Der Volkstrauertag - ein problematisches Ritual

Eine gemeinsame Veranstaltung der Evangelischen Akademie der Nordkirche und des Jugendarbeitskreises im Volksbund Hamburg

4. November 2014

Podium und Moderatorin

„Der Volkstrauertag – ein problematisches Ritual": Diesem Thema öffneten sich am Montag, den 3. November, Podium und Publikum in der Katholischen Akademie Hamburg. Voll besetzte Stuhlreihen und ein munteres Diskutantentrio, bestehend aus Pastor Ulrich Hentschel von der Evangelischen Akademie der Nordkirche, David Hellwig vom Bundesjugendarbeitskreis des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und René Senenko, Sprecher des „Bündnisses Deserteursdenkmal" und Mitglied der Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft, diskutierten eifrig über den Volkstrauertag als Ritual und über die Rituale in diesem Ritual. Die Moderatorin, Historikerin Dr. Stephanie Kowitz-Harms, die u.a. das SchülerInnenprojekt „Geschichtomat" am Institut für die Geschichte der Deutschen Juden leitet und sich in all ihren Arbeitsgebieten mit dem Thema „Erinnerung" und „Ritualisierung von Erinnerung" beschäftigt, leitete die Diskussion souverän. Sie entlockte den drei Rednern klare Standpunkte und entlarvte zugleich nicht stringente oder nicht zu Ende gedachte Einwürfe – um Einigung ging es an diesem Abend wahrlich nicht.

Ulrich Hentschel, Mitorganisator dieser Veranstaltung und links im Bild, hat „mindestens" ein ambivalentes Verhältnis zum Volkstrauertag, bisweilen eher ein kritisches bis ablehnendes. Dennoch sieht er in seiner Durchführung auch Transformationsprozesse, so z.B. dass heutzutage kaum noch kriegsverherrlichende Reden an diesem Tag gehalten würden. Kritisch ist für ihn, dass auch „andere Opfer des Nationalsozialismus" neben den getöteten SoldatInnen der beiden Weltkriege mit in das Gedenken aufgenommen werden – diese Symbolik weise in eine falsche Richtung. Hentschel findet es mehr als fragwürdig, wie man einerseits die SoldatInnen, die getötet haben, ehren könne und zugleich ihre Opfer, die durch sie getötet wurden. Diese „Opfer-Täter-Ehrung" sei schlichtweg „Gleichmacherei". Im dauernden Ruherecht, auf das die Diskutanten ebenfalls zu sprechen kamen, sieht er die Gefahr, dass SoldatInnen, die sich an einem verbrecherischen Krieg beteiligt haben, zu „besonderen" Menschen gemacht werden und ihnen eine Ehre zuteilwird, die unangebracht wäre. Zugleich erkennt er die Relevanz der Arbeit auf Kriegsgräberstätten als Lernorte, wie sie der Volksbund vornimmt, an. Dringend erforderlich sei zukünftig eine demokratische Debatte am Volkstrauertag – zum Beispiel, um keine Menschen mehr in Kriege zu schicken.

David Hellwig, in der Mitte des Bildes, hegt ebenfalls ein ambivalentes Verhältnis zum Volkstrauertag. Zum einen verbindet er die nach wie vor stattfindenden militärischen Aufmärsche an diesem Gedenktag mit einer unschönen Symbolik, sieht aber vor allem auch das Potential in ihm. Denn hierbei kämen so viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammen wie an kaum einem anderen Gedenktag, so Hellwig. Er wiederspricht Hentschel und macht deutlich, dass es dabei nicht um „Ehrung" der Soldaten gehe, sondern um deren Gedenken. Auch sieht er das Gedenken aller Toten nicht kritisch, da es hierbei seiner Meinung nach eben nicht um eine Gleichsetzung der Toten gehe. Von „Opfern" spricht er in diesem Zusammenhang bewusst nicht. Zukünftig gilt es, das Spannungsfeld zwischen individueller und kollektiver Trauer am Volkstrauertag zu klären, erläutert Hellwig. Bezüglich der Kriegsgräberstätten fordert er ein Erklären, ein Arbeiten mit den historischen Orten und der Komplexität, die von Kriegsgräberstätten ausgeht – so wie es der Volksbund tut.

René Senenko (rechts im Bild), der grundsätzlich eine starke Ablehnung gegenüber dem Volkstrauertag vertritt und in diesem vor allem eine „Kriegerehrung" sieht, fordert eine „Abschaffung der militärischen Tradition" und anstelle dessen ein Antikriegsprogramm, das seine Willi-Bredel-Gesellschaft auch bereits am diesjährigen Volkstrauertag umzusetzen sucht. Seine klare Kernbotschaft hieß bis zuletzt: „Es gibt schon genügend Gedenktage – wir brauchen den Volkstrauertag nicht."

Das Publikum stieg nach einer guten Stunde in die Diskussion ein, die Stimmen waren vielschichtig. Harald Schmid von der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten in Kiel hält Kooperationen wie diese zwischen Volksbund und Evangelischer Akademie für sehr sinnvoll, um das Thema konstruktiv zu besprechen, gleichzeitig sieht er die Geschichte des Volkstrauertages kritisch. Dennoch müssen an der Praxis des Volkstrauertags „von unten" her etwas verändert werden. Er sieht dabei eine große Chance, den Tag im Sinne eines diskursiven Ansatzes zu nutzen – also darüber zu reden –; weniger Sinn mache es, so Schmid, diesen Gedenktag als „Sammelbecken" für das Gedenken aller Toten zu nutzen.

Hans Matthaei von der Willi-Bredel-Gesellschaft sieht im Volkstrauertag „immer den Hauch eines Heldengedenkens". Ein weiteres Mitglied der Willi-Bredel-Gesellschaft erkennt in dem Tag ebenso wenig ein Mahnen, vielmehr ein „Verneigen vor dem militärischen Tod" und einen „Schatten des militärischen Nimbus‘". Joachim Gottschalk von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten wies auf die Zusammensetzung des Wortes und das darin enthaltene „Volk" hin – und will diesen Gedenktag auch als einen ebensolchen „Volks-trauertag" gestaltet wissen. Einer möglichen Abschaffung dieses Gedenktages sahen viele der ZuhörerInnen skeptisch entgegen. Denn dies sei „zu einfach", so die Stimme einer Pastorin, die nach dem heutigen „Trauern" und aktuellen Bezügen fragt, und in diesem Tag die Chance eines Zusammenkommens erkennt, um im Gedenken „eine Schicht tiefer zu gehen".

So facettenreich, interessiert und differenziert bis zuletzt diskutiert wurde, so kamen die Meinungsdiversität und die vielfältigen Standpunkte zum Thema Volkstrauertag in aller Breite zum Vorschein. Das ist auch gut so: Denn nur konstruktive Reibung und Debatten stoßen Transformationsprozesse in der Ausgestaltung der Gedenkkultur im Allgemeinen und der eines Volkstrauertages im Speziellen an.

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