Ein Tag wie kein anderer

Angehörige treffen Umbetter beim Volkstrauertag in Berlin

2. Dezember 2005

Erwin Milbradt ist zum ersten Mal in der Hauptstadt. „Berlin hab ich bisher immer gemieden. Mein Onkel ist hier in den letzten Kriegstagen gestorben“, sagt er und blickt bedrückt auf den Boden, wo eine Doppelreihe nasser Pflastersteine den ehemaligen Verlauf der Mauer markiert. Jetzt sind sie aber doch da, Erwin und Waltraud Milbradt, Schwester Christel samt Ehemann Franz Rolfs. Sie kommen aus einem ganz besonderem Grund: Heute ist der Volkstrauertag 2005. Heute treffen sie die jungen Soldaten aus Weißrussland, welche die Gebeine ihres Vaters Wilhelm Milbradt geborgen haben. Auch für sie ist es ist ein Tag wie kein anderer.

 

Empfang im Bundestag

 

Lange bevor die Übertragung der Volksbund-Gedenkstunde mit Bundespräsident Horst Köhler über den Bildschirm flimmert, stehen die beiden älteren Ehepaare vorm Reichstag. Dort werden sie von der Bundestags-Vizepräsidentin Gerda Hasselfeldt und den Angehörigen des weißrussischen Spezialbataillons empfangen. Die Übersetzer leisten Schwerstarbeit. Es gibt viel zu erzählen. „Ja, wir haben ihren Vater umgebettet“, heißt es dann: eine Gewissheit, die jetzt erst zur gefühlten Wirklichkeit wird. Erwin Milbradt ist dankbar, gerührt. Sein kariertes Taschentuch wird er an diesem Tag noch öfter an die feuchten Augen führen. Seine Ehefrau steht daneben. Sie streicht ihm zärtlich und beruhigend über den Rücken, obwohl sie selbst den Tränen nahe ist.

 

Vor vier Jahren waren die Milbradts ins ferne Weißrussland gereist, die Rolfs ein Jahr zuvor. Es war ihre ganz persönliche Spurensuche: Wo liegt mein Vater? – dieser Gedanke ließ Erwin Milbradt und seine Schwester Christel wie eine offene Wunde über die Jahrzehnte nicht zur Ruhe kommen. „Ich erinnere mich noch, als ich ihn als Elfjähriger beim letzten Abschied zum ersten Mal weinen sah. Ob er es geahnt hat?“, fragt sich Erwin Milbradt noch heute. Kurz nach Kriegsende haben sie die Meldung vom Tod ihres Vaters und von der ungefähren Grablage erhalten. Dazu ein paar persönliche Dinge, darunter ein letzter Brief, den er nicht mehr abschicken konnte. Doch die Mauer, das fremde Land und die unbekannte Sprache hatten bis dahin einen Besuch am Grab verhindert. Dann half der Zufall.

 

Lange Reise

 

„Wir haben schon nicht mehr daran geglaubt“, sagen die Milbradts. Doch in der Apotheke, in der Waltraud arbeitet, gibt es eine Kollegin, die zufällig aus dem Gebiet kommt, in dem Wilhelm Milbradt am 15. Juli 1944 sein Leben ließ. Sie heißt Inessa. Sie ist sehr hilfsbereit, organisiert schließlich eine Unterkunft im Hause ihrer Eltern. Dennoch ist es eine lange Reise, bis das ältere Ehepaar aus Schleswig-Holstein endlich am Grab von Wilhelm Milbradt in Weißrussland steht. Doch das Grab ist nur einer von zehn unscheinbaren Hügeln auf einer verlassenen Koppel. Zurück in Deutschland nehmen sie Kontakt zum Volksbund auf. Ihr Wunsch ist es, dass der verstorbene Vater ein würdiges Grab erhält. So kommt es, dass Wilhelm Milbradt unter den ersten Kriegstoten ist, die auf dem neuen Soldatenfriedhof in Berjosa ihre letzte Ruhestätte bekommen.

 

Eine Hand voll Erde

 

Ein würdiges Grab erhalten auch die 28 gefallenen Sowjetsoldaten, die zwei Tage vor der großen Berliner Gedenkstunde im gut hundert Kilometer entfernten Lebus bestattet werden. Viktor Schumsky und seine Soldaten, die Wilhelm Milbradt nach Berjosa umgebettet hatten, stehen bei der feierlichen Einbettung in der ersten Reihe. Dann nimmt jeder eine Hand voll Erde und wirft sie auf die mit Blumen verzierten Särge. Volksbund-Umbetter Erwin Kowalke hatte sie in den vergangenen Monaten in Brandenburg geborgen. „So wie sich die Weißrussen um die deutschen Gefallenen kümmern, kümmern sich die Deutschen auch um die sowjetischen Kriegsopfer“, sagt er. Evgeni Anatolewitsch Piljaev vom Verbandes der russischen Soldatengedenkstätten steht daneben. Der Direktor des Volksbund-Partnerverbandes in der russischen Föderation lauscht der Übersetzung, dann nickt er.

 

Gemeinsames Gedenken

 

Die Gemeinsamkeiten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Gedenkveranstaltungen. Schon 24 Stunden vor dem Volkstrauertag legen Deutsche, Weißrussen, Russen, Ukrainer und weitere Angehörige anderer Nationen am sowjetischen Mahnmal in Pankow gemeinsam Kränze nieder. Zu Kranzniederlegungen und Gedenkveranstaltungen versammeln sich die Menschen auch in Plötzensee, der Berliner Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus, dem jüdischen Friedhof Weißensee, der Neuen Wache oder in der Lilienthalstraße. Dort spricht auch der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, zu einem internationalen Publikum. Vor ihm erstreckt sich ein Meer aus Blumenkränzen, um ihn herum verfolgen hunderte Besucher die Gedenkveranstaltung in der Abendstunde.

 

Zurück im Reichstag: Die Milbradts und die Rolfs sitzen ganz vorne auf der Besuchertribüne. Die Kamera fängt sie ein, während vier Schülerinnen aus Lübben im Spreewald vorne am Sprecherpult Erlebnisberichte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges verlesen. „Der Volksbund erfüllt seine Aufgaben im Auftrag der Bundesregierung und nimmt damit völkerrechtliche Verpflichtungen Deutschlands wahr. Hierfür möchte ich dem Volksbund heute stellvertretend danken und die künftige Bundesregierung bitten, diese Arbeit auch in Zukunft zu ermöglichen“, heißt es dann in der Rede des scheidenden Verteidigungsministers Peter Struck.

 

Es folgt die Nationalhymne und das Lied vom guten Kameraden. Wenig später treffen die Angehörigen von Wilhelm Milbradt zusammen mit den weißrussischen Soldaten den Bundespräsidenten. Im Trubel des Empfangs findet er Zeit, ausgiebig mit ihnen zu sprechen. Auch das ist ein Erlebnis, das Erwin Milbradt nicht mehr vergessen wird – ein Tag wie kein anderer.

 

Maurice Bonkat