„Hinter den Rosen … verschwanden Menschen“

Erstes Symposium des Deutschen Riga-Komitees in Magdeburg

16. November 2012

Erstes Symposium des Deutschen Riga-Komitees in Magdeburg

Zwischen dem Schönebecker Nicolaiplatz und dem Magdeburger Hauptbahnhof stand immer wieder dieser eine Satz: „Hier verschwand ein Mensch“!

Mit einer eigens gefertigten Maschine zogen 18 Zehntklässler der Sekundarschule Am Lerchenfeld Ende September vergangenen Jahres die teilweise heute noch lesbare Wörterlinie auf jener Strecke, auf der die Menschen damals verschleppt wurden. Eine Gedenkplatte mit der gleichen Inschrift im Boden vor dem Magdeburger Hauptbahnhof erinnert seitdem an diesen „Weg des Grauens“, an die Deportationen 1942 - 1944. Die begleitenden Lehrerinnen Konstanze Jobs und Ellen Kursawa stellten den Teilnehmern des ersten Symposiums des Deutschen Riga-Komitees in Magdeburg am späten Samstagnachmittag dieses und andere Projekt vor.

Die Stadt Magdeburg und der Landesverband Sachsen-Anhalt im Volksbund hatten am ersten Novemberwochenende zum Symposium nach Magdeburg eingeladen. Zahlreiche Vertreter der im Riga-Komitee zusammengeschlossenen Städte folgten dieser Einladung. Freitagabend begann die Veranstaltung im Alten Rathaus mit der Eröffnung der Wanderausstellung „Bikernieki – Wald der Toten“ und einer Einführung durch Winfried Nachtwei, die er mit seinem fundierten Vortrag „Nachbarn von nebenan - verschollen in Riga“ am nächsten Tag fortsetzte.

Zuvor hatte am Samstagmorgen Lutz Trümper, Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Magdeburg, die Anwesenden begrüßt. Dr. Trümper erinnerte an den Magdeburger Kommunalpolitiker Herbert Goldschmidt, der jüdischer Abstammung war und im Mai 1931 Stellvertreter des damaligen Magdeburger Oberbürgermeisters Ernst Reuter wurde. Nach Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Goldschmidt 1933, wie auch Ernst Reuter, sein Amt. Er wurde öffentlich erkennbar aus dem Amt geprügelt und noch im selben Jahr von der Gestapo verhaftet. Er starb 1943 im KZ Riga. Umgekehrt führte der Leidensweg von Max Michelsohn aus Riga nach Magdeburg. Pascal Begrich, Geschäftsführer von Miteinander e. V., informierte anhand dieses Beispiels über die KZ Außenlager in Magdeburg. Max Michelsohn überlebte diese schreckliche Zeit.

Entwicklung des Riga-Komitee

Volker Hannemann, Vizepräsident des Volksbundes, ging in seiner Einführung auf die Entwicklung des Riga-Komitees insbesondere in den vergangenen zwei Jahren ein. Durch Beitritte von drei weiteren Städten (Herford, Moers, Marburg) wuchs das Komitee auf heute insgesamt 41 Mitgliedsstädte an. Die Beitritte von Bünde (am 09.11.2012) und Stadtlohn (am 07.12.2012) als Nr. 42 und 43 stehen fest. Weitere Interessenten sind die Städte Havixbeck, Krefeld und Ahlen. Die 32-seitige Broschüre „Riga-Bikernieki“ sowie die Wanderausstellung „Bikernieki – Wald der Toten“ sind durch den Volksbund Ende 2011 neu konzipiert worden. Beides ist auf der ebenfalls überarbeiteten Internet-Seite www.deutsches-riga-komitee.de zu finden. Zudem sind hier von Wissenschaftlern erstellte Texte unter anderem Zur Geschichte der Deportation, Über die Gedenkstätte der Naziopfer im Wald von Bikernieki, Lettland unter deutscher Besatzung 1941-1944 abrufbar.

Frau Waltraud Zachhuber, Superintendentin i. R., informierte in ihrem Vortrag über das Magdeburger Gedenken an ermordete jüdische Bürger. Besonders beeindruckend waren Fotos der von Gerhard Rommel geschaffenen, 1978 eingeweihten Anne-Frank-Stele.

Die Lehrerinnen Ute Mühler und Sandra Wilk stellten die Projekte „Spurensuche Dialog“ und „Aktion Stolpersteine“ am Hegelgymnasium Magdeburg vor. Insbesondere der dabei vorhandene Kontakt mit dem Künstler Gunter Demnig habe die Schüler bei der Projektarbeit inspiriert. Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen STOLPERSTEINE in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten.

Gedenken in Magdeburg

Nach dem Mittagessen ermöglichte ein Stadtrundgang zu Gedenk- und Erinnerungsorten an Magdeburg im Nationalsozialismus weitere Einblicke in die Gedenkkultur der Stadt. Spannend war dabei die Information, dass Erich Honecker 1988 das Gedenken an den Holocaust in der DDR teilweise forcierte. Er hoffte dadurch, einer Einladung als Staatschef in die USA näher zu kommen. Dieses Ziel hat er – wie wir heute wissen - nicht erreicht. Auf dem Rundgang sahen die Teilnehmer auch Stolpersteine für Herbert Goldschmidt und andere ehemalige Menschen aus Magdeburg.

Fachvorträge von Dr. Günter Schmidt vom Volksbund Stadtverband Leipzig über das „Gedenk- und Totenbuch der Leipziger Opfer der NS-Gewaltherrschaft“ sowie von Philipp Schrage, Referent für Jugend- und Schulbildung im Volksbundlandesverband Sachsen-Anhalt, über die „Multiperspektivität in der historisch-politischen Jugendbildung“ prägten den ersten Teil des Nachmittags. Thomas Rey aus der Bundesgeschäftsstelle in Kassel erläuterte kurz die Homepage www.deutsches-riga-komitee.de auf der auch die Mitgliedsstädte Informationen über ihre Aktivitäten einstellen und ihre Ansprechpartner benennen können. Abgerundet wurde der Nachmittag durch die Vorstellung des Projekts der Sekundarschule Am Lerchenfeld.

Hinter den Rosen

Am Abend im Gesellschaftshaus Magdeburg dann ein letzter Akt, die Aufführung des Musiktheaterstückes „Hinter den Rosen“ von Marc Neikrug (USA 1980, deutsch von Manfred Gräter, Will Quadflieg u. Marco Arturo Marelli). Das Stück schildert die traumatischen und deshalb in Alpträumen immer wiederkehrenden Erinnerungen eines jüdischen Geigers. Er hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Dort musste er als Häftling Tätern wie Opfern auf seiner Violine aufspielen.

Ein Teilnehmer fasste das Erlebte am späten Abend so zusammen: „Hinter den Rosen … verschwanden Menschen“ - ein irgendwie treffendes Fazit für einen inhaltsreichen, bewegenden Tag. In spätestens zwei Jahren soll es das nächste Symposium des Deutschen Riga-Komitees geben. Der anwesende Bürgermeister von Bünde hat schon Bereitschaft signalisiert, hier aktiv zu werden.

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