Deutschland und Russland: warum gemeinsam erinnern?

In einem Podiumsgespräch anlässlich des historischen Datums 22. Juni 1941 wurden Erinnerungskulturen beider Länder und Perspektiven für die Städtepartnerschaft St. Petersburg – Hamburg diskutiert

26. Juni 2017

Die Moderatorin und die Referenten (v.l.n.r.): Sabine Bamberger-Stemmann, Andreas Hilger, Christian Hartmann, Ulrike Jureit, Claus Bietz

Am 22. Juni 1941 fand der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion statt, ein Datum, das in das Gedächtnis beider Länder eingebrannt ist. Auf russischer Seite steht dabei der „Große Vaterländische Krieg" im Zentrum, vielfach verbunden mit einem „Heldengedenken", bei dem eine wieder zunehmende Heroisierung und Glorifizierung zu beobachten ist. Was für ein deutsches Erinnern steht dem gegenüber?

Diese Frage stellte sich ein Expertengremium am vergangenen Donnerstag im Hamburger Tschaikowsky-Saal. Trotz starken Unwetters kamen gut 60 Interessierte, auch TIDE-TV war dabei und zeichnete das Gespräch für den Sender auf. Der Jugendarbeitskreis hatte die Veranstaltung gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg organisiert. Diskutierende waren die Historikerin Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung), die Historiker Dr. Andreas Hilger (Deutsches Historisches Institut Moskau) und Dr. Christian Hartmann (Institut für Zeitgeschichte München) sowie der Pädagoge Claus Bietz (MitOst Hamburg, Verein für Sprach-, Kultur- und Jugendaustausch in Europa). Moderiert wurde das Gespräch von der Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg, Dr. Sabine Bamberger-Stemmann.

Nach einem 15minütigen Impulsvortrag von Christian Hartmann zum Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion 1941 richtete die Veranstaltung den Blick auf die Gedenk- und Erinnerungskulturen beider Länder. Dabei wurde übereinstimmend festgestellt, dass es weder in dem einen noch in dem anderen Land „die eine" Erinnerungskultur gibt – sondern vielmehr eine Pluralität der Erinnerungen zu beobachten sei; auch in den heutigen postsowjetischen Ländern. Ideologische Prägungen und politische Instrumentalisierungen, unterschiedliche Prioritäten in der Auswahl von Gedenktagen, aber auch die Ungleichzeitigkeit der historischen Forschung in Russland und Deutschland würden einen gemeinsamen Blick auf die Vergangenheit erschweren, so die Referenten. Ulrike Jureit betonte, dass die Erinnerung in Deutschland stark auf den Holocaust gerichtet sei, und Christian Hartmann ergänzte, dass es ein deutliches Ungleichgewicht beim Blick auf die Opfergruppen gäbe, einige Opfergruppen schlichtweg vergessen würden, keine Lobby besäßen und damit in der Öffentlichkeit außer Acht gelassen würden. Andreas Hilger nannte das Beispiel der sowjetischen Kriegsgefangenen, die in der deutschen Erinnerung jahrzehntelang unter gingen, da in Deutschland der Blick stets auf die eigenen Opfer gerichtet wurde. In der Forschung sei das anders, aber auch hier gäbe es lediglich punktuelle Forschungsinitiativen in beiden Ländern, und nicht selten fehle der Gegenpart zu einem bestimmten Thema im jeweils anderen Land. Anstatt eines gemeinsamen, kollektiven Erinnerns wäre ein dialogisches Erinnern wünschenswert. In der Jugendbildungsarbeit spielten die Erinnerungskulturen sowieso eine untergeordnete Rolle, so Claus Bietz, vielmehr sei die Neugierde aufeinander, die gemeinsame Verantwortung für die Vergangenheit und der gemeinsame Austausch darüber entscheidend – und eine „Haltung (zu) entwickeln".

Nach gut 90 Minuten Podium samt diverser interessierter Publikumsfragen näherte sich dieses spannende Gespräch dem Ende – mit der Erkenntnis, dass viele Fragen offen bleiben müssen. Eine der Botschaften für die gemeinsame Städtepartnerschaft von St. Petersburg und Hamburg ist, dass die zivilgesellschaftlichen und städtischen Akteure auch zukünftig und vor allem mehr denn je miteinander im Dialog und Austausch bleiben müssen.

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