Die Toten von Thorn

1 800 Kriegstote in Polen ausgebettet

16. Februar 2017

Die Grabstelle im Garten – Es kommt häufig vor, dass der Volksbund-Umbettungsdienst wie hier im polnischen Thorn Kriegstote aufgrund von Neubauarbeiten entdeckt. (Fotos: Volksbund-Umbettungsdienst)

„Wollen Sie etwa, dass die Toten in Ihrem Garten bleiben?“ Diese drastische und zugleich erhellende Frage hat den Umbettern des Volksbundes bei ihrer schwierigen Arbeit schon oft geholfen. Sie hilft vor allem dann, wenn sich Anwohner zunächst aus Unwissenheit gegen die Exhumierung von Kriegstoten auf ihren Grundstücken sperren – so wie unlängst im polnischen Thorn (Torun). Dank der Überzeugungsarbeit der Umbetter sowie der Stadtverwaltung vor Ort hat sich dieser vermeintliche Konflikt aber nun im Guten gelöst.

„Wir erleben so was ziemlich häufig. Nach dem ersten Schrecken verstehen die Leute dann aber meist sehr schnell, wie wichtig unsere Arbeit ist – und vor allem, dass die Toten auf einer Kriegsgräberstätte viel besser aufgehoben sind“, sagt Umbettungsleiter Thomas Schock. So war es letztlich auch in Thorn.

Thomas Schock ist der Leiter des Volksbund-Umbettungsdienstes.

Dort bettet der Volksbund aktuell über 1800 verstorbene deutsche Kriegsgefangene aus unwürdigen Gräbern aus. In der örtlichen Bevölkerung sowie der Presse hatte sich dagegen allerdings im Vorfeld ein gewisser Widerstand formiert. Dieser beruhte wohl vor allem auf der Unsicherheit im Umgang mit Kriegstoten. Tatsächlich ist dieser in den von der Bundesregierung bilateral vereinbarten Kriegsgräberabkommen geregelt, auf deren Grundlage der Volksbund offiziell arbeitet. In Polen gibt es zudem die Besonderheit, dass der Volksbund dort die Stiftung Pamiec installiert hat, welche die gute Partnerschaft zu den polnischen Behörden pflegt und zum Beispiel die Umbettungs-Genehmigungen einholt.

Dafür lohnt sich die Arbeit


In dieser Luftbildaufnahme erkennt man rechts oben die Fundstellen der Kriegsgräber von Thorn.

So geschah es auch in Thorn, als dort bei Schachtungsarbeiten eines neuen Wohngebietes plötzlich zahlreiche Gebeine von Kriegstoten entdeckt wurden. Sie sind vermutlich als Kriegsgefangene beziehungsweise Lazerett-Insassen in einem sowjetischen Lager ums Leben gekommen, das hier an dieser Stelle kurz nach Kriegsende betrieben worden war. Erst viele Jahrzehnte später plante die Stadt Thorn an gleicher Stelle ein neues Wohngebiet. Inzwischen ruhen dort die Arbeiten, damit der Volksbund-Umbettungsdienst um Maciej Milak die weit über 1800 Gebeine bergen sowie ihre Identifizierung vorbereiten kann.

Tatsächlich fanden sich in den nicht gekennzeichneten Gräbern, in denen fast ausschließlich Männer lagen, zahlreiche geteilte und auch ganze Erkennungsmarken. Dies erleichtert eine spätere Identifizierung enorm. „Dieser Vorgang der Protokollierung und späteren Identifizierung ist allerdings sehr viel aufwendiger sowie zeitintensiver, als man zunächst denkt. Alles braucht seine Zeit. Am Ende besteht aber immer die Hoffnung, dass eine Familie durch diese Identifizierung doch noch das Schicksal ihres Angehörigen aufklären kann. Und allein dafür lohnt sich die Arbeit“, sagt Thomas Schock. 

Anwohner überzeugt

Unweit dieser Stelle am Stadtrand von Thorn hatte der Volksbund bereits vor 20 Jahren über 900 Kriegstote geborgen. „Diese Stelle lag allerdings einige hundert Meter weiter entfernt von der aktuellen Grablage. Rechnet man die neuerliche Fundstelle hinzu, ergibt dies eine der größten Grablagen von deutschen Kriegstoten, die der Volksbund in den vergangenen Jahren gefunden hat“, sagt Umbettungsleiter Thomas Schock. Und das Problem mit der Presse sowie den verunsicherten Anwohnern scheint ebenfalls gelöst: Auf einer von der Stadt Thorn einberufenen Pressekonferenz überzeugte Iza Gruszka von der Stiftung Pamiec die Teilnehmenden, dass es neben den oben genannten praktischen Aspekten vor allem darauf ankomme, den Toten eine würdige Ruhestätte zu geben. Zugleich erhielten die Angehörigen so einen persönlichen Ort der Trauer. Dafür hätten die meisten Menschen letztlich großes Verständnis. Zudem solle an dieser Stelle später eine Gedenktafel errichtet werden, welche an die historischen Ereignisse rund um das Kriegsgefangenenlager erinnert.

Für die Gebeine der Kriegstoten gibt es auch bereits eine würdige Ruhestätte: nach Abschluss der Arbeiten werden sie auf der deutschen Kriegsgräberstätte Bartossen (Bartosze) ewiges Ruherecht erhalten, wo bereits 17000 ihrer Kameraden liegen. Mögen sie alle in Frieden ruhen.

Maurice Bonkat

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