Aus dem Erinnerungsschatten geholt

Volksbund bestattet Ziviltote in Neumark (Stare Czarnowo)

24. Oktober 2016

Zwei Geistliche sprechen ihren Segen vor den Gräbern von 292 Ziviltoten, denen der Volksbund am 22. Oktober auf der Kriegsgräberstätte Neumark im polnischen Stare Czarnowo eine würdige letzte Ruhestätte gibt. (Fotos: Maurice Bonkat)

Es ist still geworden auf der Kriegsgräberstätte. Einzig das Prasseln der Regentropfen begleitet die beiden Geistlichen, während sie gemessenen Schrittes an die offenen Gräber treten. Hier in Neumark (Stare Czarnowo/Polen) werden am 22. Oktober 2016 insgesamt 292 Kriegsopfer zur letzten Ruhe gebettet. Ihre sterblichen Überreste hatte der Volksbund-Umbettungsdienst in den Monaten zuvor in mühsamer Arbeit aus unterschiedlichen Grablagen geborgen. Es ist ein bewegendes Ereignis, an dem auch viele Besucher Anteil nehmen, die einst nicht nur ihre Heimat, sondern auch viele geliebte Menschen verloren haben.

Gemeinsam mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) hat der Volksbund anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Kriegsgräberstätte zu dieser Gedenkveranstaltung geladen. Hunderte Besucher sind dieser Einladung gefolgt. Sie wollen dabei sein, wenn diese zivilen Opfer des Zweiten Weltkrieges endlich würdevoll bestattet werden. Einige von ihnen waren in namenlosen Gräbern regelrecht verscharrt worden. Andere – und diese bilden die größte Gruppe der jüngst in Neumark Eingebetteten – stammen aus einem Massengrab nahe in Bromberg/Bydgoszcz. Sie wurden Opfer des grausamen sowjetischen Lagersystems. Eine weitere Gruppe von etwa 20 Zivilisten hatte sich nahe Waldtal/Wegielnia auf der Flucht vor der heranrückenden Roten Armee selbst beziehungsweise gegenseitig das Leben genommen. Dazu kommen Kriegsopfer aus mehreren kleineren Grablagen.

Flucht und Vertreibung

„Wir vom Volksbund wissen, welch ein emotionaler Moment dies auch nach über 70 Jahren noch ist. Und wir kennen das Gefühl des inneren Friedens, das sich am endlich gefundenen Grab eines schmerzlich vermissten Menschen einstellen kann“, sagt der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland, der sich schon seit vielen Jahren als Vorstandsmitglied für den Volksbund engagiert: „Kriegsgräber sind vor allem, aber nicht nur, die Gräber der gefallenen Soldaten. Auf unseren Friedhöfen ruhen alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Deshalb gedenken wir heute be­sonders der im Februar und März 1945 in der Internierungshaft gestorbenen und hierher um­gebetteten Toten aus Kaltwasser bei Bromberg. Insofern ist dieser Friedhof hier in Stare Czarnowo auch das, was in Berlin erst noch im Einver­nehmen entstehen soll: ein sichtbares Zeichen gegen Flucht und Vertreibung.“

 

Teil dieses Gedenkens in Neumark sind auch junge Menschen eines internationalen Theaterprojektes, das sich zuvor in der Jugendbegegnung- und Bildungsstätte (JBS) des Volksbundes am Golm künstlerisch mit dem Thema Flucht und Migration auseinandergesetzt hatte. Sie blickten dabei in die deutsche und polnische Geschichte – sowie in unsere internationale Gegenwart. In einer Zeitzeugenbegegnung trafen die Jugendlichen aus fünf Nationen dabei auch auf Menschen, die im Zweiten Weltkrieg geflüchtet oder deportiert wurden. In Neumark berichten Sie von ihren Erfahrungen sowie der intensiven Beschäftigung vor allem mit dem Schicksal der zivilen Opfer von Kriegen. Dafür ist Stare Czarnowo ein passender Ort.

Denn in Stare Czarnowo wird schon seit vielen Jahren explizit an das Schicksal der vielen Ziviltoten des Zweiten Weltkrieges erinnert – genauer gesagt bereits seit dem 14. August 2009: Denn damals wurden die Gebeine von über 2000 Ziviltoten aus Marienburg (Malbork/Polen) auf einem gesonderten Grabfeld der Kriegsgräberstätte bestattet. Dazu gehört auch ein eigener Gedenkplatz, in dessen Mitte sich zwei Granitstelen befinden, die durch ihre Form ein Lichtkreuz ergeben. Sie tragen in deutscher und polnischer Sprache die Inschrift: „Hier ruhen zivile Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Daneben finden sich heute etwa zehnjährige Bäumchen, die aktuell in herbstlichem Gelb erstrahlen. Wer möchte, kann für diese Bäume sogar eine Patenschaft beim Volksbund übernehmen. Der ehemalige Volksbund-Präsident Reinhard Führer, der an diesem regnerischem Tag ebenfalls nach Neumark gekommen ist, hat eine solche Patenschaft bereits übernommen. Auch das sollte ein Zeichen setzen.

Eine schmerzliche Lücke füllen

Später legt Reinhard Führer gemeinsam mit Wolfgang Wieland und Dr. Bernd Fabritius einen Kranz in Gedenken an alle Toten nieder. BdV-Präsident Fabritius betont kurz zuvor in seiner viel beachteten Rede die Notwendigkeit des gemeinsamen Gedenkens. Zudem lobt er vor etwa 400 Zuhörern, die teils aus den Volksbund-Landesverbänden Bremen und Schleswig-Holstein stammen, ausdrücklich den Beitrag des Volksbundes: „In Zeiten wie diesen, in denen zu unser aller Grauen vielerorts erneut Massengräber entste­hen – etwa in Aleppo oder anderen Bombenkratern Syriens –, ist es ein Gebot der Menschlichkeit, den Toten zumindest ihre Namen und damit ihre Identität wieder zu geben. (...) Was der Volksbund diesbezüglich leistet, füllt diese schmerzliche Lücke zwischen zivilisatorischem Anspruch und schnelllebig-vergesslichem Zeitgeist. Die Arbeit des Volksbundes erschöpft sich bei weitem nicht in der Kriegsgräberfürsorge. Sie umfasst eben auch akribische Bemühungen, anonyme Tote der beiden Weltkriege zu identifi­zieren und endlich zur letzten Ruhe zu betten. (...) Heute werden viele hundert Opfer dem Vergessen entrissen und, wie es Bundespräsident Joachim Gauck formuliert hat, das Schicksal dieser Menschen aus dem Erinnerungsschatten geholt.“

Dem gleichen Zweck dient auch die Volksbund-Ausstellung zum Thema „Flucht und Vertreibung“, die im Besucherraum der Kriegsgräberstätte zu sehen ist. Sie bietet zahlreiche Informationen und Hintergrundberichte sowie zeitgenössische Fotografien, die an das Schicksal der Millionen Flüchtlinge des Zweiten Weltkrieges erinnern. Gleich daneben findet sich das mehrbändige Gesamtnamenbuch für Polen. Darin finden sich auch die Namen vieler Angehöriger. Ist der Name erst gefunden, verharren viele Menschen lange und nachdenklich mit dem Finger auf den Buchstaben. In ihren Gesichtern zeigt sich häufig eine ergreifende Mischung aus Trauer und dem schwer zu beschreibendem Gefühl, das sich einstellt, wenn wenigstens der Name eines einst geliebten und vor langer Zeit verstorbenen Menschen für die Nachwelt festgehalten wird. Auch dafür ist der Volksbund da.

Über 23 000 Kriegstote in Neumark

Ohnehin sind auf der Kriegsgräberstätte gleich mehrere Volksbund-Mitarbeiter wie Robert Zaka und Margit Salutzki-Klambauer vom Gräberdienst oder auch der Friedhofsverwalter Piotr Nycz aktiv. Sie helfen den Angehörigen bei der Suche nach Informationen – oder ganz konkret beim Auffinden der genauen Grabstätte auf dem riesigen Gelände, auf dem weit über 23 000 Kriegstote bestattet sind. So sieht man überall kleine Grüppchen um markierte Grabstellen oder Namenstelen stehen. Mitten unter ihnen sind auch die beiden Umbetter Thomas Schock und Tomasz Czabanski, die vielen Besuchern bereits bekannt sind. Sie leiten die teils sehr aufwändigen Umbettungen in Polen. So können sie viele Details ihrer Arbeit an die Angehörigen weitergeben, die für jede Information dankbar sind.

Umbettungen sind ein Spezialthema und zumeist von großen Schwierigkeiten begleitet. „So ein Kriegsgrab zu finden, ist wirklich keine leichte Aufgabe und erfordert viel Sachkenntnis sowie jahrelange Erfahrung“, sagt Thomas Schock. Am Abend vor der Einbettung in Neumark gibt er daher in einem extra anberaumten Vortrag vieles von seinem Wissen preis: es geht um die Beschaffenheit von Böden, darum welche historischen Quellen es gibt, mögliche Gräber zu entdecken – und vor allem darum, wie sorgfältig man arbeiten muss, damit die Toten später tatsächlich identifiziert werden können. Es ist eine beschwerliche Arbeit, die oftmals mit schrecklichen Bildern verbunden ist. Schock und seine Kollegen leisten diese Arbeit dennoch mehr als gewissenhaft. „Für uns ist das selbstverständlich, denn wir wissen, warum wir das alles machen – für die Menschen nämlich“, sagt Thomas Schock. Dann wirft er – wie viele andere Besucher dieser Gedenkveranstaltung – still eine rote Blume in die Grube mit den langen Reihen der schwarzen Särge, auf die der Regen prasselt.

Eine Broschüre in deutscher und polnischer Sprache mit dem Programm sowie sämtlichen Redebeiträgen (es gilt das gesprochene Wort) zur Gedenkveranstaltung in Neumark (Stare Czarnowo/Polen) finden Sie hier.

Maurice Bonkat