Spuren der Erinnerung

Deutsch-belarussische Jugendbegegnung

30. August 2017

Das Foto zeigt die Teilnehmenden des Traditions-Workcamps Federsee an der ersten Station ihrer langen Reise in Tomaschowka, einem kleinen Ort nahe der polnisch-ukrainischen Grenze. (Fotos: Klaus Knoll)

Am 6. August machte sich das „Jugendlager Federsee“ mit dem Bus auf die lange Reise vom oberschwäbischen Bad Buchau nach Minsk. Es war ein ganz besonderes Projekt, das durch Deutschland, Polen und Belarus führte. Insgesamt 25 Teilnehmende aus Deutschland, Belarus und auch ein junger Franzose nahmen daran teil. Eine so lange Busreise ist sicher nicht alltäglich – und dennoch erlebt man so die bereisten Länder viel authentischer und auch intensiver als bei Flugreisen. Die Ein- und Ausreise an der EU-Außengrenze war für alle westlichen Teilnehmenden ebenfalls eine besondere Erfahrung. Viele mussten erkennen, dass Reisefreiheit keine Selbstverständlichkeit, sondern für viele ein großes Privileg ist.  

Arbeitseinsatz in Tomaschowka bei Brest

Ziel der ersten Etappe der Reise war der kleine Ort Tomaschowka direkt an der polnisch-ukrainischen Grenze. Im Ortszentrum liegt der etwa 0,7 Hektar große internationale Soldatenfriedhof des Ersten Weltkriegs, auf dem Gefallene aus dem deutschen Kaiserreich, dem russischen Zarenreich und aus der Harbsburger Doppelmonarchie liegen. Den zentralen Mittelpunkt bildet ein etwa acht Meter hohes aus Ziegelsteinen gemauertes Denkmal. Dessen in die Jahre gekommenes Fundament musste grundlegend überarbeitet werden. Es war eine Arbeit, die in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung Bau des Volksbundes und der zuständigen Pflegefirma in Minsk von langer Hand vorbereitet wurde. In nur vier Tagen wurden die losen Steine entfernt, Moos und Pflanzen beseitigt, ein neues Fundament gegossen, große Löcher geschlossen und eine neue Treppe gebaut. Auf der restlichen Anlage sowie dem benachbarten Ehrenmal aus sowjetischen Zeiten wurden zudem viele Pflegearbeiten geleistet. „Den Jugendlichen ist es wichtig, etwas Bleibendes, Nachhaltiges und damit Spuren der Erinnerung mit ihrer Arbeit auf den Friedhöfen zu hinterlassen. Mit dem anspruchsvollen Arbeitsaufträgen in Tomaschowka konnten sich die Teilnehmen bei Maler- und Maurerarbeiten oder der gärtnerischen Pflege mit ihren individuellen Erfahrungen und Kenntnissen hervorragend einbringen. Das Ergebnis der wenigen Tage ist hervorragend und spricht für sich selbst“, zog Florian Geiger, der die Arbeitsaufgaben der Gruppe koordinierte, eine sehr positive Bilanz.

Band der Nationen

Das Engagement der Jugendlichen aus Deutschland und Belarus blieb nicht unbeachtet: Zur Gedenkveranstaltung am sowjetischen Mahnmal und auf dem internationalen Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges kamen der stellvertretende Vorsitzende der Kreisverwaltung Brest, Pawel Volynets, sowie die Vorsitzende der Gemeindeverwaltung, Elena Iwanowa, mit der belarussischen Presse und dem Fernsehen.

Bei der von der Gruppe gestalteten Gedenkfeier trugen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch persönliche Aussagen zum Thema Frieden vor, die zuvor gemeinsam erarbeitet worden waren. Der Beitrag von Marvin Motzet, „Frieden bedeutet für mich, wenn frühere Feinde – trotz der schrecklichen gemeinsamen Vergangenheit – miteinander feiern“, passte nicht nur für die Gedenkfeier, sondern kann als Motto für die gemeinsam verbrachte Zeit in Belarus stehen.

Pawel Volynets ergänzte als Ehrengast der Veranstaltung am sogenannten „Band der Nationen“ des Jugendlagers Federsee die belarussische Flagge. Dieses Band der Nationen ist ein Zeichen für die völkerübergreifende Freundschaft und Verbundenheit in Europa. Es enthält die Flaggen aller Länder, in denen das Jugendlager Federsee in seiner über 50-jährigen Geschichte bisher für den Volksbund im Einsatz war. „Anlass für jeden Besuch unserer Gruppe in all diesen Ländern waren immer Soldatenfriedhöfe, auf denen wir gearbeitet haben“, berichtet Klaus Knoll, der Leiter der Jugendbegegnung, und ergänzt: „Soldatenfriedhöfe sind an sich Zeugnisse einer furchtbaren Vergangenheit, Orte des Schmerzes, der Trauer und des Gedenkens. Trotz dieses ernsten Hintergrundes wurden diese Orte für uns aber immer Ausgangspunkt für viele wunderbare Begegnungen, Freundschaften und Erlebnisse. Es freut mich sehr, dass sich Belarus in diese lange Kette eingereiht hat.“

Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Jugendlager Federsee war der Aufenthalt in Tomaschowka ein gelungener Auftakt zur Reise nach Belarus, denn wer ein Land wirklich kennen lernen will, der sollte die Regionen fernab der Hauptstadt und der Touristenmagnete besuchen. Bleibenden Eindruck hinterließ auch der Besuch der nahe gelegenen Stadt Brest und der zur Gedenkstätte ausgebauten Festung von Brest.

Jugendlager Federsee - von 1962 bis heute  

Soweit die jüngste Reise des Jugendlagers Federsee, das bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken kann. Denn bereits seit 1962 ist das Jugendlager Federsee für den Volksbund im Einsatz – anfangs primär in Frankreich, den Niederlanden, Italien und Österreich. Neue Ziele erschlossen sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Ungarn, der Slowakischen Republik, Slowenien, Polen, Rumänien, Lettland, Litauen, Russland und in diesem Jahr in Belarus.  

Junge Menschen aus der oberschwäbischen Region und interessierte junge Menschen bundesweit nehmen inzwischen an diesen jährlich wechselnden anspruchsvollen Projekten teil. Von Wolgograd bis zur Kanalinsel Guernsey, von Kopenhagen bis Pomezia bei Rom – in insgesamt 15 Ländern Europas hat die Jugendgruppe bereits mit ihrer praktischen Arbeit dazu beigetragen, Friedhöfe als Mahnmale für den Frieden zu erhalten. Bei der Arbeit am Kriegsgrab verinnerlichen junge Menschen den Wert des Friedens und der freiheitlich- demokratischen Grundwerte auf ganz persönliche und nachdrückliche Weise. Bei Gedenkstättenbesuchen, der Beschäftigung mit Einzelschicksalen, Exkursionen an historische Orte und Seminaren findet Bildungsarbeit statt, fast immer in einer bi-nationalen Gruppe. Das Jugendlager Federsee zeigt so wie kaum eine andere Gruppe des Volksbundes die Entwicklung seiner Jugendarbeit auf.

Minsk erleben

Die nächste Etappe führte die Jugendgruppe in die Hauptstadt Minsk. Untergebracht war die Gruppe sehr zentral in einem Hostel unmittelbar bei der „Insel der Tränen“. Von dort blickt man auf das Panorama der Großstadt Minsk mit dem im historischen Stil wieder aufgebauten Troizkoje-Viertel und moderner (post-)sozialistischer Wohnhausarchitektur. Bei ihrem interessanten Kultur und Freizeitprogramm lernten die jungen Menschen die unterschiedlichsten Facetten der Großstadt kennen. Sie genossen den Blick von der 74 Meter hohen Aussichtsplattform der Nationalbibliothek, machten eine Führung durch das Traktorenwerk, erkundeten die Innenstadt auf eigene Faust mit der U-Bahn und besichtigten das Museum des „Großen Vaterländischen Krieges“.

Besonders wichtig bei einer Jugendbegegnung sind die gemeinsam verbrachte Zeit und der Austausch untereinander, bei dem sich bei allen neuen und unterschiedlichen Erfahrungen, die die jungen Menschen machen, doch immer wieder zeigt, dass uns mehr verbindet als trennt. Auch für Johannes Schnebel stand dieser Austausch im Mittelpunkt der Jugendbegegnung: „Die Fahrt nach Belarus war für mich eine Reise in eine ganz neue Welt. Vieles dort wirkt sehr bekannt, wenn man aber einmal ein bisschen genauer hinschaut und sich mit den Leuten dort unterhält, bekommt man erst ein richtiges Bild vom Leben dort. Umso schöner war es, in den belarussischen Teilnehmern Freunde zu finden, die bald genauso Teil der Gruppe waren wie die aus Deutschland und Frankreich kommenden Teilnehmer“.

Der lange Weg der Versöhnung

Ein Besuch in Minsk wäre undenkbar ohne die direkte Auseinandersetzung mit der deutsch-belarussischen Vergangenheit. Wie kaum ein anderes Land hatte Belarus unter dem Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die UdSSR zu leiden. Als die Rote Armee im Sommer 1944 das Land befreite, fiel die Bilanz der deutschen Besatzungszeit verheerend aus. Fast ein Drittel der Bevölkerung war tot, über eine halbe Millionen Menschen jüdischen Glaubens des Landes und aus anderen Regionen Europas waren hier umgebracht worden. Sinnbildlich für diese Tragödien und das schwere Erbe stehen die Gedenkstätten Chatyn und Malyj Trostenez.

Malyj Trostenez, heute ein Vorort von Minsk, war zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1944 die größte Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. Erst 2008 begannen die Arbeiten zu einer umfassenden Gestaltung des Erinnerungsortes Trostenez. Im Juni 2015 wurde der erste Abschnitt eingeweiht. Eine Wanderausstellung - ein deutsch-belarussisches Pilotprojekt - dokumentiert die Geschichte und würdigt die Opfer. Bei der Eröffnung am 13. März diesen Jahres in Minsk war Herr Schneiderhan zugegen. Dabei betonte er in seiner Rede, wie wichtig die Jugend- und Bildungsarbeit des Volkbundes ist, „… um die nachkommende Generation mit der leidvollen deutsch-belarussischen Vergangenheit und der daraus erwachsenden Verantwortung vertraut zu machen“.  

Die 1969 eröffnete Gedenkstätte Chatyn ist die zentrale Gedenkstätte der Republik Belarus für alle Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die Gedenkstätte birgt viele Symbole. Wo einst die Häuser des Dorfs Chatyn standen, sind nun dessen Grundrisse durch im Boden eingelassene Betonbalken angedeutet. Glocken schlagen alle dreißig Sekunden in den an die früheren Häuser erinnernden Kamin-Stelen.

Ebenfalls symbolträchtig sind die „Bäume des Lebens“. Die Namen von 433 belarussischen Dörfern, die wie Chatyn niedergebrannt, aber nach dem Krieg wieder aufgebaut wurden, sind wie Zweige arrangiert. In einer langen Andenkenmauer wurden in Nischen Gedenkplatten mit den Namen und den Todeszahlen der Konzentrationslager und Vernichtungsstätten in Belarus angebracht. Der Weg entlang dieser Mauer erinnert an über 260 Todeslager und Massenvernichtungsorte.

Drei Hauptstädte Europas

Auf der Heimreise nach Deutschland machte die Gruppe Halt in der polnischen Hauptstadt Warschau. Dort besuchten sie das Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Berühmt wurde dieser Ort durch den Kniefall von Willy Brandt, eine Geste der Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Den Nachmittag verbrachte die Gruppe gemeinsam in der Innenstadt und bei einer Rundfahrt durch Warschau mit dem Bus. Ein letzter Stopp vor der Rückkehr nach Oberschwaben wurde in Berlin eingelegt, die dritte europäische Hauptstadt auf der Reise. Von der Kuppel des Reichstagsgebäudes hatten die Teilnehmenden einen hervorragenden Blick über das abendliche Berlin. Am Morgen der Heimfahrt stand noch der Besuch des „Waldes der Erinnerung“ bei Potsdam auf dem Programm, wo der im Auslandseinsatz gefallenen und verstorbenen Soldaten der Bundeswehr gedacht wird.

Nach über 4000 Kilometern, nach zwei gemeinsamen Wochen voller neuer Erfahrungen, Erkenntnisse und neuer Freundschaften kamen alle wieder gut zuhause an.

Heike Baumgärtner und Klaus Knoll