Erinnerungskulturen im Gespräch

Rumänien im Blickfeld

31. Januar 2017

Volksbund-Vorstandsmitglied Wolfgang Wieland begrüßt die Gäste der Berliner Veranstaltungsreihe zur Erinnerungskultur. Diesmal stand die wechselvolle Geschichte Rumäniens im Mittelpunkt des Interesses. (Fotos: Ladan Rezaeian)

Geschichtswahrnehmung und kollektive Erinnerung sind auch in Zeiten europäischer Kooperation noch immer häufig national geprägt. Um die europäischen Nachbarländer zu verstehen, ist es notwendig, die jeweilige nationale Sicht kennenzulernen und einen Dialog anzustreben. Dies ist die Idee hinter der Reihe „Erinnerungskulturen im Gespräch“. Nach der Ukraine rückte nun Rumänien ins Blickfeld der Diskussion.

Der rumänische Botschafter Emil Hurezeanu sowie Wolfgang Wieland vom Bundesvorstand des Volksbundes begrüßten dabei gemeinsam die über 100 Zuhörer in den Räumen der rumänischen Botschaft in Berlin. In seinem einleitenden Grußwort ging Wieland zunächst auf den Erinnerungsdiskurs in Deutschland ein, und insbesondere auf jüngere, gefährliche Forderungen von Rechtpopulisten nach einer „Kehrtwende in der Erinnerungspolitik“. Der Volksbund begreife sich selbst als „Teil mahnender Erinnerungskultur“. Zudem erinnerte Wieland die Anwesenden daran, dass der Volksbund bereits 1984, also noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, die Pflege von Kriegsgräbern in Rumänien übernommen habe. „In Rumänien befinden sich mehr Gräber gefallener deutscher Soldaten des Ersten Weltkrieges als des Zweiten Weltkrieges“, erinnerte er an eine wichtige Facette der deutschen Erinnerungskultur.

Vier Phasen in der rumänischen Geschichte

Den ersten Impulsvortrag lieferte PD Dr. Mariana Hausleitner mit einem kurzen Abriss zur Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert. Die Historikerin unterschied hierbei vier zeitliche Phasen. Der Erste Weltkrieg sei „positiv wahrgenommen“ worden, da er durch den Vertrag von Trianon zu einer Verdoppelung des Staatsgebietes geführt habe; doch im Verlauf des Zweiten Weltkrieges verlor Rumänien Bessarabien und die Nordbukowina zunächst an die Sowjetunion.

An der Seite Deutschlands erhielt Rumänien die verlorenen Gebiete zurück und „zudem ein eigenes Besatzungsgebiet, Transnistrien“. Dort starben während des Regimes von Ion Antonescu („Staatsführer“ von 1940-1944) Zehntausende Juden an Hunger und Krankheiten oder wurden ermordet. „In der dritten Phase beeinflussten sowjetische Berater die Entwicklung Rumäniens besonders stark“, so Hausleitner weiter. Insbesondere ab 1947 seien politische Gegner verhaftet und in Gefängnisse gebracht worden; gleichzeitig stiegen die Mitgliedszahlen der Kommunistischen Partei binnen weniger Monate auf eine Million. Proteste in der Bevölkerung führten schließlich 1989 zum Sturz des Regimes. Bis 2004 leugnete die Mehrheit der rumänischen Historiker eine Mitbeteiligung am Massenmord an den rumänischen Juden und Roma in Transnistrien. Mit der Annäherung an EU und Nato setzte auch hier ein Wandel ein.

Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit

Der Theologe Prof. Dr. Radu Preda ging in seinem Vortrag vor allem auf die Schwierigkeiten in der Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ein. „Aussöhnung mit der eigenen Geschichte braucht Zeit“, begann Preda, seit 2014 Präsident des „Instituts für die Aufklärung der Verbrechen des Kommunismus und das Gedenken an das rumänische Exil“ (IICCMER). Zwar seien die Verbrechen 2006 „in einem politischen Akt“ verurteilt worden, aber de facto sei seitdem wenig geschehen. Zentrale Anliegen des IICCMER seien daher „ein Paradigmenwechsel“ zwischen privater und öffentlicher Aufarbeitung der Verbrechen und die Errichtung eines „Museums der kommunistischen Verbrechen“, für das jedoch noch kein Standort gefunden sei.

Podiumsdiskussion

Die anschließende Kontroverse zwischen den beiden Experten wurde moderiert von Helmuth Frauendorfer, Schriftsteller, Journalist und zugleich stellvertretender Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Einen wichtigen Punkt traf Mariana Hausleitner mit ihrer Feststellung, die kommunistische Ära in Rumänien würde vor allem „als Fremdherrschaft“ wahrgenommen. „Das ist ein Problem, denn es gab ja viele Leute, die mitgemacht haben.“

Zudem gehöre zu einer kritischen Erinnerungskultur auch, Heldenbilder aus der Vergangenheit zu reflektieren und danach zu fragen, was sie vor der Phase des Kommunismus gemacht hätten. Als Beispiel, um das sich eine kleine Debatte entbrannte, nannte sie einen Finanzminister, der unter Antonescu die Ausbeutung der jüdischen Bevölkerung vorangetrieben hätte, und nach dem heute Schulen und Straßen benannt seien. Detaillierte Fragen aus dem Publikum richteten sich auf weitere Facetten der deutsch-rumänischen Erinnerungskultur, wie die Wahrnehmung der Schlacht bei Kishinew 1944 („Schlacht an der Pruth“), während der die rumänische Armee die Seiten wechselte und eine der größten militärischen Niederlagen der Wehrmacht, die in der Zwischenzeit weitestgehend in Vergessenheit versunken sei.

Die große Teilnehmerzahl, die vielen Wortmeldungen und die positive Resonanz auf die ausgebuchte Veranstaltung zeigen, dass das Interesse an den verschiedenen nationalen Diskursen der europäischen Nachbarländer ungebrochen hoch ist.

Nadja Grintzewitsch

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