Der Erste Weltkrieg. Zwischen nationalgeschichtlichem Paradigma, populärer Erinnerungskultur und europäischer Integration

Symposium von Volksbund und Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin vom 7. bis 9. Mai 2014

13. Mai 2014 Thomas Rey

Auf dem Podium sitzen von links nach rechts: Dr. Norbert Seitz (Radioautor des Deutschlandfunk), Taja Vovk van Gaal (Direktorin Haus der europäischen Geschichte, Brüssel), Prof. Dr. Guido Knopp (ehem. Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte), Markus Meckel (Präsident des Volksbundes), Prof. Dr. Sönke Neitzel (Lehrstuhl für internationale Geschichte, London)

"Beim Prozess der europäischen Integration sollten wir die nationalen Identitäten in Europa einbinden". Diese Forderung stellte Dr. Thomas Weber, Professor der University of Aberdeen und aktuell Harvard, in seinem Impulsreferat auf. In seinem Vortrag "Was gehen uns die Toten des Ersten Weltkriegs an? Eine Reflexion über 100 Jahre Weltkriegsgedenken" konstatierte er unter anderem eine "autistische deutsche Sicht" auf den ersten Weltkrieg. Diejenigen, die am 7. Mai ganz intensiv dies und anderes mit ihm diskutierten, waren die Teilnehmer und auch Referenten des Symposiums "Der Erste Weltkrieg. Zwischen nationalgeschichtlichem Paradigma, populärer Erinnerungskultur und europäischer Integration".

Der Volksbund setzt damit seine 2010 begonnene Reihe der Kooperation mit den großen politischen Stiftungen auf Bundesebene fort. Der Einladung von Volksbund und Konrad-Adenauer-Stiftung folgend waren Menschen aus Bosnien-Herzegowina, Deutschland, Frankreich, Georgien, Israel, Kroatien, Polen, Rumänien, Russland, Serbien und Ungarn nach Berlin gekommen, um gemeinsam heutige Fragen zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg zu erörtern. Schnell war man sich einig, dass trotz aller Risiken, die eine nationale – oder im schlimmsten Fall gar nationalistische – politisch geprägte Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg mit sich bringt, diese Erinnerungen quasi "Bausteine für das gemeinsame europäische Haus" sein sollen.

Wie man die vielfältigen Erinnerungen in Europa als Anregung aufnimmt zeigte abends Dr. Juliane Haubold-Stolle, die als verantwortliche Kuratorin die Ende Mai zu sehende Ausstellung zum Ersten Welrkrieg im Deutschen Historischen Museum vorstellte.

 

Vorhandene Ikonographie

Am folgenden Vormittag standen die materiellen Überreste des ersten Weltkrieges im Mittelpunkt. Dr. Anette Freytag von der ETH Zürich referierte über die "Gestaltung und Ideologie der Soldatenfriedhöfe in Flandern". Nach Aussprache schloss sich daran der Besuch eines Ortes der Erinnerung an. Die Exkursion führte zum Neuen Garnisonsfriedhof am Columbiadamm in Berlin. Hier sind mit 7000 Kriegstoten mehr als die Hälfte aller in Berlin bestatteten Opfer zu finden. Der Rundgang führte zu verschiedenen Gräberfeldern und Gedenksteinen des Ersten Weltkrieges. Insbesondere der unterschiedliche Charakter der hier noch stehenden Denkmale verdeutlichte die in den 1920 Jahren bestehende sich vom Beginn bis Mitte des Jahrzehnts vollkommen verändernde Sichtweise auf diesen Krieg.

 

Das bestehende Gedenken an den Ersten Weltkrieg in Europa

Im Fortgang der Veranstaltung bestimmte das bestehende Gedenken an den Ersten Weltkrieg in Europa die Diskussion.

Zunächst wurde quasi ein "Westblock" betrachtet. Dr. Edward Madigan, Royal Holloway, University of London, referierte über die Situation in Großbritannien.  Analog tat dies sein Kollege Prof. Dr. Nicolas Beaupré, Universität Blaise Pascal in Clermont-Ferrand, für Frankreich. Merkpunkte waren hier die Tatsache, dass die bis zum Abschluss des Versailler Vertrages fortbestehende britische Seeblockade nach dem Waffenstillstand noch mindestens 200.000 Ziviltote in Deutschland forderte (Madigan) und es bis heute nirgendwo im Sprachgebrauch eine Bezeichnung für Eltern gibt, die im Krieg ihre Kinder verlieren und damit das Gegenteil von Waisen sind (Beaupré).

Im Gegensatz dazu dann der folgende Blick auf das Gedenken in Osteuropa. Dieser Perspektive widmet man sich bei uns in Deutschland – wenn überhaupt – eher selten. Dr. Kristiane Janeke stellte das Gedenken an den Ersten Weltkrieg in Russland vor und Dr. Mateusz J. Hartwich schilderte die Situation in Polen.

Bei der jeweils anschl. Diskussion und Aussprache wurden bestehende Unterschiede schnell erkennbar. So ist die Beschäftigung mit dem ersten Weltkrieg in Russland eher eine moderne Erscheinung dieses Jahrhunderts. In Polen sind dagegen nicht die Jahre von 1914 bis 1918, sondern die daran anknüpfende Wiedererstehung des über 150 Jahre verschwundenen Nationalstaats von Bedeutung.

Abends dann ein für den Volksbund neues Veranstaltungsformat, nämlich in ein Symposium einen öffentlichen Programmteil einzufügen.

Doch der Vortrag von Prof. Dr. Sönke Neitzel "Das Zeitalter der Weltkriege im europäischen Gedächtnis" bewegte im wahren Sinne des Wortes viele Menschen. Über 300 zusätzliche Gäste kamen, um den Ausführungen des bekannten Historikers, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Volksbundes, zu lauschen.

Anschließend verfolgten sie genauso interessiert die Podiumsdiskussion des Referenten mit

  • Taja Vovk van Gaal, Direktorin des Hauses der europäischen Geschichte Brüssel,
  • Prof. Dr. Guido Knopp, ehem. Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte,
  • Markus Meckel, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge,
  • Dr. Norbert Seitz, Radioautor des Deutschlandfunks, moderierte den Abend.

Im Verlauf des Symposiums wurde schnell deutlich, dass es die Möglichkeit einer gemeinsamen historischen Erinnerung in Europa an den ersten Weltkrieg – auch in Teilen – nicht gibt. Ist hier also keine gemeinsame europäische Erinnerung möglich? Selbstverständlich ja, nur eben nicht als monolithischer Block, sondern als ein Verbund von nationalen Erinnerungslandschaften.

 

Wege der Vermittlung

Am letzten Seminartag stand „Der Erste Weltkrieg als Inhalt im Unterricht“ thematisch im Mittelpunkt (unter Berücksichtigung des Aspektes Materialien für den Unterricht).

Ulrich Bongertmann, Bundesvorsitzender im Verband der Geschichtslehrer Deutschlands e. V., referierte für den schulischen Bereich. Daran schloss sich der Vortrag von Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn, für den außerschulischen Bereich an.

Prof. Dr. Susanne Popp und Miriam Hannig vom Lehrstuhl Didaktik der Geschichte an der Universität Augsburg stellten abschließend das EU-Forschungsprojekt „EHISTO“ vor. Dabei beschäftigen sie sich mit der Darstellung des Ersten Weltkrieges in populären Geschichtsmagazinen in verschiedenen europäischen Ländern. Erstaunlicherweise sind hier die Unterschiede deutlich geringer als erwartet. Wenn man „Geschichte verkaufen“ will, gelten in Europa scheinbar überall sehr ähnliche Marktgesetze.

 

Was bleibt?

Erstens das Fazit, dass noch ein weiter Weg zu den gemeinsamen europäischen Erinnerungskulturen vor uns liegt. Ein regelmäßiger gegenseitiger internationaler Austausch ist dabei unerlässlich. Dem Volksbund kommt mit seiner Erfahrung und seiner Vernetzung in Europa hierbei eine besondere Verantwortung zu.

 

Fotogalerie:

Symposium von Volksbund und Konrad-Adenauer-Stiftung

Erste Informationsmaterialien zu Beginn der Führung auf dem neuen Garnisonsfriedhof am Columbiadamm.

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Einführende Erläuterungen von Ingolf Wernicke am alten Eingangsbereich des Friedhofes

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Das künstlerisch beeindruckendste Denkmal dient der Erinnerung an den Krieg 1870/71.

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Insgesamt befinden sich auf diesem Friedhof über 7000 Gräber der Toten des Ersten Weltkrieges.

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Die Gräber der zwei Weltkriege lassen sich heute lediglich anhand der Inschrift unterscheiden.

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Fast jedes Regiment stellte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg sein eigenes Denkmal auf.

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Oftmals wurde nach 1945 eine Inschrift für die Toten des Zweiten Weltkrieges ergänzt.

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Gräberfeld des Ersten Weltkrieges

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Einzelgrabkennzeichnung

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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Ende des Rundgangs

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Analog zum britischen Poppy hat der Volksbund zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg als Anstecker ein Vergissmeinnicht.

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Staatssekretärin Hildigund Neubert begrüßt die Gäste zum öffentlichen Teil des Symposiums "Das Zeitalter der Weltkriege im europäischen Gedächtnis".

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Auf dem Podium sitzen von links nach rechts: Dr. Norbert Seitz (Radioautor des Deutschlandfunk), Taja Vovk van Gaal (Direktorin Haus der europäischen Geschichte, Brüssel), Prof. Dr. Guido Knopp (ehem. Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte), Markus Meckel (Präsident des Volksbundes), Prof. Dr. Sönke Neitzel (Lehrstuhl für internationale Geschichte, London)

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Die Veranstaltung im Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung erfreute sich eines großen Zuspruchs.

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