Das letzte Andenken

1 500 Blumen für Recogne-Bastogne

25. Juli 2010

Einen Tag vor Weihnachten 1944 schreibt Franz Fischer seinen letzten Brief aus den Ardennen. Um ihn herum herrscht eisiger Winter, tobt der Krieg – und er ist mittendrin. In diesem Moment fühlt sich der Soldat Fischer aber vor allem als Ehemann und Vater. Während die Schlacht um die belagerte Stadt Bastogne immer verlustreicher wird, denkt er nur noch an seine Familie, die er nie mehr wiedersehen wird. Doch das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dass er bald zum dritten Mal Vater sein wird, weiß er ebenfalls nicht. 

 

Schweres Schicksal 

Seine Tochter mit dem sprechenden Namen Viktoria kommt zur Welt, als der Krieg bereits verloren ist. 65 Jahre später und ein halbes Jahrhundert nach der Einweihung der letzten Ruhestätte ihres Vaters im belgischen Regogne-Bastogne ist sie hierher gekommen. Es ist ein schweres Schicksal, von dem Viktoria Hegele (geborene Fischer) nun auf der durch den Volksbund gepflegten Kriegsgräberstätte erzählt. Dabei schaut sie immer wieder auf die umfangreich geschmückte Grabstelle mit der Stele, die den Namen ihres Vaters trägt. Und überall in seiner Nachbarschaft findet sich weiterer Blumenschmuck, ein Meer aus weißen Chrysanthemen. 

Ein herrlicher Anblick 

Dafür sind zahlreiche Förderer des Volksbundes verantwortlich. Über die Internetseite www.volksbund.de oder www.blumenspenden.de haben sie kleinere und größere Beträge für diesen Blumenschmuck gespendet. Dieses florale Andenken gilt dabei vor allem den etwa 1 500 unbekannten Kriegstoten, die hier beerdigt wurden. Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens der Kriegsgräberstätte Regogne-Bastogne haben viele Volksbund-Mitglieder so dazu beigetragen, dass auch an diesen Gräbern, die sonst nicht von Angehörigen bedacht werden können, einmal ein schöner Blumenstrauß steht. Und der Anblick, den die Anlage heute bietet, zeigt jedem Besucher, dass sich diese Spenden-Aktion gelohnt hat: So weit das Auge blickt, leuchten die weißen Sträuße. Es ist ein herrlicher Anblick, den in diesen Tagen hunderte Menschen auf der Kriegsgräberstätte bewundern. 

Helfer in Uniform 

Dass diese Idee verwirklicht wurde, ist aber auch den freiwilligen Helfern der Bundeswehr zu verdanken. Eine Hand voll Soldaten und eine Soldatin haben dafür unter schwierigsten Umständen knapp zwei Wochen ihrer Freizeit geopfert. So bot die belgische Armee zwar eine kostengünstige Unterkunft – doch die konnte selbst den bescheidenen Ansprüchen der Helfer in Uniform kaum genügen. Zudem galt es vor der Blumen-Aktion, den gesamten Friedhof zu säubern und viele Schriftzüge auf den Grabsteinen zu erneuern. Dennoch gingen die Bundeswehr-Angehörigen mit großem Eifer und hervorragender Logistik ans Werk. Schließlich ist es nicht so einfach, in kurzer Zeit 1 500 Gräber zu schmücken. Das zeigte sich schon beim Eintreffen der Sträuße, die fast den gesamten Eingangsbereich der Anlage belegten. Doch am Ende haben es die Kameraden geschafft und halfen anschließend noch maßgeblich bei den Vorbereitungen der Gedenkfeier. 

Gedicht des Veteranen 

Die Veranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der deutschen Kriegsgräberstätte in Lommel stand dabei ganz unter dem Zeichen der Beiträge ehemaliger Kriegsteilnehmer. 65 Jahre nach Kriegsende gibt es davon nicht mehr viele und wenige, die eine Reise zu den Gräbern der Schicksalsgenossen auf sich nehmen können. In Recogne trat Kriegsteilnehmer Heinz Pankuweit sogar mit einem eigenen Gedicht vor die Teilnehmer der Gedenkfeier, das er den Gefallenen aller Nationen widmete: 

Ihr kämpft bei Schnee und Regen, 
durchnässt in Wald und Feld, 
ein Acker ohne Segen, 
für Euch war er schlecht bestellt. 
Euer Leben ging hier verloren, 
es war ein letztes Gefecht. 
Wurdet ihr dafür geboren? 
Ein Krieg ist selten gerecht. 
Ihr wurdet dem Leben entrissen, 
ihr starbet blutjung – viel zu früh, 
wir werden Euch immer vermissen, 
vergessen seid Ihr uns nie ... 

Endlose Hoffnung 

Es wird still in den Reihen der etwa 400 Gäste als Pankuweit seinen Vortrag hält. Für viele jüngere Gäste ist dies der erste konkrete Eindruck, den sie von den Folgen des Krieges aus persönlicher Sichtweise eines Veteranen erfahren. Für andere – wie Viktoria Hegele – ist das Gedicht auch ein Ausdruck ihrer eigenen Gefühlswelt. Besonders die folgenden Zeilen haben die Tochter des Kriegsopfers Franz Fischer besonders berührt: „Das Los, das euch hat getroffen, bescherte niemandem Glück, eure Mütter durften noch hoffen, doch ihr kehrtet nicht mehr zurück.“ Denn diese Worte beschreiben auch das Schicksal von Viktoria Hegele, die ihren Vater nicht kennenlernen durfte. „Meine Mutter hat das nie verwunden. Noch zehn Jahre nach dem Krieg erzählte sie mir einmal, dass sie insgeheim immer noch darauf wartet, dass die Tür aufgeht und ihr Franz zur Familie zurückkehrt,“ erinnert sich Viktoria. Und dann habe sie ihr tief in die Augen geschaut und gesagt: „Du bist mein letztes Andenken an ihn!“ 

Das hat sie ihr Leben lang nie vergessen. Es ist wie eine Mahnung, dass man unendlich dankbar sein muss, weil wir heute in Frieden leben. Und so sieht sie auch den Blumenschmuck mit anderen Augen. Für sie ist es weit mehr als ein schöner Anblick. Für sie und so viele andere Volksbund-Förderer ist es ebenfalls ein wichtiges Andenken und Erinnerung an all die Gefallenen eines sinnlosen Krieges. Heinz Pankuweit drückt es so aus: „Wir haben die Freiheit gefunden, Europa ist friedlich vereint, so kann unsere Welt gesunden, damit keine Mutter mehr weint. Gemeinsam betrauern wir jeden, der liegt an diesem Ort, tausende ruhen in Frieden, sie leben in uns fort.“ 


Maurice Bonkat 



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