Ein Dorf an der Somme

3. Juli 2017

schleifen

nach dem Lackieren muß die Schrift wieder lesbar gemacht werden

Deutsche Kriegsgräberstätte I. WK Vermandovillers - nach getaner Arbeit

Arbeitskommando aus NRW

Am 24.09.1914 erreichte der Krieg das in der Somme von Ackerbau, Viehzucht und etwas Forstwirtschaft geprägte Dorf Vermandovillers.
Deutsche Verbände hatten in geringer Entfernung des Dorfes mehrere Frontgräben u.a. in Richtung Ablaincourt ausgebaut, die von französischen Einheiten unter verheerenden menschlichen Verlusten angegriffen wurden. In den fast zweijährigen Kämpfen und Schlachten zermalmten hunderttausende Granaten das Dorf, ließen eine Kraterlandschaft, in der Menschen überlebten, fielen, an Entbehrung oder Krankheit verstarben, entstehen. Nach dem Krieg kehrten die Bewohner zurück, bauten ihre Häuser und Ställe wieder auf, ebneten die konterminierten, vernarbten  Äcker ein, bargen Tote, Granaten. Vermandovillers wurde für das ertragene Leid mit dem „Croix de guerre“ ausgezeichnet.
Begegnet man dem Krieg in dieser Region lassen sich Spuren von Malern, Medizinern, Schriftstellern, Dichtern, Denkern wie z.B. Ernst Jünger, Fritz von Unruh, August Stramm, Reinhard Johannes Sorge, Wilhelm Klemm nachvollziehen. Georges Duhamel, Joe Bousquet, Blaise Cendrars, Jacques Vaché sind den Deutschen weniger bekannt. Bei John Reuel Tolkien erinnert man sich an „Herr der Ringe“. „Die Straße der Geister“ von Siegfried Loraine Sasson ist nicht unvergessen.
Alle der genannten Personen erlebten die Gräuel, das unermeßliche Leid, zogen Lehren aus
ihren Traumata, die die Nachwelt kaum verstand oder nicht verstehen wollte.
Militärfriedhöfe, Gräber der Gefallenen wurden zu mahnenden Zeugen, am Rande der Straße,
in Feldern oder Wäldern angelegt.
Das zerborstene Land gibt noch heute seine verborgenen Opfer frei, Gebeine von Gefallenen. Hin und wieder spuckt es verschluckte Granaten, Bomben aus.

In dieses Nachkriegsgeschehen verlegten aus Nordrhein-Westfalen zwei aktive Soldaten der  3./Aufklärungsbataillon 7 aus Ahlen mit fünf Reservisten aus dem Großraum Erwitte, Drewer unter der Leitung von Oberstabsfeldwebel d.R. (OStFw d.R.) Günter Schlüter nach Vermandovillers. Aufgrund eines Teilnehmerausfalls reiste Fhj.d.R. M. Krebbers, in Frankreich lebend, an, um den geplanten Kriegsgräberarbeitseinsatz zu unterstützen, zumal G. Schlüter aufgrund einer vorausgegangen OP nur eingeschränkt mitwirken konnte.
Die Unterbringung erfolgte nicht in einer Kaserne, sondern vielmehr in einer viersternigen Ferienwohnungsanlage mit Selbstversorgungseinheiten auf einer Farm in Omiécourt.

Die Gruppe sollte die stark eloxierten, oft kaum noch lesbaren Grabkreuze im Block 2 der Deutschen Kriegsgräberstätte in Vermandovillers abschleifen, abwaschen, schwarz lackieren und anschließend die Farbe von der erhabenen Grabzeicheninschrift wieder entfernen. Durch den so entstandenen Kontrast – schwarzes Kreuz und weiß-silbrige Schrift – wurden sie wieder gut lesbar.
Stromaggregat, Hobbyschleifmaschinen, Schleifsteine und Schleifschwämme, zwei Campinggarnituren, eine Dixitoilette, ein großer Wasserhobbock, Waschseife und  Desinfektionsmittel wurden bereitgestellt. Die Gruppe stellte schnell fest, daß die elektrischen Schleifmaschinen schnell heißliefen, um ihren Geist aufzugeben. Dieser Umstand wurde in der Verwaltung reklamiert. Bosch-Maschinen mit entsprechendem Zubehör wurden einen Tag später angeliefert.
Bis zum ersten Wochenende arbeitete die Truppe bei 37°. Etwas Kühlung und Erfrischung brachten die Laubbäume und ein leichter von See kommender Wind. Der Wetterbericht meldete leichte Abkühlung für die Folgewoche.
In dem Maße wie sich die Arbeitsorganisation einspielte und sich die Teams fürs Schleifen, Abwaschen, Lackieren, Polieren fanden, konnte auch die Arbeitsleistung pro Tag stetig etwas  gesteigert werden.  

Die Kriegsgräberstätte liegt wirklich am Rande der Straße – an der mautpflichtigen A 29 / E 44 oder der D 143. Trotzdem fanden immer wieder kleine Personengruppen diese Stätte.
Einmal waren es Briten, die das Grab eines deutschen Vorfahren besuchten, eine Gruppe
belgischer Historiker auf der Suche nach gefallenen Fliegersoldaten, wie z.B. Lt. Joachim-Adolf Wolff von der Jasta 11 im Ulanen-Regiment Nr. 55 (geb. 24.09.1895 in Mühlhausen, gefallen 16.05.1918 bei Cappy ) – Adjudant von Manfred von Richthofen. Das Grab des 24jährigen Dichters Reinhard Johannes Sorge, der nach schwerer Verwundung auf dem Verbandplatz von Ablaincourt verstarb, wurde gesucht. Er ruht unter den Unbekannten.
Gefunden wurde die Ruhestätte von Dr. Alfred Lichtenstein im Kameradengrab.
 
Was unternimmt man, wenn man in einem fremden Land zu Gast ist, um dort zu arbeiten.
Man versucht Land und Leute kennenzulernen, die einheimische Küche incl. Getränke zu genießen, Geschichte nachzuvollziehen. OStFw Schlüter hatte eine kleine Liste zusammengestellt, die teilweise durch Krebbers – der Franzose - ergänzt wurde. So führte
die Gruppe Exkursionen nach Le Tréport durch, wo sich eine britische Kriegsgräberstätte mit deutscher Belegung befindet, auf das Plateau mit einem weiten Blick über den Kanal und die
Kreidewände, in denen sich deutsche Bunker befinden. Der Versuch, in Ault ein Meerbad zu nehmen scheiterte aufgrund von Wind- und Wellentätigkeit. Es ging nach Péronne, wo das
Kriegsmuseum besucht wurde, was eine Herausforderung darstellt,  anschließend nach Thiepval zum britischen Kriegsgräberdenkmal  mit anschließender Kriegsgräberstätte, nach La Boisselle zur Lochnagar-Minentrichterbesichtigung, nach Albert, wo die unterirdischen Fluchttunnel als Museum Begeisterung hervorrief. Später führte der Weg nach Bourdon, um die dortige, beeindruckende Kriegsgräberstätte aus dem 2. WK zu besuchen. Vor dem großen Regen traf man rechtzeitig in Amiens ein, um die herrliche Kathedrale aus dem 13 Jhd zu besichtigen und zu erleben, wie Regen durch das restaurierungsdürftige Dach stürzt.

Am 18.06.2017 besuchte der Beauftragte des Volksbundes für die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr in NRW, OTL a.D. Roland Schmitt, die Gruppe. Er würdigte die Arbeit der Teilnehmer, dankte ihnen für ihren Einsatz und zeichnete OStFw d.R. G. Schlüter für seine Verdienste um die Friedensarbeit für den Volksbund Deutschen Kriegsgräberfürsorge aus.

In Anwesenheit eines französischen Mitarbeiters des Volksbundes fand gegen 12h die Kranzniederlegung und das Totengedenken statt.

 

Text und Fotos: Matthias Krebbers

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.

Spendentelefon: 0561 700 90

Spendenkonto

IBAN:
DE23520400210322299900

BIC: COBADEFFXXX

Commerzbank Kassel