Pressespiegel - BV Lüneburg/Stade

asb Gartow. Irgendwo in der Ferne brummt ein Bagger auf dem Gartower Friedhof. Mit der Totenruhe ist es für ein paar Minuten vorbei.
Zu sehen ist nichts. Erst hinter einer mannshohen Thujahecke zeigt sich der kleine Bagger der Samtgemeinde. Erich Kowalke dirigiert das Gerät. Er leitet eine der größten Umbettungsaktionen von Kriegstoten in der Geschichte des Kreises, ist aus dem brandenburgischen Buckow angereist. So wie auf dem Gartower Friedhof erging es vielen Gräbern von ausländischen Zwangsarbeitern, die in Deutschland während des Krieges zu Tode kamen. Verscharrt am Rande des Friedhofs, oft beerdigt unter unwürdigen Umständen, gerieten sie im Laufe der Zeit in Vergessenheit oder wurden mit großen Anpflanzungen vom Rest des Friedhofes getrennt. In Wustrow zum Beispiel war das Grab eines polnischen Zwangsarbeiters im Unkrautdschungel kaum noch aufzufinden, so Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK). Der Staat hat die Fürsorge für die Kriegsgräber zu übernehmen. So jedenfalls will es das Gesetz. Deshalb initiierten die Samtgemeinden Gartow, Lüchow und Dannenberg schon vor einiger Zeit die Umbettung von 17 Kriegstoten in eine Kriegsgräberstätte. Allein in der Samtgemeinde Gartow waren 13 Tote umzubetten, polnische und russische Zwangsarbeiter oder deutsche Soldaten, die während des Krieges zu Tode gekommen und auf den Friedhöfen in Brünkendorf, Nienwalde, Gartow, Meetschow und Lanze beerdigt - manchmal verscharrt - worden waren. Aber auch in Dambeck und in Wustrow holte Umbetter Erich Kowalke Gebeine von vier Kriegstoten aus der Erde, die dann an Kriegsgräberstätten in Dannenberg und Lüchow ein zweites Mal bestattet wurden.

Genau weiß Kowalke es nicht, aber in 30 Jahren beim VDK hat er mehr als 20000 Gebeine aus der Erde geholt, bei der Suche nach Vermissten geholfen und die Einrichtung einer neuen Gedenkstätte unterstützt. Kein Wunder, dass der passionierte Umbetter, der seinen Vater im Zweiten Weltkrieg in Frankreich verloren hat, genau weiß, was er tut: Mit sicherer Hand dirigiert er den kleinen Bagger, stoppt ihn zentimetergenau über dem Sarg. An den Erdverfärbungen erkennt er genau, wo das Skelett liegt. Dann beginnt die Arbeit mit Schippe und Grabgabel. Kowalke tastet sich durch die Erde, legt die Gebeine nach kaum zehn Minuten in einen 75 mal 40 Zentimeter großen Pappsarg. Eins vergisst Kowalke bei aller Routine nie: dass es Menschen waren, deren Knochen er aus der Erde holt. Achtsam geht er deshalb vor, übersieht auch kleine Andenken wie ein Bernsteinamulett nicht, die den Toten ins Grab gelegt worden waren. Und nie lässt er es sich nehmen, bei der anschließenden Gedenkfeier dabei zu sein. Denn auch die vor über 70 Jahren Verstorbenen haben Angehörige. Zum Beispiel in Wustrow, wo der Bruder einer Frau tief gerührt an der Gedenkfeier teilnahm. Die junge Dambeckerin war im Zweiten Weltkrieg während des Angriffs auf Dannenberg umgekommen. Doch nicht alle in der Region fanden die Umbettungen gut. Pastor Udo Engel aus Wustrow zum Beispiel hätte das Grab des polnischen Zwangsarbeiters lieber auf dem eigenen Friedhof behalten. Der Kirchenvorstand hatte sogar per Beschluss dagegen gestimmt, dass das Grab entfernt wird. Doch die Samtgemeinde habe ohne weitere Rückmeldung an der Umbettung festgehalten. »So wird uns eine Gedenkmöglichkeit auf dem Wustrower Friedhof genommen», bedauert der Kirchenmann. Heinz-Adolf Klauck, bei der Samtgemeinde Lüchow zuständig für die Umbettung, wehrt sich gegen die Vorwürfe. Nach dem Kirchenvorstandsbeschluss habe er sich mit Engel mehrfach über die Angelegenheit besprochen und den Eindruck gehabt, dass die Umbettung letztlich akzeptiert worden sei. Elke Steiling, Vorsitzende des Kirchenvorstands in Meetschow, hatte ähnliche Bedenken wie der Pfarrer Engel. Dort will der Kirchenvorstand nun wenigstens dem ehemaligen Grabstein einen Platz auf dem Friedhof geben, um das Gedenken an Krieg, Gewalt und Opfer zu erhalten. In Gartow liegen nun auch die ehemaligen Zwangsarbeiter aus Polen und Russland inmitten von mehr als 60 Gedenksteinen für gefallene deutsche Soldaten an der Kriegsgräberstätte am Ehrenhain. Über die Umbettung an den Ehrenhain gab es dort keinerlei Diskussion. Und das ist vielleicht das eindeutigste Zeichen dafür, dass alte Konflikte endgültig überwunden sind. 

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