Todeself und gefallene Nationalspieler

– Fußballdramen im Zweiten Weltkrieg

1. Juni 2012

Gefallene Nationalspieler fanden ihre letzte Ruhestätte auf Kriegsgräberstätten in Polen und der Ukraine. Noch heute werden in den Austragungsorten der UEFA EM 2012 jährlich tausende Kriegstote geborgen und auf zentralen Kriegsgräberstätten bei Breslau, Kiew (siehe Foto) oder anderen Orten endgültig bestattet.

Für sieben deutsche Nationalspieler war die „Reise“ nach Polen und in die Ukraine nicht der Beginn eines großen Fußballfestes, sondern der Weg in den Tod. Den Kickerstars Karl Auer, Johannes Jakobs, Georg Köhl, Hugo Mantel, Karl Schulz, Willi Völker und Willi Wigold nützte ihr Talent und ihre Bekanntheit nichts. Wie Millionen andere wurden sie zu Opfern des Zweiten Weltkrieges. Einige von ihnen haben auf den Kriegsgräberstätten des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Polen und der Ukraine ihre letzte Ruhestätte erhalten. Die Spuren anderer ehemaliger Nationalspieler verlieren sich im Nichts: „Vermisst“ heißt es über sie. Ihre Angehörigen teilen das Schicksal Hunderttausender Familien, die noch immer keine Kenntnis vom Verbleib ihrer im Krieg gefallenen oder vermissten Väter, Söhne oder Brüder haben. Diese Ungewissheit schmerzt – noch heute.

Ein Fußball-Match von 1942 wurde nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion zur Legende, weiß Andrea Kamp zu berichten. Die Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst berichtet vom Spiel der „Todeself“ in Kiew. „Das Spiel war ein reales Ereignis, aber ob die dramatischen Begleitumstände Wahrheit oder Kriegslegende sind, lässt sich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Fest steht, dass die Erinnerung daran auch heute noch einen großen Stellenwert hat und sogar Thema verschiedener Spielfilme war“, erklärt Andrea Kamp. Etwa die russisch-ukrainische Koproduktion „Das Spiel“ von 2012, die anlässlich einer Veranstaltung zum 8. Mai im Museum Berlin-Karlshorst Deutschland-Premiere hatte.

Am 9. August 1942 fand das Spiel zwischen der Luftwaffenelf „Adler“ und dem „FC Start“, der ukrainischen Betriebsmannschaft der Bäckerei III in Kiew, statt. Der Kern der Mannschaft bestand aus ehemaligen Profikickern der Kiewer Clubs Dynamo und Lokomotive – ein Umstand, der den Deutschen offensichtlich unbekannt war. Schon allein deshalb, weil die Vereinsbezeichnung Dynamo schon damals auf eine Mannschaft des sowjetischen Geheimdienstes hinwies. Nach dem Motto „Brot und Spiele“ hatte der FC Start an einer kleinen Meisterschaft mit Wehrmachtskickern teilnehmen dürfen und die Gegner zur Freude der zuschauenden Einheimischen vom Platz gefegt. Das im August angesetzte Spiel sollte nun zu einer Revanche werden. Trotz vieler Ordner in Feldgrau war das Zenith-Stadion ausverkauft. Die Deutschen spielten hart, ihre Fouls seien vom SS-Unparteiischen auch nicht geahndet worden. Doch die Spieler des FC Start waren technisch um Klassen besser und so stand es 3:1 zur Halbzeitpause. „Ihr könnt nicht gewinnen“, habe der Schiedsrichter der Bäckerei-Elf laut Legende in der Kabine gesagt, sie sollten doch die Folgen bedenken. Doch Torwart Trusewitsch und seine Truppe waren zu sehr Fußballer, um den Sieg zu verschenken. Sie demütigten die deutschen Besatzer und gewannen 5:3, wie Regisseur Claus Bredenbrock in seiner Dokumentation „Todeself“ ermittelt hat. Ein Sieg mit Folgen. Eine Woche nach dem Spiel verhaftete die Gestapo acht der elf Spieler. Ob aufgrund des gewonnenen Spiels oder aus politischen Gründen bleibt im Dunkel der Geschichte. Vier von ihnen sollten den Krieg nicht überleben, darunter auch Trusewitsch. Die Erinnerung an die Fußballer, die angeblich einen Sieg über ihr eigenes Leben stellten, wurde nach dem Krieg zur Legende. Drei Skulpturen erinnern daran heute vor dem Stadion von Dynamo Kiew.

 

In Erinnerung sind auch viele deutsche Soldaten geblieben. Immer mehr junge Menschen von heute wollen mehr von ihren gefallenen oder vermissten Angehörigen erfahren. Meist haben sie aber erst einmal keine Ahnung, wie man nach im Krieg gestorbenen oder vermissten Angehörigen sucht. Dabei ist der erste Schritt sehr einfach. Denn viele Schicksale lassen sich sofort mit der modernen Onlinegräbersuche des Volksbundes klären. Jedes Jahr werden neue Schicksale geklärt und in der Onlinedatenbank des Volksbundes veröffentlicht. Die Namen und Daten von 4,6 Millionen deutschen Kriegstoten beider Weltkriege sind hier erfasst und abrufbar. Und das ist nicht alles. „Für uns ist der Auftakt zur Europameisterschaft eine gute Gelegenheit, auf unsere Aktion ‚Anstoß zum Frieden‘ hinzuweisen. Viel zu wenigen ist heute noch bewusst, dass in Polen und der Ukraine hunderttausende Menschen in zwei Weltkriegen ihr Leben lassen mussten“ , sagt Dr. Martin Dodenhoeft vom Volksbund.

Noch heute werden in den Austragungsorten der UEFA EM 2012 jährlich tausende Kriegstote geborgen und auf zentralen Kriegsgräberstätten bei Breslau, Kiew oder anderen Orten endgültig bestattet. Dann können auch die Angehörigen endlich erfahren, dass es wenigstens ein Grab gibt, das besucht werden kann. Für den gemeinnützigen Verein ist das allerdings ein großer Kraftakt, für den Mitgliedsbeiträge und Spenden dringend gebraucht werden. „Kriegsgräberstätten sind und bleiben eine wichtige Mahnung für den Frieden. Mein erster Gedanke war, dass sich die jungen Menschen damals sicher viel lieber auf einem Fußball- und nicht auf einem blutigen Schlachtfeld begegnet wären. Das Schicksal der Kiewer Spieler des FC Start zeigt allerdings auch die ganze widerwärtige Kleinlichkeit und Menschenfeindlichkeit der Nationalsozialisten“, sagt Dodenhoeft.

Christoph Blase

 

Mehr Informationen über das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst unter www.museum-karlshorst.de.