Der Weg der Versöhnung

Nachlese: Volkstrauertag im Deutschen Bundestag

17. November 2016

Die Zentrale Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag im Deutschen Bundestag begann mit dem Eintreffen der Vertreter der fünf Verfassungsorgane sowie des amtierenden Volksbund-Präsidenten Wolfgang Schneiderhan. (alle Fotos: Uwe Zucchi)

„Wir erinnern uns daran, dass jedes Opfer von Kriegen und Konflikten auch jemandes Bruder oder Schwester ist, jemandes Sohn oder Tochter, Elternteil, Ehemann oder Ehefrau. Und wir erinnern uns daran, dass eine der wichtigsten Fähigkeiten des Menschen die Versöhnung ist.“ Diese Worte stammen aus der Volkstrauertags-Gedenkrede von Lars Løkke Rasmussen im Deutschen Bundestag.

Der dänische Ministerpräsident, dessen Mutter als kleines Mädchen noch die nahezu vollständige Zerstörung ihrer Bornholmer Heimatstadt im Zweiten Weltkrieg miterleben musste, zeigte damit zugleich auf, welche Kernaussage der Volkstrauertag beinhaltet – nämlich, sich ganz bewusst für den Weg der Versöhnung zu entscheiden: „Die Versöhnung des Einzelnen mit dem tragischen Verlust von Verwandten und Freunden. Die Versöhnung eines Volkes mit seiner Vergangenheit und seinen früheren Feinden. (...) Wir haben aus der Vergangenheit gelernt, damit das, was geschehen ist, sich nicht wiederholt. Wir haben uns für Frieden, Anerkennung und gegenseitiges Verständnis eingesetzt und wurden dafür mit Stabilität, Sicherheit und Wohlstand belohnt. Wir haben uns für den Weg der Versöhnung entschieden.“

Zugleich wies Rasmussen darauf hin, dass dieses häufig beschworene „Nie wieder!“ angesichts aktueller Konflikte und Kriege wie zum Beispiel in Syrien mehr denn je in Gefahr stehe. So komme es darauf an, sich wieder verstärkt auf die friedensstiftenden Grundwerte wie Freiheit, Demokratie, Gleichheit sowie auf die weltweite Achtung der Menschenrechte zu fokussieren. Er selbst glaube daran, dass Versöhnung möglich sei: „Dass das europäische Erbe der Aufklärung die Oberhand behält. Und das erfüllt mich mit Hoffnung. Hoffnung, dass die Erinnerung an die vielen Opfer, die wir heute betrauern, uns dabei hilft, eine bessere Welt zu schaffen.“

Kriegsgräber als historische Lernorte

Auch der amtierende Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan wollte den Volkstrauertag nicht nur als Tag der Erinnerung verstanden wissen: „Die Verantwortung und Verpflichtung für unsere Kriegsgräber bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit. Wir begreifen diese Ruhestätten auch als historische Lernorte, um die Zukunft in menschenwürdiger Freiheit und Demokratie zu sichern. Aus diesem Grund betreibt der Volksbund eine intensive Bildungsarbeit, die jungen Menschen den unverbrüchlichen und zeitlosen Wert von Versöhnung, Toleranz und Friedensfähigkeit vermittelt. Diese Jugend- und Bildungsarbeit, die wir auch gemeinsam mit Schulen durchführen, ist für uns ein wichtiger Schritt auf dem Weg, die Opfer der Kriege nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“

Teil dieser Jugend- und Bildungsarbeit ist auch die intensive Auseinandersetzung mit Kriegsbiografien, also den authentischen und persönlichen Erfahrungen der Kriegsgeneration. Ein ähnliches Projekt hat auch die Autorin Freya Klier verwirklicht und unter dem Titel „Wir letzten Kinder Ostpreußens“ in Buchform veröffentlicht. Das Volksbund-Jahresthema „Flucht und Vertreibung“ nimmt darin die zentrale Rolle ein. Zeitzeugen berichten dabei ganz konkret, wie sie Krieg und Gewaltherrschaft tatsächlich erlebt haben.

Wenn der Tod aus den Augen schaut

In der Volkstrauertags-Lesung berichtete Doris Festersen von ihrer Flucht aus der Sicht einer damals völlig verängstigten und traumatisierten Neunjährigen: „Mutti und ich nahmen nun unsere ganze restliche Kraft zusammen und schleppten uns ganz langsam in die Stadt Königsberg. Wir hatten nämlich gehört, dass dort das Krankenhaus ‚Barmherzigkeit‘ noch existierte, wenn auch schwer beschädigt. Das Gerücht erwies sich als wahr. Als wir mit letzter Kraft das Tor des Krankenhauses erreichten, wurden wir erst einmal vom deutschen Personal taxiert, ob es sich noch lohnte, uns aufzunehmen. Menschen, denen der Tod schon aus den Augen schaute, wurden gar nicht erst aufgenommen. Wir zitterten vor Angst, abgewiesen zu werden. Wir aber hatten Glück.“ Später folgt eine lange Liste naher Angehöriger von Doris Festersen, die den Krieg nicht überlebt hatten, und von denen die allermeisten auch kein würdiges Grab bekommen hatten.

Das alles hat viele Gäste der Zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag im Deutschen Bundestag sowie hunderttausende Fernsehzuschauer sehr bewegt. Es kostete die Zeitzeugin sicher viel Kraft und auch Mut, in der Öffentlichkeit davon zu berichten. Bei dem anschließenden Empfang überreichte ihr daher Volksbund-Generalsekretärin Daniela Schily ein ganz besonderes Geschenk: Es war ein aktuelles Foto vom Grab ihres Patenonkels, welches der Volksbund – ohne dass Sie bisher davon gewusst hatte – über Jahrzehnte gepflegt und in würdigem Zustand gehalten hatte. Dies mag nur ein kleiner Trost für den großen Verlust eines lieben Angehörigen sein. Doris Festersen und viele andere Menschen, welche den Volkstrauertag in dieser Form erleben durften, war es dennoch ein ganz besonderer Tag, der in guter Erinnerung bleibt – und auch Hoffnung für die Zukunft gibt.

Maurice Bonkat

Hier finden Sie die Begrüßungsansprache des amtiereden Volksbund-Präsidenten Wolfgang Schneiderhan, die Gedenkrede des dänischen Ministerpräsidenten Lars Løkke Rasmussen sowie die Lesung von Freya Klier und Doris Festersen (Es gilt das gesprochene Wort).

 

 

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