Den Hauch der Geschichte atmen

Lehrer aus Westfalen und Lippe auf Spurensuche im Elsass

19. Oktober 2009

Niederbronn

„Im Geschichtsunterricht merke ich, dass die familiäre Überlieferung des Zweiten Weltkrieges allmählich wegfällt – und damit auch die persönliche Betroffenheit der Schüler“, berichtet Gymnasiallehrerin Birgit Hartmetz aus Lage. „Wie können wir Schülern die monströsen Dimensionen des Zweiten Weltkrieges und des Dritten Reiches zukünftig ohne Zeitzeugen vermitteln?“ Antworten auf diese Frage erhofft sie sich von einer Fahrt nach Niederbronn-les-Bains im Elsass. Gemeinsam mit neun Kollegen aus Ostwestfalen-Lippe und dem Münsterland hat sie sich einer Studienfahrt des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und der Stiftung „Gedenken und Frieden“ angeschlossen.

Ziel ist die Jugendbegegnungsstätte „Albert Schweitzer“. Die Einrichtung liegt am Rande des beschaulichen 4.000-Einwohner-Städtchens und wird vom Volksbund unterhalten. Besonderheit: vis-à-vis befindet sich eine Kriegsgräberstätte aus dem Zweiten Weltkrieg. Rund 15.000 Opfer dieses Krieges sind hier bestattet. Nicht nur Soldaten liegen hier, sondern auch Frauen und Kinder, nicht nur Deutsche, sondern Angehörige vieler anderer Nationen.

Einzelheiten findet man in der benachbarten Ausstellung „Kriegsschicksale/ Destins de Guerre“. Sieben der auf dem Friedhof bestatteten Toten werden hier in Bildern und Dokumenten vorgestellt. Darunter ein Hitlerjunge, der noch am letzten Kriegstag zu Tode kam. Ein deutscher Kriegsgefangener, der nach dem Krieg beim Minenräumen starb. Und ein Leutnant, der seine Stellung in auswegloser Lage nicht halten wollte und wegen Befehlsverweigerung hingerichtet wurde. Beeindruckt die Kriegsgräberstätte mit ihrer massenhaften Anzahl an Kreuzen, so hebt die Ausstellung das Leid des Einzelnen hervor. Allein das Schicksal dieser sieben von 15.000 zeigt, in welch dramatischer Situation sich Menschen in dem durch die Nationalsozialisten ausgelösten Krieg befanden.

Eine andere Opferperspektive erfahren die Teilnehmer der Reise 70 Kilometer südlich in der Gedenkstätte Natzweiler-Struthof. Hier hatten die Nationalsozialisten in einem Steinbruch ein Konzentrationslager angelegt. 52.000 Menschen aus ganz Europa kamen hier erschöpft durch die unmenschliche körperliche Arbeit, ermordet am Galgen, oder gequält durch pseudo-wissenschaftliche Experimente ums Leben.

Aber nicht nur der Zweite Weltkrieg hat seine Spuren im Elsaß hinterlassen. Bereits der deutsch-französische Krieg 1870/71 kostete Zehntausende das Leben. Allein auf dem Schlachtfeld von Wörth fanden 20.000 deutsche und französische Soldaten den Tod.Hier errichteten nach diesem Krieg alle beteiligten Landsmannschaften ihre „Ehrenmale“. Nach den folgenden Kriegen wurden diese Denkmale von Franzosen und Deutschen verändert, geschleift oder um neue Denkmale ergänzt – je nach gerade vorherrschender Ideologie. So ist das Schlachtfeld von Wörth heute ein gigantisches Lehrbuch deutsch-französischer Geschichte.

Die Lehren aus dieser kriegerischen Geschichte symbolisiert heute die Stadt Straßburg mit ihrer besonderen Mischung aus elsässischer, deutscher und französischer Kultur, wo das Europäische Parlament demonstriert, wie europäische Konflikte heute gelöst werden: miteinander statt gegeneinander, mit der Zunge statt mit der Waffe.
Ein europäisches Parlament in einer von Kriegen geschundenen Region: Kann eine andere Region derart sinnfällig verdeutlichen, warum die europäische Einigung notwendig ist? „Im Elsass verbindet sich der ‚Hauch der Geschichte’ mit aktueller europäischer Politik“, schlussfolgert der Münsteraner Geschichtslehrer Tobias Franke ganz ohne Pathos. „Und die Jugendbegegnungsstätte Albert Schweizer des Volksbundes hilft Schülern dabei, Geschichte mit Gegenwart und Zukunft zu verbinden.“ Das sehen auch andere Fahrtteilnehmer so. Und der eine oder andere plant bereits die nächste Klassenfahrt nach Niederbronn-les-Bains.

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

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