„Er wurde nur 22 Jahre alt“

Namensziegelprojekt zu sowjetischen Kriegsgefangenen

5. August 2017 Judith Sucher

Direkt vor Ort erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr über die historischen Hintergründe. Foto: Imke Scholle

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der internationalen Jugendbegegnung fertigen Namensziegel an. Foto: Judith Sucher

Anhand von Personalkarten beschäftigen sich die Teilnehmenden mit je einem Einzelschicksal. Foto: Judith Sucher

Florin, 22, ist Teilnehmer der internationalen Jugendbegegnung in Zwingenberg. Das Schild, das an seinem T-Shirt befestigt ist, hilft den übrigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, ihn mit Namen ansprechen können. Der Soldat, den Florin ihnen heute vorstellt, wurde genauso alt wie er und heißt Iwan Wolkotrub. Sein Name hingegen ist leicht zu vergessen, da nichts an ihn erinnert. Iwan Wolkotrub war einer von 435 sowjetischen Kriegsgefangenen, die auf der Kriegsgräberstätte in Klein-Zimmern bestattet sind und die im Zentrum des Projekttages „Wir schreiben Eure Namen“ standen, den der Landesverband Hessen im Rahmen der Jugendbegegnung erstmalig durchführte. Sie alle waren zwischen 1941 und 1945 im Stalag IX B in Bad Orb interniert und starben in dem dem Lager zugehörigen Lazarett in Klein-Zimmern. Nicht auf dem Friedhof, sondern auf einem abseits gelegenen Gebiet inmitten von Ackern wurden sie bestattet. Den Vorschriften entsprechend ohne Namenskennzeichnung und Grabstein – ja sogar ohne sichtbare Gräber. Lediglich ein Gedenkstein und einige symbolische Kreuze stehen heute für ihr Schicksal. 

Traurig sei dieser Ort, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, verstörend der Gedanke, dass man – ohne es verhindern zu können – zwangsläufig über Gräber laufe. Insbesondere mit dem Wissen um die historischen Hintergründe: Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurden Hunderttausende Rotarmisten als Kriegsgefangene nach Deutschland deportiert und in sogenannten "Russenlagern" eingesperrt. Die Behandlung der Kriegsgefangenen war – entgegen allen internationalen Abkommen – unmenschlich: Die meisten Gefangenen starben an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Sie wurden in Massengräbern verscharrt – ohne Kennzeichnung der Grablage, ohne Nennung ihrer Namen, noch im Tode jeder Menschenwürde beraubt.  

Nachdem die jungen Menschen diese und weitere Informationen erfuhren und dabei auch die Gelegenheit hatten, den Ort selbst kennenzulernen, machten sie sich im zweiten Teil des Projekttages mit Elan daran, ein Zeichen der Erinnerung zu setzen: Unter Anleitung der Bildungsreferentin des Landesverbandes fertigten sie Tonziegel an, die Auskunft über Name, Geburts- sowie Todesdatum je eines Kriegsgefangenen geben. In Ermangelung einer Grabkennzeichnung sollen diese Namensziegel auf der Kriegsgräberstätte befestigt werden und den Toten symbolisch ihre Identität und ihre Würde zurückgeben.  

Anhand von Personalkarten näherten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer je einem persönlichen Schicksal. Sie erfuhren u.a. Name und Geburtsdaten, konnten nachvollziehen, wann und wo „ihr“ Soldat in Gefangenschaft geriet, wo er zur Zwangsarbeit eingesetzt wurde und wann und woran er starb.

Eigentlich seien diese Informationen sehr trocken und formal und gäben nur wenig Auskunft über den Menschen, so Giulia aus Italien. „Ein Mensch ist viel mehr als nur sein Name“, meint auch Silvia. Wenn man aber bedenke, dass dies alles ist, was heute überhaupt über die Kriegsgefangenen bekannt ist, sei dies vor allem traurig, darin sind sich die Schwestern einig.

Giulia, Silvia und Florin sowie die übrigen 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen gemeinsam mit dem Landesverband zumindest diese formalen Daten der Kriegstoten in Klein-Zimmern sichtbar machen: Am 03. August werden die ersten 27 Namensziegel in einer von den jungen Leuten gestalteten Gedenkzeremonie niedergelegt und symbolisch an die Gemeinde übergeben werden. Interessierte sind hierzu herzlich eingeladen.

Nähere Informationen zur Veranstaltung und zum Projekt "Wir schreiben Eure Namen" erhalten Sie über die Landesgeschäftsstelle.