Drei Männer, ein Ziel

Tagung der Bundeswehrbeauftragten

31. März 2017

Max-Georg Freiherr von Korff, Viktor Wassiljewitsch Muchin und Julien Hauser (von links) sind Länder- oder Bundeswehrbeauftragte des Volksbundes – und wurden alle drei am 9. beziehungsweise 10. März 1948 geboren. (Fotos: Maurice Bonkat/privat)

Die drei haben viel gesehen, jeder an einem anderen Ort der Welt. Heute arbeiten sie zusammen für den Volksbund: Julien Hauser, Max-Georg Freiherr von Korff und Viktor Wassiljewitsch Muchin gehören zu den Länder- bzw. Bundeswehrbeauftragten des Volksbundes. In dieser Funktion werben sie für den Volksbund, motivieren Helfer in Uniform für die Sammlung, ermöglichen Workcamps und helfen bei Kriegsgräbereinsätzen. Es gibt viel zu tun. Doch bei der Frühjahrstagung der Bundeswehrbeauftragten des Volksbundes in Dresden gibt es diesmal gleich drei gute Gründe, auch auf das bereits Geleistete zurückzublicken. Schließlich haben Hauser, von Korff und Muchin Geburtstag – und zwar gemeinsam. Alle drei wurden am 9. beziehungsweise 10. März 1948 geboren.

Vor dem Vergnügen kommt bekanntlich die Arbeit. Die besteht bei der Frühjahrstagung der Bundeswehrbeauftragten in der Stauffenberg-Kaserne Dresden in der Analyse der bisherigen sowie der Planung für die kommenden Aufgaben. Dabei spielt neben der Organisation und Verteilung der Arbeitseinsätze auf Kriegsgräberstätten auch die jährliche Haus- und Straßensammlung durch Bundeswehr und Reservisten eine gewichtige Rolle. Weit mehr als ein Drittel der Gesamteinnahmen aus der Sammlung, also mehr als 1 800 000 Euro, stammt allein von den fleißigen Helfern mit und ohne Uniform. 

In Dresden trafen sich die Bundeswehrbeauftragen des Volksbundes zu ihrer Frühjahrstagung.

Die Herzen gewinnen

Obwohl die Truppe schon seit Jahren unter Personaleinsparungen bei gleichzeitig höherer Einsatzbelastung leidet, ist dieser Wert stabil. Das überrascht. Der Erfolg einer Sammlung hängt nach den Erfahrungswerten der Bundeswehrbeauftragten nicht so sehr von der Zahl der Sammler ab. „Viel wichtiger ist, dass jeder einzelne Sammler motiviert ist. Das persönliche Engagement bringt einfach am meisten“, sagt zum Beispiel Michael Oswald. Er ist zuständig für die Kameraden in den Bundesländern Schleswig-Holstein sowie Hamburg. Zudem sei es wichtig, auch die Herzen der Soldatinnen und Soldaten für die Friedensarbeit des Volksbundes zu gewinnen.

All dies ist wirklich beeindruckend. Doch wie geht das? Wer macht diese Leistungen eigentlich möglich? Die Antwort ist leicht: Neben den vielen ehrenamtlichen Helfern sind es die Volksbund-Beauftragen, die hierfür – zumeist im Hintergrund – hervorragende Arbeit leisten.

 

Das Bild zeigt Viktor Wassiljewitsch Muchin während seiner Dienstzeit auf den Kurilen-Inseln.

Heute treten Julien Hauser, Max-Georg Freiherr von Korff und Viktor Wassiljewitsch Muchin einmal ins Licht der Aufmerksamkeit. Warum machen sie das alles und wie kamen sie eigentlich zum Volksbund? „Es war schon ein weiter Weg“, sagt Viktor Muchin, der im schönen Leningrad geboren wurde. Danach führte ihn sein Lebensweg über die Kadettenschule zur Offiziersausbildung direkt ins Herz der damaligen Sowjetunion, nach Moskau also. In der Folge wurde er Zugführer, dann Kompanie- und Stabschef, schließlich Regiments- und stellvertretender Divisionskommandeur sowie Militärberater. Als Oberst im Generalstab der Russischen Streitkräfte wirkte er schließlich am Kriegsgräberabkommen mit Russland mit. Muchin hat viel gesehen: Er war auf den Kurilen-Inseln, in Laos und unter anderem auch in Mühlhausen und Halle. Dort war er beispielsweise Anfang der 70er-Jahre für die generische Aufklärung, beziehungsweise das Abhören des westlichen Gegners zuständig.

 

Max-Georg Freiherr von Korff im Kreise seiner Familien: seiner eigenen – und der Bundeswehr.

Nur etwas später diente gerade sein späterer Freund Max Freiherr von Korff bei der Bundeswehr. Der gebürtige Westfale aus dem Münsterland ging im Jahr 1968 nach dem Abitur auf einem katholischen Internat direkt zur Bundeswehr. Während andere in dieser Zeit den Traum von Love, Peace and Happiness lebten, lernte er ebenfalls, den Gegner abzuhören. Das passierte schon in seiner Zeit als Kompaniechef in Sontra bei Herleshausen. Später arbeitete er auch in Brüssel für die NATO, als Referent im Wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestages in Bonn und zuletzt, nach dem Fall der Mauer, wurde er im Jahr 1991 Kommandeur eines ehemaligen NVA-Aufklärungsbataillons, das er nach Gotha in die Bundeswehr überführte. „Das war eine besondere Zeit. Wir waren sechs Offiziere der Bundeswehr und trafen auf 50 ehemalige NVA-Offiziere. Dabei gab es überraschender Weise kaum Konfliktpotential, sondern vor allem sehr gute und kameradschaftliche Gespräche. „Für mich war das ein gutes Beispiel, wie schnell die Menschen abseits der großen Politik zueinanderfinden können. In der Rückschau zählen diese menschlichen Begebenheiten zu den schönsten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe“, sagt der sechsfache Großvater von Korff heute.

Beide, Max-Georg von Korff und Viktor Muchin standen sich in diesen Jahren wortwörtlich als Feinde gegenüber, zwischen ihnen eine menschenverachtende Mauer des Todes. Heute mag sich das keiner mehr vorstellen. Es ist weit weg. Stattdessen ist inzwischen das Gemeinsame ins Blickfeld gerückt. Das soll nach der inzwischen weit über ein Jahrzehnt andauernden Arbeit für den Volksbund auch so bleiben, gerade weil den 69-jährigen Geburtstagskindern das Ende der beruflichen Laufbahn kurz bevorsteht. Beide tragen und plagen sich ein wenig mit dem Gedanken, nach dem 70. Geburtstag aufzuhören. So richtig gehen wollen sie aber nicht. Und beim Volksbund möchte eigentlich auch keiner auf die alten Hasen verzichten.

 

Das Foto zeigt den groß gewachsnen Julien Hauser ganz klein, im Alter von 18 Monaten.

So geht es auch dem dritten im Bunde: Julien Hauser ist ein Mensch voller Lebensfreude, ein Grandseigneur, der zugleich fest mit seinen Lieben verwachsen ist. So weiß die Familie des inzwischen mehrfachen Großvaters auch, wie wichtig ihm seine Arbeit ist. Dabei kam er sehr spät zum Volksbund. Sein beruflicher Lebensweg begann nämlich als Feuerwehrmann bei der Pariser Feuerwehr. Später arbeitete er auch als Sicherheitschef für eine Erzhütte sowie für mehrere große europäische Autokonzerne als Vertriebschef. „Ich habe gelebt – und dabei viel erlebt“, sagt Julien Hauser, der inzwischen in Cognac beheimatet ist und eigentlich schon seit 2008 die Rente genießen könnte. Doch der ebenso wie Viktor Muchin großgewachsene Mann, der stets ein Lächeln auf den Lippen trägt, arbeitet einfach immer weiter – und hat Freude daran.

Die Mühlen des Krieges

Dabei hat Julien Hauser eine tragische Familiengeschichte. Seine Mutter Paulette (geborene Blass, verstorben 2003) geriet schon als Kind in die Mühlen des Krieges. Sie wurde im Saarland geboren. Und als Hitler an die Macht kam, musste die Familie nach Lothringen fliehen, da der Großvater ein absoluter Gegner des Nazi-Regimes war. Im Jahr 1943 wurde die Familie von der Gestapo aufgegriffen, als „Verräter des Vaterlandes“ verurteilt und zur Zwangsarbeit nach Schlesien verschleppt. Erst 1945 nahm dies durch den Einmarsch der Russen ein Ende – allerdings ein schlimmes: Denn sie wurden nicht als Franzosen befreit, sondern als Deutsche weiterhin verfolgt. Sie wurden erneut verschleppt, diesmal ging es in die Nähe von Kiew. Als die Mutter schließlich krank wurde, schickte man sie einfach fort. Mit einem umgebauten Kinderwagen als mobile Krankenbahre fuhr der Vater die 21-jährige kranke Tochter bis nach Warschau – alles zu Fuß. Erst im September 1945 wurde durch das Rote Kreuz die Heimkehr möglich. Zuvor hatte Juliens Vater René bis zuletzt als Zwangseingezogener für die Wehrmacht gekämpft. Die Lebenswege der Hausers waren nicht einfach.

Es gäbe noch sehr viel mehr zu erzählen, über Julien Hauser und die beiden anderen Volksbund-Geburtstagskinder Max-Georg Freiherr von Korff sowie Viktor Wassiljewitsch Muchin. Doch die drei Männer haben vor allem gemeinsam, dass sie aus ihren so unterschiedlichen Lebenslinien eine gemeinsame Erkenntnis, ein gemeinsames Ziel entwickelt haben: „Es gibt eigentlich kein lohnenderes Ziel, als für den Frieden zu arbeiten – und genau das beschreibt, warum wir beim Volksbund sind.“

Maurice Bonkat