Was wurde aus den Wolfskindern?

Buchpräsentation: Im Rücken der Geschichte

27. Oktober 2017

Der Geschichts-Leistungskurs des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Frankfurt-Höchst stellte gestern ein neues Zeitzeugenbuch vor: „Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern“. (Foto: Diane Tempel)

„Können wir nicht Buch sagen – Büchlein klingt so ….naja“ sagt Tobias Goy, 18, einer der Autoren. Egal wie man es nennt – das schmale Buch: „Im Rücken der Geschichte. Das Schicksal von Ostpreußens Wolfskindern“ ist spannend, eindrücklich auch bedrückend. Das Buch wurde am 26.10. in der Bibliothek des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums in Frankfurt Höchst der Öffentlichkeit vorgestellt.

Auf Spurensuche – trotz Abi-Stress

Im Herbst 2016 hatte der Frankfurter Geschichtslehrer Dr. Björn Schaal 18 Jugendliche dafür begeistern können, sich trotz Abi-Stress auf Spurensuche begeben zu können – auf die Spuren der sog. Wolfskinder. Um Zeitzeugen zu finden, startete der Volksbund einen Aufruf – mit großer Resonanz: In kürzester Zeit meldeten sich über 250 Zeitzeugen aus der ganzen Welt.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff? Man denkt an Mogli, der von Dschungeltieren aufgezogen wird, oder an Kaspar Hauser. Viele Menschen, die das Schicksal erlitten haben, lehnen den Begriff ab – sie hätten doch Eltern gehabt, sagen sie, die wären nur nicht dagewesen. Der Begriff „Wolfskinder“ wird seit 25 Jahren genutzt. Als Wolfskinder werden Mädchen und Jungen aus dem nördlichen Ostpreußen bezeichnet, die in der Nachkriegszeit ohne erwachsene Begleitung vor dem Hungertod nach Litauen flüchteten. Dabei waren sie auf sich alleine gestellt, mussten betteln, stehlen, hart arbeiten. Einige wurden in litauische Familien aufgenommen und versorgt, andere wurden Opfer von Hunger, Gewalt und Übergriffen.

Das ging ganz schön in's Mark

Die Schülerinnen und Schüler aus dem Leistungskurs haben diese Menschen nach ihren Erfahrungen befragt und die Interviews aufbereitet. „Die Geschichten gingen ganz schön in's Mark“ sagt Maximilian Ilg rückblickend. Dr. Christopher Spatz, der über das Thema Wolfskinder promovierte, unterstützte die Schülerinnen und Schüler fachlich und ordnete die Geschichten historisch ein. „Die Geschichte der Wolfskinder ist nicht schriftlich fixiert. Wer dazu etwas wissen will, muss Geduld haben“. Warum ist es so schwer, so etwas zu erzählen? „Die Geschichten passen nicht in die Opfergeschichten – zu unbekannt sind sie, zu irritierend.“

Vielleicht hätte man schon früher zuhören müssen

Die Geschichten von Zeitzeugen werden inzwischen gehört und gehören als „oral history“ auch in die Geschichtsforschung. Und Geschichte ist niemals abgeschlossen. So folgert Dr. Spatz: „Hätte man den Menschen, die als Kinder flüchten müssen, schon früher zugehört, erfahren, was sie erlitten haben, dann könnte man heute vielleicht anders mit jungen Geflüchteten umgehen.“

Das Buch wurde in einer Auflage von 4.000 Stück gedruckt und war in kürzester Zeit vergriffen, dabei brachte es rund 25.000 Euro Spenden ein. Nun wird es noch einmal aufgelegt.

Diane Tempel