Ein Ort der Begegnungen

50 Jahre Kriegsgräberstätte Dagneux

1. August 2013 Schrage / Scherschmidt

Angehörige und Jugendliche des Workcamps begegnen sich auf dem Friedhof in Dagneux

Einen Ort zum Trauern zu haben – diesen Wunsch haben viele Angehörige von Kriegstoten und das ist seit vielen Jahrzehnten die wichtigste Aufgabe von Kriegsgräberstätten. Zur Einweihung des Friedhofes in Dagneux in Frankreich 1963 erschienen über 800 Angehörige aus Deutschland, um sich von ihren Toten zu verabschieden. Fünfzig Jahre sind seitdem vergangen und haben die Funktion des Friedhofes verändert. Immer weniger Besucher kommen, um Angehörige zu besuchen. Stattdessen treffen sich hier Menschen verschiedener Generationen, Nationen und Religionen und vernehmen die Mahnung der Gräber zum Frieden. Aus dem Ort der Trauer ist so nach und nach ein Ort der Begegnung geworden.

Das zeigte sich eindrucksvoll am 27. Juli 2013, bei der Gedenkveranstaltung anlässlich fünfzig Jahren Einweihung. Wir schildern vier Begegnungen.

Begegnung der Generationen

July Blanc ist 15 Jahre alt und Französin. Auf der Kriegsgräberstätte Dagneux trifft sie eine ältere Dame aus Deutschland. July überreicht der Angehörigen ein Besucherheft und eine Flasche Wasser, es ist heiß am Tag der Gedenkveranstaltung. Beide sind mit einem Reisebus angereist: July als Teilnehmerin der zweiwöchigen Jugendbegegnung in Dagneux; die Dame, die sie gerade begrüßt hat, als Teilnehmerin einer Angehörigenreise des Volksbundes. Zwei Menschen, zwei Perspektiven auf denselben Ort; auf die Kriegsgräberstätte Dagneux, Ruhestätte für über 20.000 Kriegstote. Für die deutsche Angehörige ist dies ein Friedhof, ihr Vater ist hier bestattet. Einmal möchte sie ihn noch besuchen. Die Trauer über den Verlust des Vaters ist auch nach siebzig Jahren noch präsent. Tief bewegt legt sie Blumen nieder. Für July ist es eine Kriegsgräberstätte, ein Ort der zum Frieden mahnt. Hier lernt sie gemeinsam mit deutschen Jugendlichen an einem authentischen Ort mehr über die Geschichte.

Die beiden kommen schnell ins Gespräch. Sie ist erfreut darüber, dass die junge Französin da ist, um sie zu begrüßen und sie möchte wissen, was das Mädchen auf der Kriegsgräberstätte macht. July berichtet, sie habe bereits gemeinsam mit ihrer Gruppe auf dem Friedhof gearbeitet und sich mit Biografien von Kriegstoten beschäftigt. Auch die Gedenkveranstaltung haben die Jugendlichen mit vorbereitet. In ihrer Hand hält sie das Totengedenken des Bundespräsidenten in französischer Sprache. Im Laufe der Veranstaltung, wird sie es im Wechsel mit einer deutschen Jugendlichen verlesen und so symbolisieren: Wir gedenken gemeinsam. Es sind nicht deutsche Tote oder französische Tote zu beklagen. Es ist der Verlust an Menschenleben und an Menschlichkeit, dessen wir gedenken und der Krieg, vor dem die Gräber mahnen.  

Begegnungen der Lebensläufe

Der Mann, der da ans Pult tritt, ganz hemdsärmelig, mit langen grauen Haaren, ist André Baud, der die Gedenkrede spricht. Unter den vielen Uniformen und Anzug tragenden Herren sticht er heraus. Auf Formalitäten legt er wenig wert - wichtig für ihn ist, dass seine Anliegen weitergetragen werden: die deutsch-französische Versöhnung und das Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten. Sein Vater wurde 1943 zur Zwangsarbeit verpflichtet, später wegen Kontakten zur Kirche in ein KZ gesperrt. Er überlebte – als einer von wenigen. Fast siebzig Jahre später spricht sein Sohn André auf einem deutschen Soldatenfriedhof und findet folgende Worte: „Wir wissen nicht, können und wollen nicht wissen, ob die hier Beigesetzten für oder gegen den Nationalsozialismus waren. Sie alle sind wegen des Nationalsozialismus gestorben. Das ist die Lehre, die wir behalten und weitergeben sollten.“

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der tatsächlich über einige der Bestatteten mehr erzählen könnte: Heinrich Pankuweit war als Achtzehnjähriger in Lyon stationiert. Er wurde in der französischen Metropole zum Bordfunker ausgebildet – dann kam die Invasion im Süden Frankreichs und die herannahenden Truppen der Alliierten. Viele seiner Kameraden schafften den Rückzug aus Lyon nicht und liegen heute in Dagneux begraben. „Wir waren unbekümmert, damals.“, sagt der Siebenundachtzigjährige rückblickend und erzählt von den Freunden, die er in den letzten Kriegsmonaten noch verlor. Beide, Baud und Pankuweit, machen sich Gedanken über die kommenden Generationen. Wie kann man ihnen vermitteln, was geschehen ist? Und dass es nie wieder zum Krieg kommen darf? Herr Pankuweit stimmt André Baud zu, als der sagt: „Es geht nicht nur darum, sich zu erinnern; die Aufrechterhaltung der Erinnerung muss positive Handlungen für die Zukunft tragen.“  

Begegnung unter Freunden

Dagneux ist ein kleines Städtchen. Der Bürgermeister, Monsieur Bernard Simplex, macht diese Arbeit ehrenamtlich. Es gibt eigentlich genug zu tun, auch ohne Deutsche Kriegsgräberstätte. Trotzdem unterstützt er den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., wo er kann. Und auch mit dem Ablauf einer Gedenkveranstaltung kennt er sich inzwischen bestens aus. Die Schärpe in den französischen Nationalfarben tragend geleitet er mit sicherer Hand die Ehrengäste zu ihren Plätzen, findet höfliche Worte für den Präfekten und den Bundesvorstand des Volksbundes, kümmert sich um die Fahnenträger der Anciens Combattants und die Reservisten der Bundeswehr. Für Monsieur Simplex ist diese Kriegsgräberstätte eine Herzensangelegenheit, stellt er in seiner Rede klar.

Er erzählt, wie die Begegnung von deutschen Besuchern und Einwohnern so manches Vorurteil aufgebrochen hat. Die Jugendbegegnung des Volksbundes in Dagneux unterstützt er daher mit echter Begeisterung. Er ist immer dabei, macht erst Urlaub, wenn die Jugendlichen ihre Begegnung beendet haben, organisiert einen Empfang, ein Sportfest und kommt zum Abschied noch mal persönlich vorbei. Während Monsieur Simplex bei der Gedenkfeier spricht, steht neben ihm ein Herr im gleichen Alter und wartet auf seinen Einsatz. Der Bürgermeister stellt ihn, Monsieur George Mauer, als einen Freund vor.

Es ist der Sohn des ersten Friedhofsverwalters, der nach seiner Kriegsgefangenschaft in Bordeaux in Frankreich blieb, um für den Volksbund zu arbeiten. Zunächst als Umbetter und Identifizierer, ab 1962 dann auf dem Friedhof in Dagneux. Seine Familie folgte ihm in das kleine Städtchen bei Lyon. George Mauer, damals noch ein Kind, übersetzte bei der Einweihung des Friedhofes für seinen Vater ins Französische, welches dieser kaum sprach. Heute trägt er die Rede des Bürgermeisters von Dagneux auf dem Friedhof in deutscher Sprache vor, mit Blick auf die Grabsteine, die sein Vater lange Jahre pflegte. Noch immer wohnt George Mauer in der Region, wie auch seine Schwester. So prägte der deutsche Soldatenfriedhof das Leben der Familie Mauer – und ließ eine enge Freundschaft entstehen.  

Begegnung der Traditionen

Schwere Fahnen wiegen sacht im warmen und kräftigen Südwind. Die Sonne steht hoch am Himmel, und die hohen Temperaturen ringen den Fahnenträgern viel Kraft ab. Sie gehören zu den sogenannten „ehemaligen Kämpfern“ der französischen ONAC (Office national des anciens combattants) und den Reservisten der Bundeswehr aus Bayern. Während der etwa zweistündigen Gedenkveranstaltung stehen Sie vor dem Kameradengrab in Formation. Im Gedenken an die Kriegstoten sind deutsche und französische Fahnen hier vereint. Später führen sie die Prozession an, die zum Ort der Beisetzung von vier Kriegstoten führt. Die Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen und erst kürzlich gefunden wurden, werden nun auf der Kriegsgräberstätte in Dagneux zur letzten Ruhe gebettet. Sie konnten leider nicht mehr identifiziert werden und so wird später auf ihrem Grabzeichen „unbekannter Soldat“ stehen. Nachdem die Jugendlichen des Workcamps die Särge vorsichtig abgelegt haben, senken die Uniformierten würdevoll die Fahnen und gedenken gemeinsam.

Auf die Särge fallen weiße Blumen als letzter Gruß. Auf den Friedhöfen, die der Volksbund betreut, gibt es zahlreiche Gräber mit Kriegstoten, die nicht identifiziert werden konnten – so auch in Dagneux. Dies bedeutet auch, dass zu ihren Gräbern keine Familienangehörigen kommen und Blumen niederlegen. Daher hat der Volksbund zu einer Aktion aufgerufen, bei der gebeten wird, für Blumen für die Gräber der Unbekannten zu spenden. So wurden 400 Sträuße in dieser Blumenaktion auf dem Friedhof verteilt. Diese Geste, so einer der französischen Veteranen später, zeigt, das auch die unbekannten Toten des Krieges nicht in Vergessenheit geraten. Nachdem die Worte der Geistlichen die Beisetzungszeremonie beenden, erheben sich die Fahnen wieder, und deutsche und französische Fahnenträger geben sich die Hand. Es ist ein herzlicher und ein symbolischer Handschlag. Er zeigt die Chance, die in den Begegnungen steckt, die auf unseren Kriegsgräberstätten stattfinden – Versöhnung und Verständigung über den Gräbern!