Neue Gräber, alte Friedhöfe

Über die Arbeit der Volksbund-Umbetter

13. November 2017

Zu den schwierigsten Berufen überhaupt zählt die Arbeit der Volksbund-Umbetter. So wie hier im Stadtpark der russischen Stadt Orjol sorgen sie oftmals unter schwierigtsen Bedingungen dafür, dass die Toten der Weltkriege ein würdiges Grab bekommen. (Fotos: Volksbund-Umbettungsdienst)

Kurz vor dem Volkstrauertag am 19. November lohnt sich ein Blick auf die Arbeit der Umbetter. Die erfahrenen Kollegen arbeiten in zahlreichen Ländern bis heute daran, auch die letzten Kriegstoten aus unwürdigen Grablagen auszubetten – und auf eine der 833 deutschen Kriegsgräberstätten zu überführen. So geschieht es aktuell auch im russischen Orjol (Orel), wo ein Friedhof des Zweiten Weltkrieges beinahe unbeachtet mitten in einem heute bewaldeten Stadtpark lag. Allein dort werden die Gebeine von bis zu 3.300 Kriegstoten vermutet. Währenddessen muss andernorts im lettischen Cesis ein Friedhof geschlossen werden. Ein Arbeitsbericht des Umbettungsdienstes:

Eigentlich – so könnte man denken – ist ein Friedhof für die Ewigkeit geschaffen. Doch so ist es nicht. Wer schon einmal damit zu tun hatte, weiß, dass beispielsweise auch der Erhalt der Gräber auf den Gemeindefriedhöfen ohne eigenes, vor allem finanzielles Zutun nicht unbegrenzt gewährleistet bleibt. Bei den Kriegstoten ist dies allerdings grundsätzlich anders. In den Kriegsgräberabkommen, die der deutsche Staat inzwischen mit 46 Ländern Europas sowie Nordafrikas abgeschlossen hat, ist ihr ewiges Ruherecht verbrieft. Das bedeutet, dass der vom deutschen Staat in dieser Angelegenheit betraute Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Pflege dieser Kriegsgräberstätten auch in Zukunft gewährleisten muss.


Das Foto zeigt die Ausbettungsarbeiten auf dem Gemeindefriedhof in Cesis/Lettland.

Neue letzte Ruhestätte in Riga

Doch manchmal liegen diese Gräber weit abseits in schwer zu erreichenden Gegenden oder werden – wie im Falle von Cesis – häufig durch Vandalismus bedroht. So kommt es manchmal vor, dass der Volksbund solche Grabstätten auflöst. Zuvor werden die Gebeine der Kriegstoten sorgfältig ausgebettet, registriert und anschließend auf einen der neuen Sammelfriedhöfe des Volksbundes umgebettet.

Letzte Ruhestätte: Die lettischen Kollegen des Umbettungsdienstes bereiten die Einbettung auf der Kriegsgräberstätte Riga-Beberbeki vor.

So geschah es auch im lettischen Cesis, worüber auch die Angehörigen vorab informiert wurden. Seit dem 1. November 2017 ruhen die Kriegstoten von Cesis nun in Block 12 der deutschen Kriegsgräberstätte Riga-Beberbeki. Ihr ewiges Ruherecht, das zugleich die Basis für die fortdauernde Erinnerung an diese Zeit von Krieg und Gewaltherrschaft darstellt, bleibt somit durch die gute Arbeit des Volksbund-Umbettungsdienstes gewahrt.

3.300 Gräber im Stadtpark von Orjol

Dass dieses ewige Ruherecht auch den Toten aus dem Stadtpark Pobedy in der russischen Gebietshauptstadt Orjol (Orel) zuteil wird, daran arbeiten die Volksbund-Umbetter aktuell in der Russischen Föderation. Dabei handelt es sich um eine Grablage, die aufgrund fehlender Genehmigungen seitens der russischen Behörden zunächst nicht ausgebettet werden durfte. Inzwischen sind diese Genehmigungen aber offiziell erteilt worden. Nach mehrtägigen Sondierungsarbeiten in der waldähnlichen Parkzone nahm der Umbettungsdienst Russland schließlich seine Arbeit auf. Es war ein großer Erfolg.

Schnell stellte sich heraus, dass es sich hierbei um eine wirklich bedeutende Friedhofsanlage handelte. Mittlerweile sind die schwierigen Arbeiten in Orjol abgeschlossen. Insgesamt 1.623 Tote konnten geborgen werden, manche sogar mitsamt der für die spätere Identifizierung so bedeutsamen Erkennungsmarke. „Wir haben ungefähr eine Identifizierungsquote von 60 Prozent erreicht. Dies ist ein wirklich gutes Ergebnis – und eventuell wird es durch die Nachforschungen des Gräbernachweises in Kassel auch noch weitere Identifizierungen geben“, sagte der vor Ort verantwortliche Volksbund-Mitarbeiter Peter Lindau. Die geborgenen Toten werden nach vollständiger Protokollierung in Kürze auf die große Kriegsgräberstätte in Kursk-Besedino überführt. Anschließend sollen als Ausgleichsmaßnahme für die im Stadtpark verursachten Schäden auf Vorschlag des Umbettungs-Teams um Peter Lindau vor Ort ein oder zwei neue Kinderspielplätze durch den Volksbund beziehungsweise durch die Spenden seiner Förderer entstehen. Eine schöne Idee.

Bei Wind und Wetter

Alle Kriegstoten von Orjol wird man wohl nicht mehr bergen können, da einige Gräber bereits in der frühen Nachkriegszeit zerstört wurden. Weitere Grabstellen sind zudem durch große Bäume überwachsen, welche die Bergung der Gebeine aus dem dichten Wurzelwerk nahezu unmöglich macht. Versucht wird es trotzdem – und das unter unangenehmsten Bedingungen. Weit draußen abseits der gepflasterten Straßen müssen die Mitarbeiter des Umbettungsdienstes bei Wind und Wetter nach dem Einsatz größerer Maschinen letztlich doch zur Handarbeit übergehen, wenn es gelingen soll, die Gebeine vollständig und würdevoll auf einen der Sammelfriedhöfe des Volksbundes zu überführen.

Manchmal helfen auch Fundstücke wie dieser gut erhaltene Grabzettel dabei, die Kriegstoten zu identifizieren – und ihnen so ihre Namen zurückzugeben.

Genau darin sind die Kollegen des Volksbund-Umbettungsdienstes echte Experten. Dank ihnen wurde in diesem Jahr übrigens auch der insgesamt 900 000. Kriegstote bestattet, den der Volksbund nach dem Mauerfall in Osteuropa geborgen hat. Auch das war eine wirklich großartige Leistung. Ein herzliches Dankeschön auch im Namen aller Angehörigen an die Kolleginnen und Kollegen des Umbettungsdienstes.

Wenn Sie dieser Tage anlässlich des Volkstrauertages im In- und Ausland wieder vor den Gräbern einer Kriegsgräberstätte stehen, sollten sie neben dem Gedenken für die Opfer der Kriege auch einen kurzen Augenblick den Umbettern des Volksbundes widmen, den Menschen, die sehr viel dazu beigetragen haben, dass es solche Kriegsgräberstätten als Orte der Erinnerung überhaupt gibt. Das wäre wirklich schön – und sicher eine weitere Motivation für diese so schwierige und zugleich überaus wichtige Aufgabe des Volksbund-Umbettungsdienstes.

Maurice Bonkat