Textsammlungen und Reden zur Erinnerungskultur

 

13.11.2015, Prof. Rolf Wernstedt
Gottfried- Wilhelm- Leibniz- Universität Hannover


Die Erinnerung an den Soldatentod als politischs und ethisches Problem

Übermorgen ist wieder Volkstrauertag.In fast allen Kommunen Deutschlands werden an Kriegsgräberstätten und vor allem an sog. Kriegerdenkmälern von Bürgermeistern, Landräten, Ministern oder anderen Frauen und Männern des lokalen öffentlichen Lebens Kränze niedergelegt, kleine Gedenkreden gehalten, manchmal spielen Feuerwehrkapellen ein Lied- meist Ludwig Uhlands „Ich hatt`einen Kameraden“ von 1809-, Reservisten erscheinen in Uniform, zuweilen werden auch Fackeln getragen.

Die Zahl der meist älteren Teilnehmenden sinkt von Jahr zu Jahr. Die Kritik an ritualisierten Formen und Inhalten wächst.
Die Zeremonien finden meist an den auf den unterschiedlichsten Denkmälern angebrachten Namenslisten der im esten und zweiten Weltkrieg  gefallenen oder vermissten Soldaten statt.
Die Denkmäler sind in Deutschland zumeist in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts errichtet worden und enthalten neben des Jahreszahlen kurze und eindeutig politische oder religiöse Sentenzen, z. B. „Gefallen für Kaiser, König, Vaterland“ oder den religiösen Hinweis, der Soldatentod sei dem Kreuzestod Christi vergleichbar oder den sein religiöses Wirken zusammenfassenden  Satz des Paulus „Ich habe einen guten Kampf gekämpft“ (Timotheus 2, 4, 7).
Ich beschränke mich in meinen Überlegungen auf die deutsche Seite. Denn die Interpretation des Soldatentodes bei Siegern ist verständlicher Weise anders als bei Verlieren.


I.    Interpretation des Soldatentodes im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik

In der offiziellen Sieges- Euphorie im Jahre 1914 war man noch davon ausgegangen, dass der Krieg nur einige Monate dauern würde, natürlich mit einem Sieg enden  und Größe und Glanz des kaiserlichen Deutschland alles überstrahlen würde.
Aber bereits im November 1914 hatte der Oberbefehlshaber Falkenhayn vorgetragen, dass der Krieg auf die angenommene Weise nicht zu gewinnen sei.
Dies nicht beherzigt zu haben gehört zu den unverzeihlichen Fehlern der damaligen militärischen und politischen Führung.
Geradezu unvorstellbar groß wurden die Zahlen der gefallenen Soldaten, wenn man die Erfahrungen und Erinnerungen des 19. Jahrhunderts zum Vergleich heranzog.
Niemand war darauf vorbereitet, dass man Hunderttausende Soldaten zu beerdigen haben würde.
Der soldatische Massentod war in seiner Unmittelbarkeit so ungeheuer, dass die meisten Soldaten ihn als Schicksal begriffen und die Einzelheiten nicht kommunizieren mochten.
Dies ist die Stelle, an der der Sprachgebrauch des „Heldentodes“ sowohl für die kämpfenden Soldaten als auch für die Angehörigen in der Heimat einen funktionalen Sinn bekam.

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21.07.2014, Prof. Rolf Wernstedt
Grußwort im Niedersächsischen Landtag

Gedenkveranstaltung "100 Jahre Gegenwart. Der Erste Weltkrieg zwischen Gedenken und Nichtgedenken"

 

Als Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge bin ich es gewohnt, in Deutschland und Europa vom Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen her zu denken, nämlich von den Gräbern der Kriegstoten her.

Was den Ersten Weltkrieg angeht, sind es, je nachdem, wen man mit einrechnet, zwischen 12 und 17 Millionen Tote, mehr als 30 Millionen Kriegsversehrte. Der Erste Weltkrieg war (mit Ausnahme des Dreißigjährigen Krieges) der letzte Krieg, in dem noch mehr Soldaten als Zivilisten ums Leben kamen. Danach war es weit dramatischer.

Von den etwa 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges waren mehr als 30 Millionen Zivilisten, von heutigen Kriegen ganz abgesehen. Soweit ganz nüchtern die Zahlen.

Alle Kriegsgräber sind nach den Genfer Vereinbarungen von 1927 und 1948 auf Dauer zu erhalten. Auch die des Ersten Weltkrieges. In Niedersachsen sind es einige Tausend ( auch in der Stadt Hannover), im Wesentlichen in Lazaretten gestorbene Soldaten aller Länder, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Russland, Serbien, Polen, Frankreich, Ungarn und England.

Sie sind die letzten materiellen Zeugen des Ersten Weltkrieges in Deutschland, alles Andere wissen wir aus den Archiven oder Büchern oder mancher mündlichen Überlieferung.

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20.07.2014, Prof. Rolf Wernstedt
Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Das Jahrhundert der Weltkriege" /
Hodlersaal Neues Rathaus Hannover

Der 20. Juli 1944 und die Widerstandsbewegung

Je weiter ein Ereignis zurückliegt, desto notwendiger wird ist, seine Erinnerungswürdigkeit zu überprüfen und darauf zu befragen, ob es denn wirklich so wichtig war, dass es sich aus allgemeinen historischen oder politischen Gründen anbietet, die Erinnerung wach zu halten.

Vor 100 Jahren war es selbstverständlich, dass alle Menschen in Deutschland wussten, dass der 2. September der Sedanstag war. Kaisers Geburtstag weiß auch keiner mehr ( 27. Januar). Seit 1919 verblassten die Daten des Kaiserreichs.

Über die Erinnerungstage der Weimarer Republik oder der Nazizeit redet keiner mehr; die der DDR sind nur noch in den Köpfen derer, die dort zur Schule gegangen sind (7. Oktober., 8. Mai).

In den Vordergrund schieben sich andere Daten des 20. Jahrhunderts, vor allem die beiden Weltkriege 1914-. 1918 und 1939-1945, die merkwürdige gegensätzliche Symbolkraft des 9. November (1918 Novemberrevolution, 1923 Hitler/ Ludendorf- Putsch, 1938 Reichspogromnacht, 1989 der Fall der Mauer).

Die offiziellen politischen Feiertage der Bundesrepublik ( der 17. Juni oder seit 1990 der 3. Oktober) fanden und finden ohne massenhafte innere Beteiligung statt. Jede Olympiade und jedes Fußballturnier bewegt mehr Menschen.

Aus diesem schlichten Befund ergibt sich schon die erste Feststellung: Historische Gedenktage, die politische Hintergründe haben, sind politische Setzungen und Willensdaten, die in der Regel von den jeweils Herrschenden zu ganz bestimmten Zwecken gestiftet werden. Der Hauptzweck ist in der Regel die absichtsvolle Steigerung der eigenen Herrschafts- Legitimation und deren Verankerung im Bewusstsein und der Gefühlslage der Bevölkerung.

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03.02.2012, Prof. Rolf Wernstedt
Gedenkveranstaltung des Vereins KZ-Engerhafe in Aurich

"Kein Nachdenken ohne Erinnerung"

Es hat lange gedauert, bis man in der alten Bundesrepublik ( in der DDR lag es anders, aber nicht nachhaltig besser) begriffen hatte, dass man die Zeit des Nationalsozialismus mit seinen deutschen Allmachtsphantasien, den dämlichen Rassetheorien, den verheerenden Kriegstreibereien, den in deutscher Verantwortung begangenen Verbrechen in ganz Europa, den Vernichtungsakten gegenüber den Juden, Sinti und Roma, den Unmenschlichkeiten gegenüber Kriegs- Gefangenen, Zwangsarbeiterinnen und KZ- Häftlingen sowie politischen Gegnern usw. nicht einfach mit Vergessen übergehen konnte.

Versucht worden ist es lange.

Denn es waren ja vielfach junge Männer, die vor allem im Alter zwischen 20 und 45 Jahren als direkte und indirekte Täter in Erscheinung getreten waren. Die Teilnehmer der sog. Wannsee- Konferenz z. B. ( von der in den letzten Wochen ausführlich berichtet worden ist), auf der die möglichst geräuschlose Vernichtung der europäischen Juden beschlossen wurde, war von Männern dieses Alters und mit akademischer Ausbildung bestimmt.

Diese Jahrgänge waren nach dem Krieg noch lange in der Gesellschaft tätig, bevölkerten Schulen, Gerichte, Hochschulen, Verwaltungen und in der Wirtschaft einflussreiche Stellungen. Unter Einschluss des sog. Volkssturmes waren mehr als 18 Millionen deutscher Männer unter Waffen. Jede Familie war bewusst oder wider Willen an das Regime gebunden. Von ihnen ging ein Druck des Schweigens und Verschweigens, des Abstreitens und Verdrängens aus. Die Gründe waren vielfältig, sie reichten von Scham bis Interesse, Furcht bis Unbelehrbarkeit.

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Aus der Geschichte lernen - Zwei Seiten eines Denkmals

In fast jeder Gemeinde Deutschlands stehen Denkmäler, die an die gefallenen und vermissten Soldaten verschiedener Kriege erinnern. Die Wandlung im Verständnis des Soldatentodes, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung vollzogen hatte, findet sich in der Regel an den Kriegsdenkmälern nicht wieder.

Eine löbliche Ausnahme findet sich in der Gemeinde Hämerten an der Elbe bei Stendal. Dort befindet sich ein Denkmal, auf dessen einer Seite der folgende Text angebracht ist: "Zum unvergänglichen Gedächtnis der im Weltkrieg 1914 - 1918 aus der Gemeinde Hämerten gefallenen Helden". Es folgen elf Namen und darunter der Spruch: "Wer den Tod im heiligen Kampfe fand, ruht auch in fremder Erde im Vaterland!".

 

Auf der anderen Seite steht: "Zum Gedenken an die Opfer des 2. Weltkrieges 1939 - 1945 in der Gemeinde Hämerten". Darunter liest man den folgenden Satz des Dichters Günter Eich: "Wir wollen, dass nicht um Helden sondern um Söhne getrauert wird, dass nicht die tönenden Vokabeln aufbewahrt werden für den nächsten Gebrauch, dass nicht das Vergessen eingesetzt wird in eine neue Rechnung des Grauens."

Dies ist ein gelungenes Beispiel, wie man aus den Katastrophen zweier Weltkriege lernen kann. Es kennzeichnet durch die Rhetorik die Zeitbedingtheit des Denkens nach dem Ersten Weltkrieg und demaskiert durch das Eich-Zitat die hohlen Phrasen der anderen Seite des Denkmals. Politisch sind beide Seiten, aber das Arrangement zeigt, wie man mit Nachdenken Irrtümer aufhebt und frei für eine neue Zukunft werden kann.

Prof. Rolf Wernstedt

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