Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rschew

20 Jahre Volksbund-Jugendcamp in Rschew an der Wolga

31. August 2017 Nina Janz

Gedenkstunde und Kranzniederlegung auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Senne (Foto: Volksbund)

Am Ende des Textes finden Sie eine Fotostrecke mit acht Aufnahmen

Als vor zwanzig Jahren, im Sommer 1997, Rolf Furtwängler aus Gütersloh mit einer Gruppe deutscher Schüler zum ersten Mal an die Wolga reiste, ahnte noch niemand, dass sich aus dieser ersten Begegnung enge Freundschaften und der Start eines besonderen Projektes zwischen beiden Ländern entwickeln würde. Mit der Grundsteinlegung dieses Projektes war eine Zeit von Missverständnissen, Unsicherheiten und Vorurteilen zu Ende gegangen. Über 50 Jahre bestanden zwischen den Menschen beider Länder keine oder wenige Kontakte. Zu tief waren die Gräben, zu groß die Trauer und der Schmerz über den Zweiten Weltkrieg. Diese Gräben endlich zu überwinden, beschloss Erich Vornholt, ein deutscher Veteran, als er im Jahr 1992 den russischen Veteranen einen Brief mit einer einzigen Bitte schrieb: "Wir möchten Ihnen gerne die Hand zur Versöhnung reichen". Wie würde die russische Seite reagieren? Alsbald traf eine Antwort aus Russland ein, gefolgt von einer Einladung nach Rschew, in die Stadt, die v.a. 1942 hart umkämpft war und wo russische wie deutsche Veteranen viele Kameraden verloren haben. Eine erste Delegation deutscher Veteranen hieß die Stadt Rschew 1993 willkommen. Die deutschen Besucher besichtigten neben Sehenswürdigkeiten in Stadt und Umgebung,  auch die Grabstätten und die ehemaligen Friedhöfe ihrer Kameraden. Da sich die letzten Ruhestätten der Soldaten in einem unbefriedigenden Zustand befanden, beschlossen die Veteranen eine Arbeitsgruppe, das "Kuratorium Rschew" ins Leben zu rufen und gemeinsam mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., der Städte Gütersloh und Rschew sowie dem russischen Veteranenrat, eine deutsche Kriegsgräberstätte zu errichten. Bis zur Eröffnung des Soldatenfriedhofes war es ein weiter und steiniger Weg, auf dem Vorurteile und Missverständnisse überwunden werden mussten. Die Idee, den deutschen Friedhof mit dem Bau von sowjetischen/russischen Soldatengräbern zu verbinden und zu einem "Friedenspark" zu gestalten, fand auf beiden Seiten großen Anklang. Im September 2000 erfolgte endlich die Einweihung des Friedensparks, wo beide Friedhofteile, der deutsche und der russische, feierlich eröffnet wurden.

Wie Erich Vornholt in seinem ersten Brief deutlich machte, trug Wille zur Versöhnung, wesentlich zum Bau und zur Annäherung beider Seiten bei. So war auch die erste Jugendbegegnung 1997 mit Rolf Furtwängler und der Deutschlehrerin Irina Kondratjewa in Rschew von dem Gedanken der Versöhnung und Freundschaft beseelt, welcher weiterhin entscheidend zum Erfolg und Fortbestand des Projekts und der deutsch-russischen Begegnung beitrug. Die Jugendlichen aus beiden Ländern arbeiteten gemeinsam an der Entstehung des Friedensparks, pflanzten Bäume sowie reinigten die Kreuze und legten somit den Grundstein für eine Freundschaft zwischen beiden Völkern. Nun jährte sich das Volksbund-Camp in diesem Sommer zum zwanzigsten Mal. Zum Jubiläum reisten Rolf Furtwängler, der Initiator der Jugendbegegnungen und ehemalige Teilnehmer aus den letzten zwei Jahrzehnten nach Rschew, um sich wieder mit alten Freunden und Bekannten zu treffen. Erneut wurden die deutschen Besucher herzlich in Russland empfangen und gemeinsam schwelgten sie in schönen Erinnerungen über die gemeinsamen Abende und die Arbeit am Friedenspark. In Rschew trafen die Alumni aus beiden Ländern die diesjährigen Teilnehmer des Jugendcamps, welches zum Anlass des 20. Jahrestag stattfindet. Unter der Leitung von Ulrich Creydt, langjähriger Ehrenamtlicher in der Volksbund-Arbeit mit einer Faszination für russische Geschichte und Kultur sowie Größe und Vielfalt des Landes und Natalja Rosinskaja, einer Deutschlehrerin aus Rschew, die mit Leidenschaft die deutsche Sprache pflegt, konnten sich je 15 junge Menschen zwischen 15 und 22 Jahren aus beiden Ländern kennen lernen. Eine Woche verbrachte die Gruppe in Rschew, half den Friedenspark und die Friedhöfe zu pflegen, setzte sich mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges auseinander und verbrachte schöne Stunde gemeinsam an der Wolga bei Lagerfeuer und russischen Volksliedern. In der zweiten Woche flogen die Teilnehmer in Rschews Partnerstadt, nach Gütersloh. Das Programm und die "Arbeit für den Frieden" wurde auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Stuckenbruck-Senne fortgesetzt und die Anlage durch einen Pflegeeinsatz verschönert. Die Jugendlichen führten auch hier Workshops und Führungen zur Geschichte des Nationalsozialismus in der Gedenkstätte Stalag 326 VIK in Senne und der Wewelsburg bei Paderborn durch. Die intensive gemeinsame Zeit fand in einer feierlichen Gedenkstunde auf dem Ehrenfriedhof in Senne ihren Abschluss, an der Volksbund-Vertreter wie auch der nordrhein-westfälische Landtagspräsident André Kuper und der Bürgermeister von Stuckenbruck, Hubert Erichlandwehr, teilnahmen. Die Teilnehmer trugen ihre Erlebnisse und Erfahrungen vor und banden ihre Wünsche für die Zukunft an einen Baum auf dem Friedhof an. Unter den Wünschen befanden sich vermehrt der Wille zur weiteren und fortwährenden Versöhnung und Freundschaft zwischen beiden Völkern. Reich an Eindrücken und reich an neuen Freunden kehrten die Teilnehmer zurück nach Hause.

Die erste Jugendbegegnung 1997 machte den Anfang für ein mittlerweile fest etabliertes und wichtiges Austauschprojekt für den Volksbund und der Stadt Rschew. Die zahlreichen Camps, die dem ersten folgten, erreichten bis heute mehr als 400 Jugendliche aus Deutschland und Russland, die die Chance hatten, an der "Arbeit für den Frieden" aktiv mitzuwirken. Diese Begegnungen leben nicht nur von den Teilnehmenden, sondern auch von den Organisatoren wie Rolf Furtwängler und heute Ulrich Creydt und Natalia Rosinskaja, die ihre Freizeit und ihre Ferien nutzen, um mit den Jugendlichen im Friedenspark zusammen zu arbeiten. Inzwischen besitzt das Volksbund-Camp neben zahlreichen Alumni eine Stammteilnehmerschaft und eine eigene Camp-Hymne Алые Паруса, die "Scharlachroten Segel". Wie im Lied segelt das Schiff auf der Wolga mit Kurs auf Freundschaft und Versöhnung, angetrieben durch die damaligen deutschen und russischen Veteranen und die zahlreichen Helfer, Organisatoren und v.a. durch die Teilnehmer des Volksbund-Camps.

Alye Parusa! (Алые Паруса) - Scharlachrote Segel

Hier im schönen Russland, hier am Wolga-Ufer,
Wo die Väter kämpften, suchten wir Frieden.
Reicht uns die Hände, wurden wir Freunde,
Haben dann gesungen, Alye Parusa!

Alye Parusa! Alye Parusa!

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Das erste Jugendcamp in Rschew mit Rolf Furtwängler, Sommer 1997 (alle Fotos Volksbund)

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Die Teilnehmer vor dem Boloschoi-Theater in Moskau

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Empfang von Rolf Furtwaengler und der Alumni beim Buergermeister in Rschew

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Friedens-und Versöhnungsbotschaften am Baum auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Senne

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Gedenkstunde auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Senne

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Gedenkstunde auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Senne

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Gedenkstunde und Kranzniederlegung auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Senne

Der Kurs der Freundschaft und Versöhnung im Friedenspark Rshew - 20 Jahre Volksbudn-Jugendcamp in Rshew an der Wolga

Zwei Teilnehmer aus Russland und Deutschland reichen sie die Hände Gedenkstunde auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Rschew