Beiträge zur Erinnerungskultur
"Kein Nachdenken ohne Erinnerung"
Vortrag Prof. Rolf Wernstedt auf der Gedenkveranstaltung des Vereins KZ - Engerhafe in Aurich am 3. 2. 2012
Es hat lange gedauert, bis man in der alten Bundesrepublik ( in der DDR lag es anders, aber nicht nachhaltig besser) begriffen hatte, dass man die Zeit des Nationalsozialismus mit seinen deutschen Allmachtsphantasien, den dämlichen Rassetheorien, den verheerenden Kriegstreibereien, den in deutscher Verantwortung begangenen Verbrechen in ganz Europa, den Vernichtungsakten gegenüber den Juden, Sinti und Roma, den Unmenschlichkeiten gegenüber Kriegs- Gefangenen, Zwangsarbeiterinnen und KZ- Häftlingen sowie politischen Gegnern usw. nicht einfach mit Vergessen übergehen konnte.
Versucht worden ist es lange.
Denn es waren ja vielfach junge Männer, die vor allem im Alter zwischen 20 und 45 Jahren als direkte und indirekte Täter in Erscheinung getreten waren. Die Teilnehmer der sog. Wannsee- Konferenz z. B. ( von der in den letzten Wochen ausführlich berichtet worden ist), auf der die möglichst geräuschlose Vernichtung der europäischen Juden beschlossen wurde, war von Männern dieses Alters und mit akademischer Ausbildung bestimmt.
Diese Jahrgänge waren nach dem Krieg noch lange in der Gesellschaft tätig, bevölkerten Schulen, Gerichte, Hochschulen, Verwaltungen und in der Wirtschaft einflussreiche Stellungen. Unter Einschluss des sog. Volkssturmes waren mehr als 18 Millionen deutscher Männer unter Waffen. Jede Familie war bewusst oder wider Willen an das Regime gebunden. Von ihnen ging ein Druck des Schweigens und Verschweigens, des Abstreitens und Verdrängens aus. Die Gründe waren vielfältig, sie reichten von Scham bis Interesse, Furcht bis Unbelehrbarkeit.
Ich nenn´euch die Zahl, die Namen, die Qual...
Friedenspädagogische Chancen des öffentlichen Kriegstotengedenkens
(Kopie 1)
Dieses Editorial von Katrin Hammer, Redakteurin an der Hessischen Stiftung für Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt a.M. führt ein in eine Untersuchung von Dr. Sabine Mannitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der HSFK, die unter dem Titel "Ich nenn' euch die Zahl, die Namen, die Qual... Friedenspädagogische Chancen des öffentlichen Kriegstoten- gedenkens" in "HSFK-Standpunkte", Nr. 8/2010 veröffentlicht wurde.
In absehbarer Zeit wird es keine Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs mehr geben. Das hat für die deutsche Erinnerungskultur zwangsläufig Folgen. Denn während in der offiziellen Erinnerung, spätestens nach den Auschwitzprozessen, das Eingeständnis der Schuld am systematischen Massenmord an den Juden und am Ausbruch des Krieges fest verankert wurde, überwiegen im privaten Bereich andere Erinnerungsmuster. Familiäre Erfahrungen von Flucht, Hunger, Bombardierungen und den Gräueln des Krieges schaffen den emotionalen Kontext für eine eigene Bewertung der Geschichte. Die Schuld Deutschlands wird oftmals zum Kapitel im Geschichtsbuch, überlagert von der persönlichen Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre.
Was aber wird aus den so unterschiedlichen Toten des Zweiten Weltkriegs, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind und die familiären Erzählungen langsam an Kraft verlieren? Sollen und können sie Teil einer öffentlichen Erinnerungskultur werden, die Mitläufer und Täter, Leugner und Gegner eines totalitären Regimes?
Sabine Mannitz stellt die Frage nach einem angemessenen öffentlichen Erinnern an die Kriegstoten. Sie zeigt, wie Kriegsgräberstätten, eingebettet in das Gedenken an die unterschiedlichen Opfer von Krieg und Verfolgung, auch in Zukunft friedenspädagogisch wichtige Aufgaben erfüllen können: Sie können der Demokratie- und Menschenrechtserziehung dienen und als europäische Gedächtnisorte dazu beitragen, dass die Bedingungen und Folgen von Unmenschlichkeit und Massengewalt nicht in Vergessenheit geraten.
Katrin Hammer
Die Untersuchung von Dr. Sabine Mannitz können Sie hier herunterladen
Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen
"So wehrlos die Toten sind, so mächtig sind sie zugleich. Wir müssen den Suggestionen standhalten, ein Zeugnis ablegen, das den Tätern und Denkern von ihren eigenen Bedingungen her gerecht wird, und zugleich Stellung nehmen- so, als stritten sie noch mit uns. Wenn sie zu Unrecht verunglimpft werden, sollen wir sie verteidigen und in Schutz nehmen. In anderen Fällen müssen wir verstehen und dennoch urteilen. Das können wir nur, wenn wir uns mit dem toten Gebein solidarisch wissen in unserer Menschlichkeit vor Gott, der über den Zeiten ist."
Reinhard Wittram
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge arbeitet im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland. Seine Tätigkeit geschieht in staatlichem Auftrag und ist völkerrechtlich geboten. Nach der Genfer Konvention ist jedes Land verpflichtet, für auf seinem Gebiet gefallene Soldaten und andere Kriegstote Gelände für Kriegsgräberstätten zur Verfügung zu stellen. Die Suche nach den Toten, die Bergung der Überreste, die Anlage und Pflege von Grabstätten und die Benachrichtigung der Angehörigen obliegt dem Land, dem die Toten angehören.
Die gefallenen Soldaten haben nach der Genfer Konvention ein dauerndes Ruherecht. Ihre Gräber dürfen also nicht, wie es im privaten Bereich üblich ist, nach einer gewissen Zeit aufgehoben werden.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut im Ausland mehr als 840 Friedhöfe des 1. und 2. Weltkrieges. Die Anlage von Friedhöfen im Osten Europas ist erst nach 1990 möglich geworden. Sie dauert noch an. Der Volksbund finanziert seine Arbeit zu 90% aus Spenden.
Die Arbeit des Volksbundes steht im Dienste der Bedürfnisse der Angehörigen und versteht sich als Friedensarbeit. Die Fürsorge für die Kriegsgräber ist Teil der Gedenkkultur in Deutschland. Das Gedenken an die Toten schließt die Soldaten und zivilen Toten aller Länder ein, es gilt auch den Opfern der Kriegshandlungen durch Bomben, Vertreibung, Flucht und Verfolgung und vergisst vor allem nicht die durch systematischen Massenmord Umgekommenen.
Die Würdigung der Opfer des Holocaust steht heute im Vordergrund des öffentlichen Gedenkens. Dies ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen wissenschaftlichen und politischen Prozesses. Diese Würdigung gehört heute zu Recht zur hart erstrittenen öffentlichen Kultur.
Das zweifellos millionenfache Leid der Zivilbevölkerung aller Länder im Krieg, also auch Deutschlands, wurde in sehr unterschiedlicher Weise wahrgenommen (Bombentote, Flucht, Vertreibung, Kampfhandlungen, Misshandlungen u. a.). Die gerechte Würdigung des Leids in Deutschland wurde insofern schwieriger, als man befürchtete und manchmal auch befürchten musste, hier würde eine Aufrechnung betrieben und eine Relativierung der politischen Ursprungsschuld Deutschlands am 2. Weltkrieg beabsichtigt.
Noch komplizierter stellt sich eine gerechte Würdigung der gefallenen und verwundeten Soldaten dar. Während in den Siegerländern immerhin noch gesagt werden kann, sie seien für eine gerechte Sache (Freiheit, Demokratie, Kampf gegen eine Diktatur oder Verteidigung des eigenen Vaterlandes) gestorben, fällt dies für deutsche Soldaten aus. Dennoch waren sie demselben Elend und Sterben ausgesetzt wie alle anderen Soldaten. Sie haben mit ihrem Leben, ihrer Gesundheit und ihrer Zukunft bezahlt. Auch viele, die glaubten, sie kämpften für ihr Vaterland, konnten sich nicht vorstellen, dass die Führung ihres Landes sie längst verraten und missbraucht hatte.
Sie waren Angehörige einer Armee, die nicht nur einen Angriffskrieg zu verantworten hatte, sondern im Osten und Südosten Europas einen auch nach damaligem Kriegsrecht unzulässigen Vernichtungskrieg geführt hatte.
Nicht nur die politische, sondern häufig auch die militärische Führung hat sich für größere völkerrechts- und kriegsrechtswidrige Verbrechen und Befehle zu verantworten.
Das Gedenken an die deutschen Soldaten des 2. Weltkrieges steht deswegen immer unter einem doppelten Aspekt: Über jedem deutschen Soldatenfriedhof liegt- unabhängig von der Schuld oder Unschuld des einzelnen Soldaten- der Schatten nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.
Wir müssen - über sechzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg - die Erinnerung und das Gedenken so pflegen, dass eine angemessene Würdigung der Opfer gelingt, ohne dass Verbrechen, Versagen und Verantwortlichkeiten verschwiegen werden.
Hierzu gibt es viele Fragen. Zum Beispiel: Wie geht man mit der Tatsache um, dass es Menschen gab, die zugleich Täter und Opfer waren? Wie kann man die private Trauer und den öffentlichen Aspekt jedes Kriegstodes verknüpfen? Wer darf Versöhnung und Vergebung proklamieren oder erbitten? Wie kann man die eigene Erinnerung nachhaltig in den Gesamtzusammenhang des Geschehenen einbauen, um für die Zukunft zu lernen?
Prof. Rolf Wernstedt
Aus der Geschichte lernen - Zwei Seiten eines Denkmals
In fast jeder Gemeinde Deutschlands stehen Denkmäler, die an die gefallenen und vermissten Soldaten verschiedener Kriege erinnern. Die Wandlung im Verständnis des Soldatentodes, den der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem Bekenntnis zu Frieden und Versöhnung vollzogen hatte, findet sich in der Regel an den Kriegsdenkmälern nicht wieder.
Eine löbliche Ausnahme findet sich in der Gemeinde Hämerten an der Elbe bei Stendal. Dort befindet sich ein Denkmal, auf dessen einer Seite der folgende Text angebracht ist: "Zum unvergänglichen Gedächtnis der im Weltkrieg 1914 - 1918 aus der Gemeinde Hämerten gefallenen Helden". Es folgen elf Namen und darunter der Spruch: "Wer den Tod im heiligen Kampfe fand, ruht auch in fremder Erde im Vaterland!".
Auf der anderen Seite steht: "Zum Gedenken an die Opfer des 2. Weltkrieges 1939 - 1945 in der Gemeinde Hämerten". Darunter liest man den folgenden Satz des Dichters Günter Eich: "Wir wollen, dass nicht um Helden sondern um Söhne getrauert wird, dass nicht die tönenden Vokabeln aufbewahrt werden für den nächsten Gebrauch, dass nicht das Vergessen eingesetzt wird in eine neue Rechnung des Grauens."
Dies ist ein gelungenes Beispiel, wie man aus den Katastrophen zweier Weltkriege lernen kann. Es kennzeichnet durch die Rhetorik die Zeitbedingtheit des Denkens nach dem Ersten Weltkrieg und demaskiert durch das Eich-Zitat die hohlen Phrasen der anderen Seite des Denkmals. Politisch sind beide Seiten, aber das Arrangement zeigt, wie man mit Nachdenken Irrtümer aufhebt und frei für eine neue Zukunft werden kann.
Prof. Rolf Wernstedt
Der Volksbund wird 90 Jahre alt – und wandelt sich
(Kopie 2)
Vom Soldatengedenken zur Vermittlung von Erinnerung an die kommende Generation - Volkstrauertag am 15. November 2009
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, 1919 als Verein für die Errichtung von Kriegsgräbern des 1. Weltkrieges gegründet, hat sich in seinem Selbstverständnis gewandelt. Während er sich jahrzehntelang und bis heute im Auftrag der Bundesregierung in erster Linie um den Bau und die Pflege von Soldatenfriedhöfen und um die Angehörigenbetreuung gekümmert hat, stellt sich nun zunehmend die Frage, wie die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Toten der Weltkriege – und eben nicht nur der Soldaten! - in die Gesellschaft hinein vermittelt werden kann. Was kann die Generation der im 21. Jahrhundert Geborenen und Lebenden aus der politischen und humanitären Katastrophe des Krieges und der Vernichtung für ihr eigenes Handeln lernen?
Für den Volksbund, der weltweit, besonders aber in Europa, mehr als 800 Friedhöfe betreut, steht das Kriegsgrab als Ausgangspunkt und oft einziges sichtbares Zeugnis der Schrecken des Krieges im Vordergrund. Der Ort wird zum Lernort, wenn seine Geschichte erzählt werden kann. Für Jugendliche ist die Tatsache von Millionen Toten heute kaum vorstellbar. Gräber und deren menschliche Einzelschicksale allerdings sind ein Zugang, der für sie nachvollziehbar ist.
Wichtig dabei ist, dass "Verantwortlichkeiten nicht verschwiegen werden", wie Prof. Rolf Wernstedt, Vorsitzender des Volksbundes in Niedersachsen, betont. „Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen“. Dies hatte der Bundestag schon 1997 mit den Stimmen aller Parteien erklärt und ist auch für den Volksbund eine argumentative Grundlage, von der aus er seine Arbeit zu gestalten hat.
Immer noch liegen millionenfach auf den Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges Soldaten aller Nationen, und in den Massengräbern unbestattete Gebeine von ermordeten Juden und Verfolgten des Nationalsozialismus, Vertriebene, Flüchtlinge und Bombenopfer. Dass hier schon um der Würde der Toten, aber ebenso um der geschichtlichen Aufklärung willen kein Schlussstrich gezogen werden kann, ist auch jungen Menschen gut vermittelbar.
Auf dem Hintergrund der geschichtlichen Erkenntnisse und den Mechanismen der Gewaltherrschaft der Zeit des Nationalsozialismus bekommt die Diskussion um gegenwärtige Fragen wie Rechtsradikalismus, Rassismus, Menschenrechte und Demokratie eine tiefere Bedeutung.
Der Volksbund in Niedersachsen beschäftigt in seinen vier Bezirksverbänden Schulreferenten, die in unterschiedlichen Geschichtsprojekten, Ausstellungen und Lehrerfortbildungen auf die Totalität des Krieges aufmerksam und für die gesellschaftlichen Konsequenzen sensibel machen. Er arbeitet dabei eng mit allen Schulen und schulischen Institutionen zusammen.
Und so wandelt sich auch das Verständnis des Volkstrauertages: Es ist längst nicht mehr möglich, die Opfergruppen von Krieg und Gewalt von einander getrennt in ihren Erinnerungstraditionen und losgelöst von aktuellen Fragen, z.B. vom Einsatz der Bundeswehr, zu betrachten, wenn die jüngere Generation erreicht werden soll.
Die Schirmherrschaft für den Volksbund in Niedersachsen wird durch den Präsidenten des Niedersächsischen Landtags, Herrmann Dinkla, wahrgenommen.
In diesem Jahr erschienen:
Prof. Rolf Wernstedt
„Deutsche Erinnerungskulturen seit 1945“
Diese kurze Schrift ist das Ergebnis einer schon seit Jahren im Volksbund und darüber hinaus geführten Debatte darüber, inwiefern unterschiedliche Gedenktraditionen, die sich seit dem 2. Weltkrieg entwickelt haben und oft genug in Konkurrenz zueinander standen und noch stehen, die Kultur- und Erinnerungslandschaft und die Gesellschaft insgesamt in Deutschland beeinflusst haben.
Können – zugespitzt - Auschwitz, Stalingrad und Dresden, wenn sie auch nicht verglichen und gegeneinander aufgerechnet werden können, wenigstens in einem Kontext, nämlich der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und einem von Deutschland verschuldeten Angriffskrieg, verstanden werden?
Auf diese und eine Reihe anderer Fragen, die sich heute, mehr als sechzig Jahre seit Ende des 2. Weltkrieges für die Zukunft der Erinnerung stellen, versucht der Autor, der als ehemaliger Kultusminister in Niedersachsen engagiert für den Ausbau der Gedenkstätte in Bergen-Belsen eingetreten ist und sich als „Kriegskind“ seit 2003 für die Belange des Volksbundes in Niedersachsen einsetzt, Antworten zu finden und aus den historischen Überlegungen Schlussfolgerungen für die zukünftige Arbeit des Volksbundes zu ziehen.
Die Broschüre können Sie sich hier herunterladen
Roland Behrmann






