Friedensfest: Podiumsgespräch

Über verborgene Belastungen aus Kriegserfahrungen bei Kriegskindern und -enkeln

27. Juli 2015

v.l.: Harald Hinsch, Nele Fahnenbruck, Hella Stahmann, Cornelia Strauß, Sascha Nedelko Bem

Der vergangene Samstag, 25. Juli, war ein besonderer Tag: An ebenjenem Tag vor 72 Jahren startete das verheerende Bombardement auf Hamburg, zehn Tage lang wurden bei der "Operation Gomorrha" weite Teile Hamburgs vernichtet, ca. 34.000 Menschen starben und nahezu 900.000 Menschen wurden obdachlos. Diese und andere Kriegserlebnisse wurden am Samstag am Mahnmal für die Opfer des Hamburger Feuersturms - dem Bombenopfermahnmal auf dem Ohlsdorfer Friedhof - thematisiert: In einem Podiumsgespräch sprachen der Zeitzeuge Harald Hinsch, die Kriegsenkelin Cornelia Strauß sowie die angehende Kinder- und Jugendpsychiaterin und Psychotherapeutin Hella Stahmann mit der Moderatorin Nele Fahnenbruck über die Weitergabe von Kriegserfahrungen an die zweite und dritte Generation. Was ein Kriegstrauma ist, was es für Symptome gibt, wie in der Familie damit umgegangen wird bzw. wurde und wie Haltungen, Lebensängste und Unsicherheiten die Kinder- und Enkelgeneration bis heute prägen, darum ging es in dem anderthalbstündigen Gespräch, dem rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörer folgten und das musikalisch begleitet wurde durch Gitarrenspieler Sascha Nedelko Bem.

Eindrucksvoll und sehr emotional schilderte Harald Hinsch die erschreckenden Erlebnisse und den Umgang mit diesem Erlebten, wie er diese innerhalb seiner Familie kommuniziert hat und wie sein Auseinandersetzungs- und Verarbeitungsprozess insgesamt bis heute aussieht. Die traumatischen Erlebnisse verarbeitete der frühere Sozialpädagoge u.a. dadurch, dass er 2009 das Buch „Roter Junge – ein Kriegskind in Hamburg" publiziert hat und seither viel in der Öffentlichkeit und vor allem in Schulen unterwegs ist, um mit den Menschen ins Gespräch und in den Austausch zu kommen.

Die unbewusste Übernahme bestimmter Verhaltensmerkmale oder psychischer Zustände wie Verlassenheitsangst, Desorientierung im Alltag oder übertriebene Sparsamkeit wurde am Beispiel der Erfahrungen von Cornelia Strauß deutlich: Die Historikerin und Kriegsenkelin sieht in ihren Interessen, ihrem Verhalten und in ihrer Biografie oder der von Freunden die Weitergabe der Kriegserlebnisse der Großeltern und Eltern.

Präzise erhellte die Medizinerin Hella Stahmann die Begrifflichkeiten und Symptome, Möglichkeiten der Trauma-Verarbeitung oder das Phänomen der Trauma-Reaktivierung, das in den späteren Lebensjahren auftritt und in denen das das Bedürfnis vieler Kriegskinder steigt, über diese Leidenserfahrungen zu sprechen, so die Ärztin. Dass die Bedeutung dieser Thematik auch in der Entwicklungspsychologie zunimmt, oder gar eine relevante Rolle spielt und nicht mehr "nur" ein Thema für die Geschichstwissenschaften ist, zeigt das interdisziplinäre Forschungsprojekt des UKE und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg, an dem die Ärztin beteiligt ist.

Im zweiten Teil des Tages wurde einmal mehr deutlich, wie sehr die Menschen verschiedener Generationen betroffen sind und wie groß das Bedürfnis bei vielen ist, darüber zu sprechen: bei "erzählen und zuhören" wurde genau das getan. Dabei ist das Thema längst nicht erschöpft, und zugleich hat dieser Tag gezeigt, wie wichtig es ist, sich mitzuteilen - für einen selber wie für die nachfolgenden Generationen.

Einen ausführlichen Bericht von Cornelia Strauß in der Evangelischen Zeitung über das Podiumsgespräch können Sie hier lesen.

 

 

 

 

 

 

 

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