Volksbund - engagiert für Menschenrechte

Schwerpunkt in der Jugend- und Bildungsarbeit

12. Dezember 2017

"Krieg und Menschenrechte"- Die Fotos zeigen die Umsetzung des Schwerpunktthemas in verschiedenen Workcamps 2017. Die Teilnehmer/innen des Workcamps Zwingenberg fertigten Namensziegel, um sowjetischen Kriegsgefangenen ihre Namen zurückzugeben. In Ulm und auf dem Golm diskutierten die Teilnehmer/innen über grundlegende Menschenrechte. (Fotos: Hussam Alhabash und Tamara Russ)

Neben der klassischen Gräberfürsorge sieht der Volksbund seine Aufgabe auch in der Bildungsarbeit. Dies wird in zahlreichen Veranstaltungen, Seminaren, in den Jugend- und Bildungsstätten sowie natürlich in den internationalen Workcamps umgesetzt. Den aktuellen Schwerpunkt dieser Bildungsarbeit setzte der Volksbund mit Thema „Krieg & Menschenrechte“. Ein gutes Beispiel, wie dieses Jahresthema konkret umgesetzt wurde, bietet das folgende Statement der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem internationalen Workcamp im baden-württembergischen Ulm:

Abschlussrede des Workcamps Ulm 2017

(Im Original in englischer und deutscher Sprache)

Wir sind hier. We are here – so lautet ein Lied der US-Künstlerin Alicia Keys, in dem sie die Konflikte und Kriege dieser Welt beklagt. Sie singt auch von gesellschaftlichen Problemen wie Kriminalität oder fehlender Bildung. Zugleich fordert sie uns auf, darüber zu reden, die Probleme beim Namen zu nennen und sie gemeinsam zu lösen. Wir sind hier. 27 junge Menschen aus 13 Nationen, um genau das zu tun.

Jeder von uns spricht eine eigene Sprache, hat seine eigenen Wünsche und Meinungen und sicher gibt es auch Vorurteile gegenüber dem Anderen. In den zwei Wochen Zusammenleben in einer Internationalen Familie haben wir uns jedoch gegenseitig kennengelernt und wir sind zu einer Gruppe, zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Diese Gemeinschaft lebt von Toleranz und Respekt, gegenüber unterschiedlichen Kulturen, Sprachen, persönlichen Ansichten und Individualität. Wer keine Angst vor dem Anderen hat, merkt, wie sehr es unser Leben bereichert.

Bei den Nationenabenden haben wir viel von den Kulturen, den Bräuchen und auch den Sprachen der anderen erfahren. Es war sehr interessant bei kleinen Sprachlektionen „Guten Tag“, „Gute Nacht“, „Guten Appetit“ und natürlich „Ich liebe Dich“ in so vielen Sprachen zu lernen. In der Freizeit haben wir viel gemeinsam erlebt, zusammen gespielt und so viel über den Anderen erfahren.

Bei unseren Exkursionen und Ausflügen sahen wir viel vom Süden Deutschlands. Wir lernten Ulm bei einer Stadtführung kennen, bestiegen das Ulmer Münster und bestaunten den berühmten Blautopf. In Augsburg besichtigten wir die Fuggerei, eine kleine Stadt für hilfsbedürftige Menschen. Das MAN-Museum beeindruckte uns mit imposanten Maschinen, die wir sogar anfassen und probesitzen durften. In Stuttgart besuchten wir das Mercedes-Benz-Museum und bummelten in der Innenstadt. Der Ausflug an den Bodensee zeigte uns nicht nur die Schönheit Deutschlands, sondern auch die Folgen von Krieg und Gewalt. Dort besuchten wir die Kriegsgräber- und Gedenkstätte Lerchenberg und den KZ-Friedhof Birnau.

Das Camp besteht aber nicht nur aus Ausflügen und Freizeit. Es heißt schließlich Workcamp. So arbeiteten wir immer wieder mit Herz, Hand und Kopf. Was bedeutet das? Unsere Arbeit auf dem Ulmer Friedhof war am Anfang eine Arbeit mit unseren Händen. Wir säuberten die Grabsteine aus dem ersten Weltkrieg und die Kreuze aus dem zweiten Weltkrieg. Wir entfernten Äste, einige von uns mähten Rasen und schnitten die Hecken. Dabei wurden einige Kreuze wieder sichtbar, die vorher komplett zugewachsen waren. Das Nachzeichnen der Namen erforderte sehr viel Aufmerksamkeit, denn uns war es wichtig, dass wir die Arbeit sorgfältig erledigten und man den Namen danach wieder gut lesen konnte.

Das Abschleifen der Namen auf den Metallkreuzen erschien uns am Anfang etwas eintönig. Aber durch den direkten Kontakt mit dem Namen begannen wir über den Menschen nachzudenken, der dort begraben liegt. Uns fiel auf, dass manche von ihnen genauso alt waren wie wir heute. Dort sind auch Mütter und Väter mit ihren Kindern begraben. Sie starben bei der Bombardierung von Ulm. Die Kinder hatten keine Chance aufzuwachsen und eine fröhliche Kindheit zu erleben.

Die Gedanken im Kopf berührten unsere Herzen und die eintönige Arbeit machte auf einmal Sinn. Zum Abschluss der Arbeiten sind wir gestern noch einmal über den Friedhof gelaufen. Es war ein großer Unterschied, der uns alle stolz gemacht hat, denn wir haben gesehen, was wir gemeinsam bewirken können.

Die Arbeit fand aber nicht nur auf dem Friedhof statt. Die Führungen in den Gedenkstätten „Weiße Rose“ und „Fort Oberer Kuhberg“ berührten uns sehr. Wir lernten sehr viel über die damalige Zeit und darüber, wie totalitäre Systeme beginnen. Hans und Sophie Scholl waren nicht viel älter als wir, als sie für ihre Überzeugung starben. Für uns sind sie Vorbilder.

Nach unseren Gedenkstättenbesuchen haben wir uns in Workshops mit verschiedenen Themen weiterbeschäftigt. Dabei standen die Menschenrechte als Jahresthema des Volksbundes im Vordergrund. Sie sind uns ein Begriff, aber haben wir uns schon wirklich damit beschäftigt und kennen wir sie? Jetzt, zum Ende des Camps:  ja! Wir mussten feststellen, dass Menschenrechte nicht nur in fernen Ländern missachtet werden, sondern auch in unserem direkten Umfeld.

Vorurteile und Diskriminierung sind alltäglich. Die meisten von uns studieren oder wollen studieren. Aber wir erleben auch, dass das Auswahlverfahren in vielen Ländern nicht gerecht ist, und man viel Glück und auch die finanziellen Mittel haben muss, um einen Studienplatz zu erhalten. Dabei hat jeder Mensch das Recht auf Bildung.

In vielen Ländern werden der Zugang zu sozialen Medien und der Informationsaustausch beschränkt und die Menschen können sich nicht mehr mit ihren Freunden austauschen.

Laut der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ hat jeder Anspruch auf eine soziale und internationale Ordnung, damit die Rechte und Freiheiten voll verwirklicht werden können. Damit die Ordnung erhalten bleibt, muss es Regeln geben. Unser Camp ist dafür ein gutes Beispiel. Wir haben Campregeln, die vielleicht nicht jeder mag, aber wir beachten sie, weil sie uns helfen, friedlich zusammenzuleben.

In einem Workshop haben wir die „Aktion Rote Hand“ kennen gelernt. Es ist eine weltweite Aktion gegen den Einsatz von Kindersoldaten. Wir setzten uns mit den Hintergründen auseinander und hörten Geschichten einzelner Menschen. Das zeigte uns sehr deutlich, wie die Rechte von Kindern verletzt und missachtet werden.

All die Arbeit mit Herz, Hand und Kopf hat uns gezeigt, dass wir auch in Zukunft einen persönlichen Beitrag dafür leisten wollen, dass die Menschenrechte geachtet und eingehalten werden. Dies ist die Grundvoraussetzung für ein Zusammenleben aller Völker in Frieden. 

Mehr zum Jahresthema der Volksbund-Bildungsarbeit finden Sie hier.