute ist die Stadt in Aufruhr, da die israelischen Behörden aufgrund aktueller Gewaltakte den Zugang zum Tempelberg durch Metalldetektoren sichern wollen. Das löst heftige Proteste bei der muslimischen Bevölkerung aus. So finden die Gebete nicht auf dem Tempelberg, sondern direkt vor den Zutrittstoren zur Altstadt statt. Erst fliegen Steine, später werden Schüsse fallen, Helikopter aufsteigen und bei den Ausschreitungen am Löwentor auch Tote zu beklagen sein.

Alltag in Jerusalem: Spielende Kinder neben bewaffnetem Sicherheitspersonal.

Für die dort ansässigen Bewohner schien diese Situation nicht alltäglich, aber auch keine wirklich besondere Krise zu sein. In den Gassen der Altstadt spielten weiterhin muslimische Kinder vor stark bewaffneten Soldaten und an der Klagemauer betete, sang und tanzte die jüdische Bevölkerung, da der Shabbat Einzug gehalten hatte!"

Daniela Lehmann