Einblick in das Herz eines Soldaten - Arbeitseinsatz BERRU / Frankreich

14. Oktober 2015

Viele Menschen in Deutschland begegnen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge meist nur in Form der Sammeldosen für Spenden oder den vielen freiwilligen Spendensammlern, die freundlich an ihrer Tür klingeln. Doch was genau mit den Spendengeldern passiert ist nicht unbedingt auf den ersten Blick ersichtlich. Doch schaut man etwas genauer, sieht man weltweit in 45 Ländern auf 832 ordentlich gepflegten Friedhöfen was diese Spenden bewirken.

Natürlich bedarf es nicht nur Spendengelder, sonder auch viele fleißige Hände die ehrenamtlich diese Mahnmale pflegen. Im Juni 2015 wurde mir die Gelegenheit gegeben, für zwei Wochen eben dies zu tun. In diesem Bericht erzähle ich über meine Vorstellungen und Erwartungen vor dem Arbeitseinsatz, meine Eindrücke während der Arbeit und darüber, wie diese Eindrücke mich geprägt haben.

Als ich angesprochen wurde, ob ich nicht Interesse hätte, für zwei Wochen nach Frankreich zu fahren um dort Kriegsgräber zu pflegen hatte ich zwar keine genaue Vorstellung darüber, was mich erwarten würde oder was genau hinter dieser Arbeit sich verbarg, aber ich wusste es war eine gute Sache. Darüber, warum es etwas Gutes war, hatte ich mir nicht viele Gedanken gemacht. Viele sagten, es ist etwas Gutes und es werde bestimmt eine einmalige Erfahrung sein. So wurde ich von allen Seiten ermutigt mit nach Frankreich zu fahren.

Und so fuhr ich als Teil eines 10 Mann starken Trupps von Soldaten des “CIS Battalion“ in Eibergen, Anfang Juni ohne große Vorstellungen, zu einem ungewöhnlichen Arbeitseinsatz in Richtung Frankreich. Das Ungewöhnliche war uns ein steter Begleiter in diesen zwei Wochen. Angefangen damit, dass zwei aus unserem Trupp niederländische Kameraden waren sollte auch unsere Arbeit etwas besonders Ungewöhnliches mit sich bringen. In der ersten Woche war unsere Aufgabe für einen Arbeitseinsatz des Volksbundes jedoch noch recht gewöhnlich. Wir waren damit beschäftigt, auf einem deutschen Friedhof für Kriegsopfer bei Berru die Eisenkreuze der Gräber zu reinigen, Inschriften auf einigen Steintafeln mit weißer Farbe zu erneuern und einige Betonfundamente der Kreuze zu erneuern, damit diese wieder schön gerade stehen konnten.

Am Wochenende besichtigen wir einige sehr interessante Schauplätze des ersten Weltkrieges in der Nähe, wie das „Beinhaus von Douaumont“, das „Fort de Douaumont“, „la citadelle souterraine de Verdun“ und das kleine zerstörte Dörflein Fleury-devant-Douaumont.

In der zweiten Woche begann dann der sehr ungewöhnliche Teil unserer Arbeit.

Wir fuhren an einen Ort Namens Nauroy, der im ersten Weltkrieg komplett zerstört und danach nie wieder aufgebaut wurde. Lediglich an der Stelle, an der vor dem Krieg die Kirche stand wurden ein kleiner Schrein und eine Mauer um den dahinter liegenden Friedhof errichtet. Dann geriet der Friedhof größtenteils in Vergessenheit. Etwa ein Jahr vor unserem Arbeitseinsatz wurden auf diesem Friedhof Gräber mit Opfern des ersten Weltkrieges gefunden. Diese sollten nun auf einen ordentlichen Friedhof umgebettet werden und wir durften den Anfang dieser Umbettung einleiten. So trafen wir uns mit dem Leiter der Außenstelle des Volksbundes, dem stellvertretenden Bürgermeister der anliegenden Gemeinde und einem Archäologen auf diesem Friedhof und stellten fest, dass die Gräber nur spärlich markiert waren. Niemand konnte weder genau sagen wo die Toten lagen, noch wie viele dort liegen würden. Und so begannen wir vorsichtig an den Stellen zu graben, an denen der Archäologe die Gräber vermutete.

Auch war eine Gruppe Hobby-Archäologen mit dabei und so war der kleine Friedhof sehr belebt.

Wir fingen ganz vorsichtig mit kleinen Kellen an zu graben und fanden permanent kleine Skelettfragmente was die Grabungen sehr zeitaufwändig machte. Der Archäologe erklärte uns das so, dass im ersten Weltkrieg die Deutschen den Friedhof wieder verwendeten. Dabei hoben sie nur auf die Schnelle neue Gräber aus, zerstörten dabei die Skelette der dort bereits Begrabenen, betteten ihre Toten in den Gräbern und schlossen die Gräber mit dem Aushub, in dem nun die teilweise zerstörten Skelette lagen. Doch wir waren alle hoch motiviert und kamen bei sonnigen Temperaturen gut voran. Von unseren Funden waren zwei Skelette recht gut erhalten. Eine Kinderleiche und ein deutscher Soldat, bei dem wir noch Reste seiner Uniform, etliche Knöpfe einer Zeltbahn und einen kleinen Geldbeutel mit ein paar Münzen darin fanden. Der Archäologe erklärte uns, dass die Soldaten ihren gefallenen Kameraden wohl nur schnell in zwei Zeltbahnen gewickelt und so beerdigt hatten.

Nicht nur diese Umbettung, sondern auch die Arbeit in der ersten Woche und die Ausflüge am Wochenende waren sehr beeindruckende Erfahrungen, die mich sehr nachdenklich gemacht hatten. Bevor ich nach Frankreich fuhr hatte ich nur eine vage Idee, warum dieser Arbeitseinsatz etwas Gutes und Nützliches sein könnte. Doch mit den Erfahrungen der zwei Wochen lichtete sich der Schleier über dieser vagen Idee und es manifestierte sich eine Vorstellung, warum ich heute überzeugt sagen kann, dass es etwas Gutes ist, diese Gräber zu pflegen.

Als ich das erste Mal auf einem dieser Friedhöfe stand fühlte ich mich sehr bedrückt. So weit das Auge reichte sah ich nur Kreuze und jedes einzelne Kreuz markiert zwei tote Menschen und dann waren da noch zwei Massengräber, in denen über dreizehntausend Tote lagen. Selbst heute beim Schreiben dieses Textes läuft es mir kalt den Rücken herunter. Der Gedanke daran, dass es hunderte solcher Friedhöfe gibt ist verstörend.

Als ich mir die Kreuze einmal genauer anschaute sah ich, dass kaum einer dieser Toten mein Alter erreicht hatte. Es fiel mir nicht besonders schwer mich mit diesen gefallen Soldaten zu identifizieren. Besonders nach den Besuchen in den verschiedenen Museen an dem Wochenende während des Arbeitseinsatzes, bei denen ich immer wieder viele alltägliche Gegenstände sah, die ich in einer sehr ähnlichen Form heute noch benutze. Es gibt viele Gemeinsamkeiten in den Soldatenleben von damals und heute. So kam mir der Gedanke, wo ich vielleicht geblieben wäre, wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte. Wäre ich überhaupt 30 Jahre alt geworden?

Viele dieser Toten waren außerdem Kriegsfreiwillige. Warum würde wohl jemand freiwillig in einen derart zerstörerischen und menschenverachtenden Krieg gehen wollen? Ich erinnerte mich an ein Zitat dass ich vor nicht allzu langer Zeit lesen durfte. Es ist ein englischer Satz und ich möchte ihn an dieser Stelle auch auf Englisch wiedergeben. Es war Charles Dibdin, der im 18ten Jahrhundert schrieb: "For a soldier I listed, to grow great in fame. And be shot at for sixpence a day." War es also Ruhm und Ehre, die diese jungen Männer in den Krieg trieb, der Sold oder eine Arbeit zu haben?
Es drängte sich der Gedanke auf, warum ich mich entschieden hatte Soldat zu werden und mich bereit erklärte, in einen Auslandseinsatz also einen Krieg zu ziehen, wenn es sein müsste. Ging es nicht auch darum mein Land, meine Mitmenschen, die Verfassung und unsere Werte zu verteidigen?

Vielleicht waren die Gründe Soldat zu werden damals wie heute nicht sonderlich verschieden. Als ich  wieder auf einem der Friedhöfe in Mitten tausender Gräber stand wurde mir klar, dass es vielleicht gar nicht so wichtig ist, warum diese Menschen Soldaten wurden und ihr Leben verloren.

Viel wichtiger ist, dass all diese Toten nicht in Vergessenheit geraten!

Das ist mir heute der wichtigste Grund zu sagen, dass es etwas Gutes ist, diese Gräber zu pflegen und zu erhalten. Dafür dass kommende Generationen wenn sie diese Gedenkstätten besuchen, genau dieses erdrückende Gefühl haben werden, das mir so kalt über den Rücken lief auf einem Friedhof in Frankreich und dass sie nicht vergessen, was für ein Ausmaß an Tod und Zerstörung ein solcher Krieg mit sich bringt. Dass es nicht vergessen wird, nicht in Nostalgie schwelgt und sich niemand wieder nach einem Krieg sehnt. In der Hoffnung, dass es in meiner Zeit und in der Zukunft einen derartigen Krieg nicht wieder geben wird.

Aus diesem Grund würde ich mich jeder Zeit wieder freiwillig für einen solchen Arbeitseinsatz melden und diese Gedenkstätten und Denkmäler pflegen und erhalten.

 

Text: StGefr Frohnapfel

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