Stolpern, schauen, nachdenken

Kunstprojekt erinnert an Kassels deportierte Juden

28. September 2017

Diese Stolpersteine in der Straße neben der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes erinnern an das Schicksal der jüdischen Familie Stiefel, die von hier aus nach Riga deportiert und später ermordet wurde. (Fotos: Maurice Bonkat)

Der Volksbund gedenkt der jüdischen Familie Stiefel, die 1941 aus Kassel nach Riga verschleppt wurde. Heute wurden an dem ehemaligen Wohnhaus am Grünen Weg 5 in Kassel fünf Gedenksteine verlegt. Dort hat jetzt die Bundesgeschäftsstelle des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ihren Sitz.

Kassel, den 28.9. „Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir ungefragt weggehen und Abschied nehmen müssen.“ Dieses Albert-Schweitzer-Zitat passt auch zur Idee der „Stolpersteine“. Der Künstler Gunter Demnig erinnert mit den Gedenksteinen, die er an den ehemaligen Wohnorten verschleppter Jüdinnen und Juden anbringt, an deren Schicksal.

Familie Stiefel war 1941 von Kassel nach Riga deportiert worden, darunter die vierjährige Eva und ihr dreijähriger Bruder Gerhard.  Wahrscheinlich gibt es nur weniges, was für Menschen unerträglicher ist als der Tod eines Kindes. Doch davor schreckte der nationalsozialistische Vernichtungswahn nicht zurück.

Die Eltern, Jakob und Amalie Stiefel wurden mit dem 17-jährigen Sohn Werner Michael sowie den kleinen Geschwistern Eva und Gerhard am 9. Dezember 1941 zusammen mit über tausend jüdischen Menschen in einer Kolonne durch die damalige Bahnhofsstraße, die heutige Werner-Hilpert-Straße zum Hauptbahnhof getrieben. Von da aus wurden sie auf einer siebzigstündigen Zugfahrt nach Riga in Lettland deportiert. Dort wurde die Familie getrennt. Ein Überstellungsnachweis der Familie Stiefel in das Ghetto Riga liegt nicht vor. Vermutlich wurden die beiden Männer als Zwangsarbeiter in das Polizeigefängnis und „Arbeitserziehungslager“ Salaspils, 18 km südöstlich von Riga gebracht.

Lebens- und Leidensweg

Das letzte Dokument, das auf Familie Stiefel hinweist, wird in Yad Vashem, in der zentralen Datenbank mit den Namen der Holocaustopfer aufbewahrt. Dort finden sich die folgenden Einträge als letzte Spur der Kasseler Familie: „Jakob Stiefel, Todesort:  Salaspils, Lettland, im Jahr 1942. Amalie Stiefel mit den Kindern Eva und Gerhard: deportiert nach Auschwitz am 5. November 1943, ermordet.“ Nur der ältere Sohn Werner Michael überlebte den Holocaust um wenige Monate. Nach seiner Befreiung aus dem KZ Stutthof starb er am 28. September vor 72 Jahren entkräftet und ausgezehrt im Jüdischen Krankenhaus Berlin.

Volksbund ist Mitbegründer des Riga-Komitees

Nun erinnern die Stolpersteine vor der heutigen Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes an die Familie und mahnen vor Hass, Rassismus und Gewalt. Der Volksbund sieht sich hier aus mehreren Gründen in der Verantwortung. Er gehört zu den Mitbegründern des Riga-Komitees, das sich dem Gedenken der nach Riga deportierten Juden widmet. Der zentrale Gedenkort ist dabei die Gräber- und Gedenkstätte Riga-Bikernieki. In den Wäldern dort wurden über 35.000 jüdische Menschen ermordet. Die Felder der eng stehendenden Granitsteine symbolisieren die zusammengekauerten Menschen vor ihrer Ermordung. Auf mehr als 50 polierten Granitsteinen stehen die Namen der Städte, aus denen die Menschen deportiert wurden, so auch Kassel. Insgesamt wurden 1022 Jüdinnen und Juden aus Kassel nach Riga deportiert. Von ihnen überlebten nach heutigem Kenntnisstand höchstens 100. Recherchiert wurde ihr Schicksal von dem Verein Stolpersteine in Kassel e. V., die ihre umfangreichen Ergebnisse unter www.kassel-stolper.com gesammelt haben. In ganz Deutschland sind es etwa 60 000.

Wachsam sein – hinsehen - nachdenken

Für den Volksbund haben die Stolpersteine vor der „Haustür“ eine besondere Bedeutung. „Nicht nur Kriegsgräber mahnen zum Frieden. Auch die Stolpersteine mahnen uns zum Hinsehen und Nachdenken. Wir müssen uns daran erinnern, was geschah. Anfangs waren es Vorurteile und Hetze, dann wurden es Übergriffe und blanke Gewalt und am Ende stand ein unfassbarer Völkermord. Wir müssen wachsam sein. Jede und jeder, der hier steht, muss mit seinen Taten und Worten dafür einstehen, dass solch unsägliches Leid, wie es dieser Familie – wie es unzähligen Familien, wie es Millionen Menschen widerfahren ist, nicht wieder geschehen kann. Immer – und gerade jetzt!“ sagte die Generalsekretärin des Volksbunds, Daniela Schily.

Maurice Bonkat und Diane Tempel