Ein Ort des Schreckens wird zum Symbol der Freundschaft

Das Historial auf dem Hartmannsweilerkopf-Museum wurde am 10. November von beiden deutschen und französischen Staatsoberhäuptern eingeweiht

10. November 2017

Das neue Historial am historischen Schlachtfeld des Hartmannsweilerkopfes ist ein gemeinsames deutsch-französisches Erinnerungsprojekt zum Ersten Weltkrieg. Es öffnet heute seine Tore in die Vergangenheit. (Grafiken: www.memorial-hwk.eu, Fotos: Diane Tempel-Bornett)

Am Ende des Textes finden Sie eine Fotostrecke mit acht Aufnahmen.

Der idyllisch gelegene Berg war 1915 Schauplatz eines sinnlosen Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg. Etwa 30.000 deutsche und französische Soldaten verloren dort ihr Leben. Noch heute ist die Landschaft durch die Spuren der Schlachten, durch Schützengräben und Granattrichter geprägt. 100 Jahre später soll eine gemeinsame deutsch-französische Gedenkstätte an die Schrecken des Krieges erinnern und zum Frieden mahnen. Mehr noch – sie zeigt, wie aus den einstigen „Erbfeinden“ Freunde wurden. Drei Jahre zuvor hatten der damalige Staatspräsident François Hollande und der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck den Grundstein dafür gelegt.

Lernen aus den Tragödien der Geschichte

Zur feierlichen Einweihung des neu geschaffenen „Historial franco-allemand du Hartmannswillerkopf“ durch die beiden Staatspräsidenten Emmanuel Macron und Dr. Frank-Walter Steinmeier waren zahlreiche Gäste geladen.

Das Lernen aus der Geschichte ist auch ein Arbeitsschwerpunkt des Volksbundes, der an diesem deutsch-französischen Gemeinschaftswerk beteiligt war. Vor Ort war er durch seinen Präsidenten Wolfgang Schneiderhan, Generalsekretärin Daniela Schily, seinen stellvertretenden Präsidenten Richard Reisinger, den saarländischen Landesvorsitzenden Werner Hillen und den eng mit dem Projekt verbundene Volksbund-Landesgeschäftsführer Dr. Martin Lunitz vertreten.

„Dieses Historial ist ebenso beeindruckend wie beispielhaft – in der Gestaltung und in seinem Ansinnen“, erklärte Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan. „Wir müssen aus der Geschichte lernen und die Ursachen für Gewalt und Krieg erkennen. Und mangelnder Respekt gegenüber anderen Menschen und Nationen ist eine Wurzel des Übels.“

Nicht der Berg ist ein Menschenfresser

Bei der Eröffnung betonten beide Staatsoberhäupter die Relevanz einer gemeinsamen Erinnerung – einer gemeinsamen Lesart der Geschichte. Geschichte ist nichts, das der Vergangenheit angehört – im Gegenteil. „Wir erinnern, weil jede Generation für sich aufs Neue erlernen muss, die Idee der Nation von der Ideologie des Nationalismus zu unterscheiden.“ Und mit Anspielung auf den Namen „Menschenfresserberg“, wie der Hartmannsweiler Kopf auch genannt wurde, betonte Steinmeier: Nicht der Berg ist ein Menschenfresser – der Nationalismus ist ein Menschenfresser.“

Das Erbe beider Weltkriege waren Millionen Tote, Verwundete, zerstörte Lebensläufe und Familien. Aber auch die Idee von einer Staatengemeinschaft. „Europa! Dieses Europa, die in Frieden vereinte Europäische Union, ist die Antwort auf die Verheerungen zweiter Weltkriege“ erklärte Steinmeier weiter. Emmanuel Macron illustrierte Europa in seiner darauffolgenden Rede als „kostbares Geschenk, als Schatz, dessen Zerbrechlichkeit uns nicht immer klar ist…“

Zum Hintergrund des Historials:

Das neue Historial am Hartmannsweiler Kopf ist ein bisher einzigartiges deutsch-französisches Museum und Gedenkzentrum auf einem authentischen Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges. Es dokumentiert die verbissenen und verlustreichen Kämpfe, die sich Deutsche und Franzosen damals auf den Vogesenhöhen lieferten, insbesondere die Kämpfe um den Besitz des Hartmannsweilerkopfes.

Das Historial ist in vier Bereiche gegliedert: Im Begrüßungsbereich wird dem Besucher zunächst in einem einführenden Kurzfilm die Situation im „Reichsland Elsass-Lothringen“ vor 1914 erklärt, das seit 1871 Teil des Deutschen Reiches war. Ferner werden in prägnanten Bildern jene die damalige Politik der europäischen Mächte bestimmenden Komponenten angeführt, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führten.

Ausgehend von dieser globalen Sicht nimmt die mit dem zweiten Bereich beginnende ständige Ausstellung das lokale Geschehen in den Fokus. Großflächige Displays mit Texttafeln in französischer und deutscher Sprache zeigen die Front in den Vogesen und leiten über zum dritten Bereich, der die besonderen Bedingungen einer Mittelgebirgsfront illustriert. Im Mittelpunkt der Darstellung steht das alltägliche Leben und Sterben des einfachen Soldaten, ob Franzose oder Deutscher, am Hartmannsweilerkopf, den die Soldaten den „Menschenfresserberg“ nannten.

Die Ausstellungsbereiche werden durch Dokumente und Objekte aus dem Ersten Weltkrieg, aber vor allem durch audiovisuelle und szeno-graphische Darstellungen publikumswirksam vermittelt. Hervorzuheben ist die Darstellungsweise im „Tambour“, einem geschlossenen zylindrischen Raum im Zentrum des Historials, an dessen Innenwand das Geschehen und die Wirkung der Waffen auf dem Schlachtfeld als Film projiziert werden – und so den Betrachter mitten in die Ereignisse hineinstellt. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Stimmen eines französischen und eines deutschen Sprechers, die abwechselnd Erlebnisberichte der jeweiligen Soldaten wiedergeben.

Der vierte Ausstellungsbereich ist der praktischen Gedenkarbeit am Hartmannsweilerkopf im Rahmen der sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelnden deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft gewidmet.

Ein französisch-deutscher Erinnerungsort

Die Verluste am Hartmannsweiler Kopf beliefen sich auf beiden Seiten auf weit über 30.000 Mann. Nach neuesten Erkenntnissen dürften dort während des Ersten Weltkriegs ab Dezember 1914, insbesondere aber im Jahre 1915 und im Winter 1915/16 etwa 15.000 deutsche und französische Soldaten ums Leben gekommen sein. Die deutschen Kriegstoten ruhen jedoch nicht auf dem Berg selbst, sondern größtenteils auf den Kriegsgräberstätten Cernay und Guébwiller (Département Haut-Rhin), wohin sie der französische Gräberdienst in den 1920er-Jahren umgebettet hatte. Der Hartmannsweilerkopf zählt zu den vier großen nationalen Monumenten des Ersten Weltkrieges in Frankreich, neben dem Fort Douaumont (Meuse), Dormans (Marne) und Notre-Dame-de-Lorette (Artois).

Zwar hat der Hartmannsweilerkopf in der kollektiven Erinnerung der Deutschen an den Ersten Weltkrieg nicht die Bedeutung erlangt wie beispielsweise Verdun, doch am Oberrhein und im Südwesten Deutschlands ist sein Name bekannt und gleichbedeutend mit dem sinnlosen Massensterben im Stellungskrieg in den Vogesen, wo auf beiden Seiten für ein paar Meter Geländegewinn Hunderte von Soldaten sinnlos geopfert wurden.

Jedes Jahr kommen rund 250.000 Besucher auf den HWK, davon etwa 60 Prozent Deutsche. Jahrzehnte lang bedauerten viele, dass die französische Gedenkstätte ausschließlich an die französischen Gefallenen erinnerte, für die deutschen Gefallenen jedoch jegliches Zeichen des Gedenkens und der Erinnerung fehlte. Auch die Beschilderung an markanten Punkten des ehemaligen Schlachtfelds war ausschließlich französischsprachig.

Dies sollte sich ändern, als im Jahre 2008 das für das französische Monument verantwortliche ‘Comité du Monument National du Hartmannswillerkopf‘ in Colmar den Entschluss zu einem ambitionierten Projekt fasste:

Die Aufwertung und Ausgestaltung des Hartmannsweiler Kopfes zu einem auch für Touristen attraktiven Erinnerungsort des Ersten Weltkriegs. Zur Verwirklichung dieses Vorhabens im Rahmen eines durch die Europäische Union geförderten grenzüberschreitenden Projekts trat das Comité an den Landesverband Baden-Württemberg des Volksbundes heran, mit der Bitte um Mitwirkung als deutsche Partnerorganisation. Mit dieser seit 2008 währenden Partnerschaft fand in zunehmendem Maße auch das deutsche Anliegen Eingang in das Gesamtprojekt, das sich aus drei Einzelprojekten zusammensetzte:

1.) Grundsanierung und Renovierung des „Monument Nation

al“ des Ersten Weltkrieges samt Krypta, mit finanzieller Beteiligung des Volksbundes. Die Gesamtkosten betrugen etwa 2,35 Millionen Euro, auch der Volksbund beteiligte sich mit 325.000 Euro an der Finanzierung dieses Projektes. Da sich in der Krypta unter einem auf dem Boden liegenden großen Bronzeschild von circa sechs Meter Durchmesser die Gebeine unbekannter, später auf dem Schlachtfeld aufgefundener deutscher und französischer Gefallener befinden, entspricht diese finanzielle Beteiligung der Satzung und der Aufgabe des Volksbundes: Erhaltung der Kriegsgräber sowie Bewahrung der Erinnerung und des Gedenkens an die Kriegstoten. Das Sanierungsprojekt war im Herbst 2012 abgeschlossen.

2.) Anlage eines gesicherten Rundwegs mit insgesamt 40 erklärenden Tafeln in Französisch, Deutsch und Englisch über das ehemalige Schlachtfeld. Dieses projekt wurde bereits im Juli 2014 abgeschlossen. Seither verzeichnen im Vestibül der Krypta vier Edelstahltafeln jene deutschen Heeresverbände, die in den Kämpfen um dem Berg eingesetzt waren und hohe Verluste zu beklagen hatten. Zudem weht am Beginn des von der Passstraße zum Monument führenden Fußweges, neben den Flaggen Frankreichs und Europas, nun auch die deutsche Flagge.

3.) Errichtung des ersten explizit Französisch-Deutschen "Historials" auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges in Frankreich, gewidmet der deutsch-französischen Freundschaft,

mit Empfangsbereich, Museumsshop, sanitären Einrichtungen, Selbstbedienungsrestaurant, Film-und Vortragssaal, durchgehend dreisprachige, ständige Ausstellung, zentraler begeh-barer „Tambour“ (geschlossener, zylindrischer Raum), in dessen Innerem die Kämpfe und das Leben der Soldaten in einem Mittelgebirgs-Krieg sowohl aus französischer als auch deutscher Perspektive multimedial dem Besucher dargestellt und erläutert werden. Auch dies wurde mit dem heutigen Tag in hervorragender Weise umgesetzt.

"Tor in die Vergangenheit": Das Foto zeigt den eindrucksvoll gestalteten Eingangsbereich zu den Ausstellungsräumen des deutsch-französischen Historials:

 

Hier lesen Sie die Rede des Bundespräsidenten Dr. Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Offiziellen Einweihung des deutsche-Französischen Historials am Hartmannsweilerkopf.

 

 

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Vor der offiziellen Einweihung des Historials gedachten Dr. Frank-Walter Steinmer und Emmanuel Macron gemeinsam am "Alter des Vaterlandes" (Foto: Werner Hillen).

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Die beiden Staatspräsidenten wurden bei der Gedenkzeremonie am sogenannten "Menschenfresserberg" durch Jugendliche begleitet. (Foto: Werner Hillen)

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Deutschland und Frankreich zählen als "Motor Europas". Der Bundespräsident Steinmeier und sein französischer Amtskollege Macron wollen diese Tradition fortführen. (Foto: Werner Hillen)

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Die Grundsteinlegung erfolgte bereits vor drei Jahren, der Baubeginn im vergangenen Jahr - und am 10. November 2017 die offizielle Einweihung des Historial am "Berg des Todes". (Foto: Werner Hillen)

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Steinmeier nahm das Treffen in den Vogesen zugleich zum Anlass, die neuen Ideen und Vorschläge Macrons zur Weiterentwicklung der Euorpäischen Union zu loben. (Foto: Diane Tempel-Bornett)

Neues Historial am Hartmannsweilerkopf eingeweiht

Im Gespräch: Bundespräsident Steinmeier, Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan, Generalsekretärin Daniela Schily und Vize-Präsident Richard Reisinger. (von links, Foto: Diane Tempel-Bornett)