Erinnerungskultur ist mehr als nur Geschichte

Museum Karlshorst: Erinnerung an Stalingrad

12. Februar 2018

Die Podiumsdiskussion im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst befasste sich mit den durchaus unterschiedlichen Erinnerungskulturen zur Schlacht von Stalingrad. (Foto: Deutsch-Russisches Museum Karlshorst)

Die Podiumsdiskussion „Erinnerung an Stalingrad“ bildete den Abschluss der gemeinsamen Kooperationsreihe STALINGRAD-REFLEXE von

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. www.asf-ev.de  

Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst www.museum-karlshorst.de  

Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« www.stiftung-evz.de  

Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. www.gegen-vergessen.de  

Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas www.stiftung-denkmal.de  

und Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. www.volksbund.de

In einer Film- und Gesprächsreihe wurde der mythisch aufgeladene Erinnerungstopos Stalingrad aus wissenschaftlicher wie künstlerischer Perspektive aus beiden Ländern neu in den Blick genommen.

Mehr als Vater Rhein und Mutter Wolga

Erinnerungskultur ist auch mehr als „Vater Rhein und Mutter Wolga“. So fasste Kai Gruner, Lehrer an der Europaschule Köln seine Erfahrungen zusammen, die er als Organisator eines Schüleraustauschs mit der Partnerstadt Wolgograd vor Ort machte. Auch die Schülerinnen und Schüler empfanden das so. Es ging um viel mehr als nur darum, zwei Millionenstädte, die an einem großen Fluss liegen zu vergleichen. Denn die erbitterte Schlacht vor 75 Jahren prägt bis heute nicht nur das Stadtbild Wolgograds mit vielen Neubauten, Denkmälern und eindrücklichen Kriegsgräberstätten, sondern auch die Erinnerungen in den Familien.

Wie tief das Thema Stalingrad im Bewusstsein der russischen Bevölkerung verankert ist, wurde bei der gut besuchten Veranstaltung „Erinnern an Stalingrad“ am 8. Februar im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst gleich mehrfach deutlich. Der 2. Februar war in diesem Jahr nicht nur ein arbeitsfreier Tag in Wolgograd, sondern ein Feiertag für die Stadt und letztlich auch für die Nation. Mitten in der Stadt fand unter dem Jubel der Bevölkerung eine große Militärparade statt, der Oberbürgermeister der Stadt Wolgograd gab einen großen internationalen Empfang, zur Festveranstaltung in der Philharmonie sprach Präsident Putin über die Bedeutung von Stalingrad für ganz Russland.

Anton Artamonov, ehemaliger Freiwilliger im Programm der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. in Deutschland, ist Mitarbeiter im Panorama-Museum Wolgograd. Seit 13 Jahren initiiert der junge Mann alljährlich ein ‚Reenactment‘ (Nachstellung konkreter geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Weise) der Verhaftung von Generalfeldmarschall Paulus in dessen ehemaligem Hauptquartier, einem Kaufhaus, das damals wie heute den Namen „Univermag“ trägt.

600 Zuschauer seien insgesamt auch diesmal dabei gewesen. Ein großer Zuspruch, denn mehr Menschen erlaubten die engen Räumlichkeiten vor Ort nicht, so Artamonov.

Olga Chervinskaya wissenschaftliche Referentin des Museumkomplexes „Stalingrader Schlacht“, zu dem auch das Panorama-Museum zählt, illustrierte in ihrem Beitrag u.a. mit Fotos der diesjährigen Veranstaltungen in Wolgograd die Dimensionen des Gedenkens vor Ort.

Verschiedene Erinnerungskulturen

Der Kontrast zu Deutschland ist groß. Selbst in Großstädten mit Verbindungen zu Wolgograd wie Berlin und Köln war das Thema ‚75 Jahre Ende der Schlacht um Stalingrad‘ wenig wahrnehmbar. Ausnahmen bildeten diese Veranstaltungsreihe in Berlin oder eine Diskussion im Kölner NS-Dokumentationszentrum. Dabei ergeben sich nicht nur aus der Erfahrung zerbombter Städte, sondern auch durch die Biografien hunderttausender Soldaten und Kriegsgefangener auf beiden Seiten sowie sowjetischer Zwangsarbeiter viele Verbindungen nach Deutschland.

Dr. Torsten Diedrich vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam und Autor des Buches "Paulus - Das Trauma von Stalingrad: Eine Biographie“ erläuterte, dass auch jeweils politisch aufgeladene aber gegenläufige Deutungen zu Stalingrad sowohl in der alten Bundesrepublik als auch der DDR letztlich im erinnerungskulturellen Bewusstsein der Deutschen keine starke Erinnerung an Stalingrad entstehen ließen. Kriegsverbrechen, Niederlage und Kriegsgefangenschaft – zu ambivalent und sperrig waren die Ereignisse.

Militaristisch-triviale Popkultur versus Gedenken

Bei der anschließenden lebhaften Diskussion kamen aus dem Publikum noch viele interessante Beiträge. Erschreckend war der Hinweis auf die „Dunkeloase Videospiele“, dass Stalingrad auch heute noch – ahistorisch(!) – die Vorlage für Videospiele liefert, in denen Deutsche und Russen gegeneinander kämpfen.

Im Gegensatz zu einer solch militaristisch-popkulturellen Trivialisierung steht ein eindrucksvoller Erinnerungsort: Der gemeinsame deutsch-russische Friedhof in Rossoschka, den der Volksbund betreut und seit 25 Jahren dort die Idee der Versöhnung über den Gräbern pflegt. Kai Gruner nannte in diesem Zusammenhang die großen V: Verzeihen, Versöhnen, Verstehen, Vertrauen und letztlich Vergessen nie!

Lesen Sie hierzu auch den Bericht über das gemeinsame deutsch-russische Gedenken zum 75. Jahrestag der Schlacht um Stalingrad.

Text: Thomas Rey
Redaktion: Matteo Schürenberg und Diane Tempel-Bornett